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Die halbe Menschheit ist betroffen

Wechseljahre • Noemi Allemann ist Oberärztin am Menopausenzentrum in der «Insel» und arbeitet unter der Supervision von Chefärztin Petra Stute. Die  Wartezeiten für einen Termin betragen ein Jahr – Beratung ist ein Bedürfnis, obwohl dem Thema im Medizinstudium nur 45 Minuten gewidmet werden…

| Sonja Laurèle Bauer | Begegnung
Noemi Allemann. (Bild: zvg)

Die Fakten zeigen es: Es ist ein riesiges Informationsbedürfnis zum Thema Wechseljahre vorhanden. Bei Prof. Dr. med. Petra Stute, im einzigen Meno-pausenzentrum des Kantons Bern in der Insel, belaufen sich die Wartezeiten auf ein Jahr. Warum dies so ist? Bis vor ein paar Jahren wurde über das Thema Menopause nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen – fast wie früher über die Menstruation. Den Frauen ab 40, 50 Jahren wurde geraten, die Wechseljahre stillschweigend auszuhalten. Es war – und ist leider zum Teil immer noch – selbst bei Gynäkologinnen und Gynäkologen kein (rentables) Thema und umso weniger bekannt, welche Beschwerden und zum Teil schweren Krankheiten fehlende Hormone auslösen können. So werden Frauen in einem gewissen Alter nicht automatisch aufgeboten, wie zum Beispiel bei der Krebsvorsorge, zumindest ein Gespräch mit einer Fachperson in Bezug auf die Wechseljahre führen zu dürfen. Frau hat sich selbst darum zu kümmern. Glücklicherweise erschien vor ein paar Jahren das Wachrüttel-Buch von Dr. med. Sheila de Liz: «Woman on Fire» – wovon selbst Ärztinnen und Ärzte profitierten. Denn wer es liest, weiss, gemäss Liz, genauso viel wie sie über das Thema. Auch Männer sollten sich ihm gegenüber öffnen. Beziehungen/Familien hilft es genauso wie den betroffenen Frauen selbst. 

Gehört in die Vorsorge

Noemi Allemann ist Oberärztin im Menopausenzentrum in Bern. «Ich bin Allgemeingynäkologin mit Herz und Seele», sagt sie. Doch weil die Menopause ein grosses Thema ist, bildete sich die Mutter eines elfjährigen Sohnes und einer siebenjährigen Tochter weiter. Ab wann sollte sich eine Frau mit dem Thema beschäftigen, Frau Allemann? «Sobald sie Beschwerden hat, das kann schon Ende 30 der Fall sein. Oder aber auch erst mit über 50.» Allemann plädiert dafür, dass die diesbezügliche Vorsorgeuntersuchung ab Ende 30 zur Normalität wird. «Der richtige Zeitpunkt ist dann, wenn eine Frau Beschwerden bekommt.» Doch diese sind nicht immer einfach zu erkennen. «Es ist ein dankbares Thema, bei dem man mit wenig viel tun kann. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Beschwerden sehr vielfältig sind.» Hitzewallungen könne man zwar einerseits als Alarmsystem bezeichnen, das warne, dass im weiblichen Körper etwas nicht im Lot sei. «Doch Vorsicht: Lange nicht alle Frauen bekommen die klassischen Hitzewallungen.» Viele bemerkten eine höhere Reizbarkeit, Schlafstörungen. «Manche Beschwerden sind schwer fassbar, gerade in dieser Lebensphase.» Manche Frauen hätten in dieser Zeit noch kleinere Kinder, stünden im Berufsleben. «Es ist schwer zu sagen, ob ihre Beschwerden daher kommen, weil Beruf und Alltag stressig sind, oder ob es bereits an der Prämenopause, also an den Hormonen liegen könnte.» 

Herzprobleme, Osteoporose und Co.

Wer sich noch nie mit den Wechseljahren befasst hat, staunt, welche Beschwerden Hormone, die aus dem Gleichgewicht sind, auslösen können: Schlafstörungen. Psychische Syndrome. Konzentrationsstörungen. Depressionen. Ängste, Sorgen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit. Kardiovaskuläre (Herz-)Probleme. Osteoporose. Arthrose. Muskel-, Gelenk- und Gliederschmerzen. Veränderungen der Libido. Beschwerden beim Wasserlösen. Infektionen. Gewichtszunahme. Trockene Haut und trockene Schleim-häute. Kopfschmerzen. 

«Nicht alles muss durch die Hormone verursacht sein – doch es kann.» Sei eine Frau um die 40 Jahre alt oder älter, gelte es, die ganze Differenzial-Diagnostik zu machen. Erst zu prüfen, ob sie an Eisenmangel, Schilddrüsenfunktionsstörungen etc. leide. Wenn dies alles ausgeschlossen sei, und vor allem wenn die Beschwerden in Zusammenhang mit dem Zyklus aufträten, könne ein Therapieversuch mit Hormonen sinnvoll sein.  

Ein Problem, das wir hierzulande hätten, sei, «dass Vorsorge generell weniger im Fokus steht als die Behandlung der Krankheiten». Selbst die Vorsorge in der Gynäkologie beschränke sich auf die Krebsvorsorge. «Die Hormone müssen Thema sein, denn hier können wir Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychischen Erkrankungen und Osteoporose vorbeugen.» Frauen seien vor ihnen geschützt, solange ihr Körper Östrogen ausschütte. «Nach der Menopause haben sie das gleiche Risiko, an einem Herzinfarkt zu erkranken, wie Männer.» 

Östrogen, Progesteron und Testosteron 

Heute wisse man, dass die Abgabe von Östrogen-Präparaten für gesunde Frauen meist kein Problem sei – aber grosse Linderung in Bezug auf mannigfaltige Beschwerden bringen könne. Die Angst davor sei vor etwa 15 Jahren aus den USA herübergeschwappt und habe daher gerührt, dass man die Hormontherapie mit Brustkrebs in Zusammenhang gebracht habe. Doch internationale Studien hätten in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es zwar einen geringen Risikoanstieg durch Hormonbehandlungen gebe. «Mit guten Screenings kann man dies auffangen.» Im vergangenen Dezember hätten die USA aus diesem Grund entschieden, die «Blackbox»-Warnung nicht mehr auf die Hormonverpackungen zu drucken. 

Viele Frauen wünschen eine Therapie mit bioidentischen Hormonen. Aus fachlicher Sicht spielt dies jedoch keine grosse Rolle. «Bioidentisch bedeutet einfach, dass die Struktur des Moleküls so aussieht, wie es der Eierstock selbst herstellt(e).» Denn auch sogenannte bio-identische Hormone würden im Labor hergestellt. «Was für uns Fachpersonen den Unterschied zwischen bioidentisch oder synthetisch macht, ist, dass wir so das Nebenwirkungs-Spektrum ausnützen können. Also individuell schauen, welche Abgabe für die Frau die günstigsten Nebenwirkungen hat.» Mögliche Nebenwirkungen seien ein erhöhter Blutdruck, Brustspannen, Wassereinlagerungen, sie könnten aber auch positiv sein, wie verbesserter Schlaf, verbessertes Hautbild, Verbesserung der Libido. «Verträgt eine Frau keine Östrogen-Therapie, raten wir zu Alternativtherapien, hier gibt es alternative Medikamente, pflanzliche oder komplementärmedizinische -Optionen.» Noemi Allemann findet es wichtig, «dass sich eine Frau traut, ihr Problem anzusprechen». 

Östrogene werden via Tabletten oder per Gel, Pflaster oder Spray über die Haut aufgenommen. Ein wichtiger Risikofaktor ist das Thromboembolie-Risiko. «Werden die Hormone über die Haut gegeben, wird das Risiko nur minim erhöht, trotzdem gilt es immer eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiko zu machen. Wir versuchen mit der Patientin die für sie beste Lösung zu finden», sagt Allemann. «Solange eine Frau ihre Gebärmutter hat, darf Östrogen nicht allein abgegeben werden. Zum Schutz der Gebärmutterschleimhaut muss ein Gestagen, ein Gelbkörperhormon, dazu gegeben werden.» Ein Beispiel ist das bioidentische Progesteron, welches zudem eine schlaffördernde Wirkung hat. 

Die Verabreichung von Testosteron könne helfen, die Libido zu verbessern. «Andere Wirkungen konnten bisher nicht belegt werden. Viele Frauen erleben aber eine Beschwerdeverbesserung, weshalb es trotzdem immer öfter verschrieben wird.» Es gebe in der Schweiz jedoch kein Präparat, das für Frauen zugelassen sei. 

Der lebenslange Prozess in Wellen 

Die Zeit der Wechseljahre, aufgeteilt in Prämenopause, Menopause und Postmenopause, kann bis zu 15 Jahren oder länger dauern. Viele Jahre, in denen sich eine Frau sowohl körperlich als auch mental verändert. Die Hälfte der Menschheit sind Frauen. Warum wurde die Menopause in der modernen Welt so spät zum gewichtigen Thema? Noemi Allemann: «Die Gynäkologie gilt immer noch als kleines Fach. Aber auch wir im Menopausenzentrum der Insel versuchen alles zu tun, dass dies nicht mehr so ist.» So habe zum Beispiel die Innere Medizin des Inselspitals eine Weiterbildung zum Thema organisiert und das Team des Menopausenzentrums eingeladen, einen Vortrag zu halten. «Auch die Ärzteschaft aus anderen Gebieten beginnt sich mehr und mehr für das Thema zu interessieren.» Wichtig sei: «Die Gesellschaft muss sich vom Gedanken lösen, das Befinden einer Frau sei immer gleich, bis sie in die Wechseljahre kommt. Es ist ein Prozess, der früh beginnen, stagnieren und wieder weitergehen kann.» Manche Frauen litten in Bezug auf die Hormone schon früher, zum Beispiel am Prämenstruellen Syndrom (PMS). Wer jung sei, habe vielleicht einfach noch die besseren «Puffer», um die Hormonschwankungen auszugleichen. Sie selbst, als Berufsfrau und Mutter, kenne die generellen Hormonschwankungen. Zum Beispiel auch die Hormonänderungen in Schwangerschaft und Stillzeit. «Das sind spannende Phasen, welche bis heute nicht vollständig untersucht sind. In der Umstellung nach einer Schwangerschaft erfolgen ähnlich viele Prozesse wie in der Pubertät. Diese Phase wird auch Muttertät genannt.» 

Der Wert der Frau nach der Menopause 

Noemi Allemann empfindet ihren Beruf als wunderbar. «Das Vertrauen, das wir von unseren Patientinnen geschenkt bekommen, ist ein grosses Privileg.» Übrigens würde jede Kultur anders mit der Menopause umgehen. So klagten Frauen im asiatischen Raum weniger über Hitzewallungen. «Dafür öfter über Depressionen.» In Marokko erlebe die reife Frau eine Aufwertung in Bezug auf die gesellschaftliche Stellung («weil sie nicht mehr blutet, da dies in mancher Religion als unrein gilt»). Doch die gesellschaftliche Anerkennung sei mit ein Grund, dass die Frauen unter weniger Wechseljahr-Beschwerden litten. «Dies macht bewusst, dass die Befindlichkeit in und nach der Menopause sehr damit zu tun hat, wie eine Gesellschaft eine reife Frau behandelt. Denn auch nach Abschluss der Fruchtbarkeit ist sie als Mensch wertvoll. Wir sollten Lebenserfahrung und Reife hervorheben und die Würde des Menschen auch in höherem Alter nicht antasten!» 

Wegfallende Frauenpräparate

Wichtig finde sie den Fortschritt in der Gendermedizin. «Dass sich diese Männer-dominierte Domäne endlich gegenüber dem Weiblichen öffnet. Denn die Medizin für Frauen ist eine komplett andere. Dies zeigen zum Beispiel die Symptome bei einem Herzinfarkt.» Worüber sich Allemann ärgert: «Manchmal wird ein wichtiges Medikament oder Präparat, wie kürzlich gerade wieder geschehen, kurzum vom Markt genommen.» Sie erklärt: «Das entsprechende Präparat wird von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt, weil, wie sie sagen, der Preis im Vergleich zu den Generika nicht gerechtfertigt sei. Also nimmt die Pharmafirma das Präparat lieber von der Liste, anstatt den Preis zu senken. Dass eine Firma dies einfach so allein entscheiden kann, ist sehr bedenklich.» Aus-serdem arbeite sie oft mit chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten zusammen. «Je nach Medikament muss ich arg darum bitten, dass es überhaupt bezahlt wird. Dies ist nervenaufreibend und unnötig.» Doch sei sie Ärztin, nicht Politikerin. «Spannend wäre es allemal, dies Thema aufzugreifen.»                             


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