Kinder haben ein Recht auf Fantasie und blaue Flecken
Jacqueline Zimmermann ist Bereichsleiterin Kind des Chindernetzes Kanton Bern, das ein vielseitiges Angebot für Familien bereithält, wie den «Chuchitiger» im Bereich Gesundheit oder das Figurentheater im Bereich Kultur, das auch das magische Denken anregt. Beim Angebot Mitspielplatz liegt der Fokus auf dem freien Spiel, mit dem Leitgedanken, dass Spiel wichtige Lernerfahrungen ermöglicht sowie Vertrauen und Beziehung schafft. «Eltern sollten nicht ständig Angst haben müssen, dass dem Kind etwas zustösst.» Sie verweist auf die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm: «Kinder haben ein Recht auf blaue Flecken.»
Seit zwei Jahren ist das Chindernetz mit dem Spielangebot «Spielen für alle» auch in den Asylzentren unterwegs, bei Menschen, die sonst kaum Anschluss an die Bevölkerung haben. «Vor allem für die Kinder ist es schwierig, Kontakte zu knüpfen. Das gemeinsame Spielen verbindet und baut Ängste und Unsicherheiten ab. Es fördert und stärkt die Gemeinschaft zwischen den Zentrumsbewohnerinnen und -bewohnern und den Kindern der lokalen Bevölkerung.» Das Angebot sei lanciert worden, «weil wir feststellten, dass der Spielraum für Kinder in den Unterkünften beschränkt geworden ist. Er soll mit dem Projekt ausgeweitet werden.» In Spiez (Hondrich) bei der Kollektivunterkunft sei ein bestehender Mitspielplatz weiterentwickelt worden. Was versteht man unter Mitspielplätzen? «Wir haben zum Beispiel den Livingdome», so Zimmermann. «Ein mobiles Klettergestell aus Leder und Holz.» Der Livingdome sei der «Eisbrecher», da Kinder ihn miteinander aufbauten. «Auch Erwachsene helfen mit, können sich vernetzen und über das Spiel hinaus unterstützen, wenn es um Besorgungen oder Kinderbetreuung geht.» Das gemeinsame Spiel solle sichtbar werden im öffentlichen Raum. Die Erfahrung zeige, wie gross das Bedürfnis sowohl von Eltern als auch von Kindern sei, draussen spielen zu können. «Es geht auch da-rum, Kinder von den Bildschirmen wegzulocken und stärker ins Spiel zu bringen. Denn solche gemeinsamen Erlebnisse prägen und bleiben in Erinnerung.» Besonders Menschen in Rückführzentren müsse die Teilhabe an der Gemeinschaft ermöglicht werden. «Sie werden sonst von allem ausgeschlossen …» Allgemein gelte, dass das Problem des Mangels am freien Spielen gross geworden sei. Es betreffe weniger die schulpflichtigen Kinder. «Das Angebot zur Verbindung und zum Austausch fehlt in Unterkünften vor allem für Kinder unter 6 und über 15 Jahren.»
Zimmermann hebt das Resultat einer Studie der Eidgenössischen Migrationskommission von 2024 hervor: «Es ist für Kinder, die keine Angebote in ihrem Alltag haben, langweilig, wenn nichts läuft. Oft gibt es auch keine anderen Kinder zur Ideenfindung, keine Treffpunkte. Wo diese vorhanden sind, kann Austausch und Kreativität stattfinden.» So sei die Idee entstanden. Der gemeinsame Auf- und Abbau des Livingdomes konzentriere die Gegenwart der Kinder. «Das Kennenlernen, das Herantasten an jemanden, kann stattfinden.» Sie spricht ein brisantes Thema an: Auch den Eltern geht es oft nicht besser. «In den Unterkünften sind die Platzverhältnisse limitiert. Eltern sind eingeschränkt, es gibt auch für sie kaum Möglichkeiten, sich als Paar zurückzuziehen und Menschen ausserhalb der Unterkunft kennenzulernen.» Und dies kriegten auch die Kinder mit. «Sie sitzen in kleinen Räumen und bekommen die Ängste und Probleme der Eltern mit.» In den Unterkünften gebe es höchstens Spielzimmer für alle. «Das freie und unbeschwerte Spiel ist erschwert oder gar unmöglich.» Zimmermann verweist auf die UNO-Kinderrechte.
Kinder unter Kontrolle
Der Raum für Kinder zum freien Spielen sei ein grosses Thema geworden. «Eltern sind immer präsent. Kinder können sich nicht verstecken, wenn sie unter sich sein wollen. Jeden Augenblick wollen Eltern wissen, wo sie sind.» Dabei sei es für das innere Wachstum der Kinder wichtig, allein Erfahrungen sammeln zu dürfen. «Das freie Spiel erfordert einen gewissen Zustand.» Heute werde alles reflektiert. «Kinder müssen unkontrolliert spielen dürfen, um sich zu entwickeln.» Die Erfahrung zeige: «Jedes Kind, das die Möglichkeiten hat, mit anderen Kindern zu spielen, zieht dies allem anderen vor.»
Freies Spielen heisse nicht, Kinder sich selbst zu überlassen. Aber es bedeute zu vertrauen. «Kinder haben kaum noch Zeiten, in denen sie nichts müssen: Sie gehen zum Sport, in Vereine, den Musikunterricht.» Dagegen sei natürlich nichts einzuwenden, im Gegenteil! Aber man könne sich für weniger entscheiden. «Man kann schauen, was das Kind wirklich will, es muss nicht überall dabei sein. Dann bleibt mehr Zeit fürs freie Spiel.» Und dieses wiederum schaffe Raum für das soziale Zusammenleben, für Fantasie und somit Selbstdenken.
Alte Spiele, die alle Sinnesorgane gefordert hätten, könnten von manchen Eltern heute noch abgerufen werden. «Wir alle erinnern uns, wie wir selbst gespielt haben. Kinder brauchen nicht immer ein Animationsprogramm!» Denn: «Sie dürfen auch das Scheitern lernen. Sie müssen nicht perfekt sein. Sie können vertrauen und gelassen sein. Denn Scheitern und auch mal Schwachsein gehören zum Leben. Und das lernt man im Spiel.» Das Ziel sei erreicht, wenn Kinder den Eltern sagten: «Ich will heute nichts machen, nirgendwohin gehen, Mama/Papa, ich will einfach mit anderen spielen.»




