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Der Crooner mit der Merlot-Stimme

Hünibach • Daniel Spichiger ist Jazzsänger, Komponist, Pianist und Bauingenieur. Sein Herz gehört allerdings nicht den Immobilien, sondern der Musik.
Seine samtene Stimme klingt wie gut gereifter Merlot, nach Pflaume, schwarzer Kirsche und Schokolade. 

| Sonja Laurèle Bauer | Begegnung
Sänger, Komponist und Pianist Daniel Spichiger aus Hünibach schrieb unter anderem «The Golden Glow», einen Song voller Liebe. (Bild: zvg)

Zwar wurde Daniel Spichiger in der Schweiz geboren, doch laufen lernte er 1958 auf dem Dampfer in die USA. Sein Vater, ein Bauingenieur, wie sein Sohn es später auch werden sollte, bekam, als Daniel Spichiger noch ein Baby war, von Alfred Benesch & Company aus Chicago das Angebot, in den Staaten zu arbeiten. «Damals war es Mode, in Amerika Schweizer Profis einzustellen.» Für die Stelle vorsprechen habe sein Vater 1957 in Zürich müssen. Er versprach, für den neuen Job Englisch zu lernen, was er sich allerdings erst auf dem Schiff nach Übersee zu Herzen genommen habe. «Er dachte, er könne es während der zweiwöchigen Fahrt nach New York lernen, was natürlich nicht gelang und wofür er von Mister Benesch später getadelt wurde», schmunzelt Spichiger. 

Stil und Klasse

Der Boss gewährte der Familie später jedes Jahr einen Monat Ferien. «Wir bereisten während der sieben Jahre, in denen wir in den Staaten lebten, mit dem Auto alle US-Bundesstaaten, ausser Alaska und Hawaii. Es war das Goldene Zeitalter in Amerika.» 

1965 reiste die Familie zurück in die Schweiz. Daniel Spichiger erinnert sich daran, wie schwer seiner Mutter – «sie war Schneiderin, nähte sich ihre Garderobe selbst und sah aus wie Jackie Kennedy Onassis» – der Abschied fiel. «Ich sehe sie noch heute an der Reling stehen und beobachten, wie die Freiheitsstatue langsam in weite Ferne rückte … «Sie wäre gern in den Staaten geblieben.» 

Zwischen zwei Welten

Zurück in der Schweiz habe er als Junge kaum seine Grossmutter verstanden, so Daniel Spichiger, der damals nur Englisch sprach. «Später war es umgekehrt. Ich schien mein Englisch verlernt zu haben.» Das Faszinierende: «Heute weiss man, wie prägend die ersten Lebensjahre sind. Die Staaten prägten mich und meinen Charakter.» Das Englisch sei plötzlich wieder vollkommen da gewesen. «Aber auch die Lebensart der Menschen in den USA, das Erlebte, die Kultur – alles ist tief in mir verankert.» Er staune oft selbst: «Wenn sich jemand über die Staaten äussert, merke ich, dass ich mich sehr davon berühren lasse, dass Amerika ein Teil meines Heimatgefühls ist.» Das Gefühl, an zwei Orten daheim zu sein, liess ihn seither nie mehr los. 

Blütezeit der Crooner

Daniel Spichiger bekam also seit frühester Kindheit die Blüte der Crooner-Kultur der Vereinigten Staaten mit – und verinnerlichte sie. Seine Mutter sammelte Schallplatten. Sie besass jeden erdenklichen Tonträger, auf dem zum Beispiel Nat King Cole oder Sängerinnen wie Ella Fitzgerald zu hören waren. Unter einem Crooner versteht man einen Sänger, der romantische, sentimentale Songs mit weicher, warmer, intimer Stimme vorträgt – so, wie es Daniel Spichiger längst sowohl in den USA als auch hierzulande tut. 

Doch wie kam es? Als er 20 war, wollte Daniel Spichiger Medizin studieren und die Musik als Leidenschaft bewahren. «Sie war so oder so immer ein Teil von mir.» Er hatte bereits seinen Studien-platz an der Universität Freiburg und das Praktikum als Pfleger hinter sich. Doch sein Vater überredete ihn, auch Bauingenieur zu studieren. Der Ingenieur, Politiker und Dozent am Burgdorfer Technikum war inzwischen mit seinem eigenen Ingenieurbüro auch hierzulande erfolgreich; die Mutter machte dabei die Buchhaltung. Daniel beugte sich dem Willen des Vaters, trat das Medizin-studium nie an und ging stattdessen nach Zürich an die ETH, wo er seelische Qualen litt. «Das war eine schwere Zeit; ich fühlte, dass ich am falschen Ort war.» Er beendete das Studium an der ETH und schloss es später am Technikum in Burgdorf ab. Danach ging er wieder nach Zürich, wo er als Bauingenieur tätig war. «Ich verwirklichte ein grosses Projekt unter Rolf André Siegenthaler. Er half mir, den Weg in diesem Beruf zu finden.» 

Neue Wege

Wirklich zufrieden im Beruf war er indes nicht. «Die Musik, der Jazz, war zu gewichtig in meiner Seele, meinem Leben. Er liess mich nicht los.» Er begann, Gesangsunterricht zu nehmen. Weil seine Gesangslehrperson erkannte, welches Talent in dem jungen Mann brachlag, kam die Idee auf, dass er in den Staaten weiterstudieren könnte. Sie wurde wegweisend. Daniel lernte im Tessin den Jazz-Pianisten und Komponisten Giulio Granati kennen. «Wir nahmen zehn Standards auf, mit denen ich mich am Berklee College of Music in Boston bewarb.» Und weil auch die bekannte Schule in den USA von Daniel Spichigers Potenzial überzeugt war, erhielt er gar ein Stipendium für die Studienzeit. Zudem erhielt er den Tony-Bennett-Award, da ihn auch der populäre US-Künstler, der 19 Grammys gewann und 50 Millionen Tonträger verkaufte, unterstützen wollte … 

Aufgrund dessen setzte sich Daniel Spichiger daheim durch: «Ich war Mitte 20, packte die Koffer und reiste nach Boston.» Dieses Mal allerdings mit dem Flugzeug – und studierte drei Jahre «Jazz Composition & Arranging» an besagtem Berklee College of Music. Dort konnte er sich von den besten Lehrpersonen ausbilden lassen – sein Können gibt seiner Kunst bis heute recht. 

Nach dem Studium kam Daniel Spichiger für sechs Monate zurück in die Schweiz – und zog schliesslich nach Chicago um. 

Cooler by the Lake

«Ich lernte stets neue, wunderbare Jazz-Künstler kennen.» Darunter sei ein Afro-amerikaner gewesen, dessen Stimme faszinierend gewesen sei und von dem er viel gelernt habe. «Er war ein Genie, aber obdachlos, hatte stets seine Zahnbürste und Zahnpasta, seine Haarbürste dabei. Auch das ist Amerika.» Dieser Künstler habe ihn unter seine Fittiche genommen, ihn weitergebracht. Genauso wie der bekannte Jazzsänger Marc Murphy. «Er gab in der Green Mill, der legendären Bar, in der einst Al Capone herumhing, einen Jazz-Workshop. Sein Pianist, Mark Burnell, suchte für sein vierstimmiges Vocal-Jazz-Quartett namens Cooler by the Lake einen Tenor, so nahmen sie mich auf. Es war eine wunderbare Zeit.» Aber: «Ich singe nach Gehör, ich
kann nicht ab Blatt spielen.» Hindern indes tue ihn dies nicht. Aller Bescheidenheit zum Trotz: «Ja, Cooler by the Lake, die Band, war in Chicago gut bekannt.»

Von Chicago Downtown nach Hünibach

Ende der 1990er-Jahre trat die Musikerkarriere in den Hintergrund. 1998 wurde Liam geboren, der erste Sohn, der heute auch Musiker ist. Bald darauf folgten der zweite Sohn, Dave, im Jahr 2000 und 2006 Tochter Bodine. Und dann ist da noch Ray, der Hund, benannt nach Ray Charles. 

«Ja, dann kamen wir von Chicago nach Hünibach …» Er selbst habe nicht unbedingt in die Schweiz zurückkommen wollen. Er sei zufrieden gewesen in Chicago. «Es war ein Familienentscheid.» Obwohl sie in der Schweiz lebten, sprachen die Familienmitglieder daheim Englisch miteinander. Bald fand Spichiger den Anschluss zur Schweizer Jazzszene und ist darin bis heute eine Grösse. So spielt und singt er in verschiedenen Bands, darunter in seinem eigenen Quartett «Planet Jazz», mit dem Saxofonisten und Arrangeur Rolf Häsler. Oder in der Groove Connection Big Band (GCBB), unter der Leitung von Jazz-Trompeter Sandro Häsler. Diesen Sommer war er im Rahmen eines Frank-Sinatra-Projekts unter der Leitung von Sandro Häsler und Georgios Balatsinos, mit der Big Band und dem Jugendsinfonieorchester Arabesque aus der Region mit dem Programm «The Good Life» – unter anderem im Kultur- und Kongresszentrum Thun (KKThun) – auf Tournee (wir berichteten). 

Wie geht es ihm nun in der Schweiz? Daniel Spichiger überlegt. «Wenn ich in den USA bin, fühle ich Blues und Jazz aus erster Hand. Das ist magisch.» Auf der anderen Seite seien Blues und Jazz in den Staaten nicht selten mit Rassismus behaftet. Oder würden als Background-Musik gespielt. «Hier sind sie vor allem eine Kunstform. Das schätze ich sehr.» Wenn er «drüben» sei, besuche er selbstverständlich ganz bewusst originale Blues- oder Jazzclubs. 

«Ich möchte mehr komponieren»

Und was macht Daniel Spichiger, wenn er nicht singt? «Ich segle gern auf dem Thunersee», sagt er. Und sein Traum: «Ich wünsche mir die Zeit, mich bald ganz der Musik widmen zu dürfen.» Warum kann er es nicht bereits heute? «Ich habe tatsächlich einen Teil des Familienunternehmens übernommen», so der 69-Jährige. Wichtig sei ihm heute das Komponieren. «Ich bin glücklich, wenn ich wieder ein Lied fertig
geschrieben habe.» 

Seine Kompositionen, die von verschiedenen Musikern arrangiert werden, sind bekannt. «The Golden Glow» ist einer seiner «besseren Songs», wie er es selbst bescheiden nennt. Worum es geht? «Kinder sollten von Liebe umgeben sein. Menschen sollten miteinander auszukommen versuchen.» 

Songs voller Leben und Swing

Inspiration für seine Lieder erhält Daniel Spichiger auch aus seinem eigenen Leben. So hat er in einem persönlichen Lied für seine Kinder grosse gesundheitliche Herausforderungen, vor die er gestellt war, thematisiert. Aber unter seinen Kompositionen finden sich auch unbeschwerte Lieder voller Leben und Swing.

Eine gut gereifte Mischung, wie sie eben auch zu seiner Stimme passt. Seiner samtenen Stimme, die klingt wie gut gereifter Merlot, nach Pflaume, schwarzer Kirsche und eben Schokolade.


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