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Gemeinsam etwas bewirken

Blumenstein • Michael Kammer ist Gemeindepräsident und Forensiker bei der Kantonspolizei Bern. Auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Gebiete, doch auf den zweiten Blick eröffnen sich Parallelen. An beiden Orten ist die Zusammenarbeit im Team wichtig, ebenso Genauigkeit und Objektivität.

| Adrian Hauser | Begegnung
Michael Kammer auf der «Balustrade» des Gemeindehauses. (Bild: Adrian Hauser)

Kommt man in Blumenstein an, spürt man sofort eine tiefe Ruhe, fernab des städtischen Treibens von Thun. Es ist ein malerisches, ländliches Dorf inmitten einer grünen Landschaft. Die Gemeinde liegt im obersten Teil des Gürbetals, oder anders ausgedrückt im untersten Bereich des Stockentals. Der Weg von Thun ist nicht weit, doch man wähnt sich plötzlich in einer anderen Welt. Hie und da braust ein Traktor durch die Strassen, ansonsten gibt es wenig Verkehr an diesem sonnig strahlenden Frühherbsttag. Der Ort hat knapp 1200 Einwohnende, die Bevölkerungszahl hat sich über die letzten Jahre kaum verändert. Rund 25 Prozent der Bevölkerung, also gut ein Viertel, ist über 64 Jahre alt. Früher gab es mal eine Burg hier, die Geschichte von Blumenstein ist eng mit der Kirche verbunden. Das heutige Blumenstein bestand einst aus drei Gemeinden: Blumenstein innert dem Bach, Blumenstein aussert dem Bach und Tannenbühl. Im Jahr 1752 wurden die zwei ersten Gemeinden vereinigt. Die Gemeinde Tannenbühl, welche bis Arnoldsmühle reichte, schloss sich 1863 an. Das zeigt: Gemeinde­fusionen sind kein neues Phänomen, und es funktionierte offenbar auch schon vor über 100 Jahren. Während man sich heute vielerorts damit sehr schwertut.

Solide Finanzen

Gemeindepräsident Michael Kammer entschuldigt sich, weil das Gemeindehaus gerade umgebaut wird. Der hintere Teil ist in ein Gerüst gehüllt. Das denkmalgeschützte Gebäude stammt gemäss Schätzungen von 1872 und sieht mit dem Uhrenturm ein bisschen aus wie eine Mischung zwischen Kirche und Bauernhaus. Die Sanierung wurde Ende 2025 von der Gemeindeversammlung beschlossen und kostet 640 000 Franken, für eine kleine Gemeinde wie Blumenstein ein grosser Batzen. Wegen des Umbaus findet das Gespräch mit Michael Kammer im danebenliegenden Schulhaus statt. Es ist gerade Pause. Es herrscht buntes Treiben auf dem Schulhausplatz, die Kinder lachen und schwatzen, grüssen den Gemeindepräsidenten und seinen Gast beim Vorbeigehen höflich. Michael­ Kammer schreitet voran – zügig und bestimmt, bis zum unbesetzten Klassenzimmer, in dem man sich ruhig unterhalten kann.

Der Umbau ist gemäss Michael Kammer eines der aktuellen wichtigen Geschäfte, welche die Gemeinde gerade umtreibt. «Ein anderes aktuelles Thema ist der geplante Bau einer Handyantenne», erzählt Michael Kammer. Dieser ist umstritten und sorgte für Widerstand im Dorf. Ansonsten sei es relativ ruhig. Die Jahresrechnung schloss im Gesamthaushalt mit einem Ertragsüberschuss von 105 726 Franken. Das ist bescheiden, aber solide. Oft sind es die Jahresrechnungen, die über den Zustand einer Gemeinde etwas aussagen und erste Anhaltspunkte geben. Michael Kammer ist seit drei Jahren im Amt, zuvor war er als Gemeinderat Sicherheitsvorsteher. «Als meine Vorgängerin Regula Hänni nach 13,5 Jahren im Amt zurücktrat, wurde ich angefragt, ob ich ihre Nachfolge antreten wolle», erzählt er. Er war der Einzige, der sich damals zur Wahl fürs Präsidium stellte, 2023 wurde er von der Gemeindeversammlung mit 144 Stimmen problemlos gewählt. Dies als Parteiloser. Parteilos sei er, weil es auf Gemeindeebene um Sach- und nicht um Parteipolitik gehe. Tatsächlich sind alle aktuellen Mitglieder des Gemeinde­rates von Blumenstein bis auf ein SVP-Mitglied parteilos. Das Amt macht ihm grosse Freude, denn «man kann mitreden und gemeinsam mit der Bevölkerung etwas bewirken». Das Pensum beträgt rund 20 Prozent. Zum Vergleich: In grösseren Gemeinden wie beispielsweise Belp sind es 80 Prozent und mehr. Der Gemeinderat von Blumenstein wird unterstützt von einer Gemeindeschreiberin, einer Finanzverwalterin und einer Verwaltungsangestellten.

Interessanter Beruf

Michael Kammer hat einen interessanten wie schillernden Beruf. Er arbeitet als Kriminaltechniker bei der Kantonspolizei Bern. Das sind jene Damen und Herren, die in Filmen mit schwarzen Koffern und in weissen Schutzanzügen hinter gelbem Absperrband einen möglichen Tatort in Beschlag nehmen und jedes noch so kleinste Detail untersuchen. Die Koffer gibt es gemäss Michael­ Kammer wirklich. Für verschiedene Disziplinen oder Aufgaben je einen. Michael Kammer wählt seine Worte mit Bedacht, wenn er über seinen Beruf spricht. Das hat einen Grund, denn in seiner wichtigen Funktion steht er unter Schweigepflicht. Auch seiner Frau kann er nicht alles erzählen. «Doch das Team bei der Polizei trägt in schwierigen Situationen mit», sagt er. Auch hier ist es – wie im Gemeinderat – ein Miteinander. Es gibt also durchaus Parallelen zur Gemeindepolitik. Und es gibt auch Überschneidungspunkte.

Aufgewachsen ist der bedächtige und sympathische Mann in Wimmis. Polizist werden wollte er schon immer. Doch zuerst absolvierte er eine Berufslehre als Autolackierer in Spiez und arbeitete später im elterlichen Betrieb in Wimmis. Das ergab Sinn, denn um die Polizeischule in Angriff nehmen zu können, braucht es eine abgeschlossene Matura, eine Berufslehre oder eine gleichwertige Ausbildung. Und natürlich einen entsprechenden Eignungstest. Michael Kammer besuchte die sechsmonatige Verkehrspolizeischule­, vier Jahre später die einjährige Polizeischule und arbeitete einige Zeit als «Uniformpolizist», wie er sagt – also quasi beim «sichtbaren» Teil der Polizei. Er war Gemeindepolizist in Grindelwald und wurde später Berater der Gemeinde in Bönigen, wo er damals auch wohnte. Dadurch erhielt er einen ersten Einblick in die Arbeit einer Gemeinde. 2013 wechselte er in die Forensik, da er sich immer mehr für Kriminalistik interessierte. Für diese Spezialisierung macht man zunächst eine Stage, bei der zuerst die «Leichentauglichkeit» der Anwärterinnen und Anwärter getestet wird, bevor man die interne spezialisierte Ausbildung in Angriff nehmen kann. Dazu wohnt man einer Obduktion bei, die von einer Ärztin oder einem Arzt vorgenommen wird. Wer schon mal eine Leiche gesehen hat, weiss, dass diese einen ganz speziellen Geruch verbreitet, den man nie mehr vergisst, wenn man ihn einmal gerochen hat. Besonders, wenn eine Person lange gelegen hat. Doch der ehemalige Autolackierer wusste sich anfangs zu helfen und trug an Tatorten teilweise eine Autolackiermaske, mit der man absolut nichts mehr riecht. Das ist heute anders. Er hat sich daran gewöhnt und kann teilweise vom Geruch Rückschlüsse auf die Todesursache ziehen.

Unter Druck

Wenn Michael Kammer von solchen Dingen spricht, geschieht dies sachlich und emotionslos. Verständlich, denn ein solcher Beruf, bei dem man derart oft mit dem Tod konfrontiert ist, erfordert eine gewisse innere Abgrenzung. Sonst würde man wohl daran zugrunde gehen. Er und sein Team kommen schliesslich erst dann zum Einsatz, wenn der Verdacht besteht, dass mit einem Todesfall irgendetwas nicht stimmt. In der Polizeisprache nennt man dies AGT – einen aussergewöhnlichen Todesfall. Wenn der Notarzt, der normalerweise zuerst vor Ort ist, so etwas feststellt oder einen entsprechenden Verdacht hat, kontaktiert er die Polizei, und «ab dann gehört die Leiche offiziell dem Staat», wie Michael Kammer berichtet. Der Tatort wird daraufhin abgesperrt und wird erst wieder freigegeben, wenn alle Spuren gesichert sind. Die Forensiker und Forensikerinnen stehen dabei auch unter einem gewissen Druck, wenn beispielsweise eine Wohnung während vier Monaten versiegelt ist oder ein Autobahnabschnitt für eine gewisse Zeit gesperrt wird. Das Team der Polizei besteht normalerweise aus einem Rechtsmediziner, einem Kriminaltechniker und einem Fahnder. Es erfolgen die Spurensicherung und wenn nötig ballistische Untersuchungen. Michael Kammer kennt sich damit aus; er hat sich auf Schusswaffen spezialisiert. Er ist stellvertretender Gruppenchef Forensik, Kriminaltechnik, Aussendienst, Fachgruppenleiter Schusswaffen Schweiz und Fachgruppenleiter Schusswaffen und Werkzeuge. Zu den «Werkzeugen» gehören beispielsweise auch Metalldetektoren, ein weiteres Spezialgebiet von Michael Kammer. Man kann damit diverse Gegenstände finden wie Waffen, Patronenhülsen oder auch vergrabene Drogen, wenn sie beispielsweise in einem Glas mit einem Metalldeckel verpackt sind. Doch es gibt damit auch Einsätze, die bei den Beteiligten ein Schmunzeln hinterlassen und nichts mit einem Verbrechen zu tun haben: So konnte mittels Metalldetektor der verlorene Ehering eines Staatsanwalts wieder aufgefunden werden.

Zeit mit der Familie

Zu Michael Kammers Aufgabengebieten gehören unterschiedliche Todesfälle, Einbruch, Körperverletzung, Raubüberfälle, Sittlichkeitsverbrechen, Suizide und Arbeitsunfälle. Nebst den Todesfällen und den Schicksalen dahinter ist es für ihn immer wieder eine herausfordernde Situation, wenn er Täter oder Täterinnen auf Spuren untersuchen muss. Man stelle sich vor: Jemand hat etwas Schlimmes getan wie beispielsweise einen Mord, es ist offensichtlich, doch um entsprechende Beweise zu sichern, muss man als Kriminaltechniker oder -technikerin dieser Person sehr nahe kommen und ist auf deren Kooperation angewiesen. «In einem solchen Fall muss man seine Wut ausblenden und professionell bleiben», erklärt Michael Kammer. «Schlimm ist auch, wenn man es mit toten Kindern zu tun hat, die ihn einem ähnlichen Alter sind wie die eigenen.» Immerhin kann Michael Kammer in seiner Funktion wesentlich dazu beitragen, dass ein Täter oder eine Täterin zur Rechenschaft gezogen wird. Wird die Belastung dennoch zu gross, so können die Mitarbeitenden der Polizei auf den psychologischen Dienst zurückgreifen. «Jeder verarbeitet solche Eindrücke anders», sagt der dreifache Familienvater. «Mir hilft es beispielsweise, wenn ich in der Natur wandern gehe oder mit meiner Familie etwas unternehme.» Doch zum Glück wird nicht jeden Tag ein aussergewöhnlicher Todesfall gemeldet. Dann verbringt der Forensiker seine Arbeitstage ganz normal im Büro. Da er unvorhergesehene Arbeitseinsätze – wie beispielsweise in der Nacht – jeweils am Freitag kompensieren kann, widmet er diesen Tag ganz «seiner» Gemeinde, wo er – wie bei der Polizei – von einem guten Team umgeben ist, das konstruktiv etwas Gutes im Dienst der Bevölkerung bewirken will.


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