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Gesundheitskosten senken

VERD • Die Fachhochschule Nordwestschweiz schätzt, dass «Verd» einen volkswirtschaftlichen Nutzen von über 100 Millionen Franken bringen könnte. Indem sich Menschen durch «Verd» weniger einsam fühlen, wird das Gesundheitssystem entlastet. Dies hat auch einen qualitativen Nutzen.

| Adrian Hauser | Gesellschaft
In Riggisberg   oss Geld in die Ludothek. (Bild: zvg)

«Die Fachhochschule Nordwestschweiz schätzt, dass die Mittelverteilung der Gemeindetöpfe einen auf die ganze Schweiz hochgerechneten volkswirtschaftlichen Nutzen von jährlich 100 bis 250 Millionen Franken eröffnen könnte», erklärt Christian Wohlwend, Gründer und Leiter von «Verd». «Auf dieser Grundlage haben ‹Verd› und die Fachhochschule bei Innosuisse einen Projektantrag eingereicht», so Christian Wohlwend weiter. «Dieser wurde vom Innovationsboard Innosuisse positiv beurteilt, das darauf eine finanzielle Unterstützung für ein 30-monatiges Projekt gesprochen hat.» Für die Durchführung des Projekts hat die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) fünf Gemeinden anhand demo-grafischer, wirtschaftlicher und geografischer Kriterien ausgewählt. Es sind dies Burgdorf, Messen, Murten, Olten und Rubigen. Die Gemeinde Rubigen ist im Verteilgebiet des «Berner Landboten» und hat ihre Mitwirkung zugesagt. Das Projekt startet in der zweiten Maihälfte mit ersten Interviews.

Qualitative Wirkung

«Rubigen haben wir ausgewählt, da wir verschiedene Gemeindegrössen abdecken wollten und Rubigen mit mittlerer Grösse und im Einzugsbereich von Bern gut passte», ergänzt Dr. Stefan Güntert, Dozent an der FHNW, welcher das Projekt aus wissenschaftlicher Sicht begleitet. Nebst dem volkswirtschaftlichen Nutzen hat «Verd» für Stefan Güntert auch eine qualitative Wirkung. So habe «Verd» das Potenzial, den Zusammenhalt zu stärken, die Selbstwirksamkeit der Menschen zu fördern und Einsamkeit zu lindern. Diese Effekte will man mit dem lancierten Projekt nachweisen. Der gesellschaftliche Mehrwert stellt sich gemäss Projektbeschrieb durch den Einbezug der Bevölkerung ein. So könne jede Person «selbstbestimmt und schrankenlos» den Mittelzufluss der Gemeinde-töpfe beeinflussen und damit zu mehr Gemeinschaft und Solidarität beitragen. Dies soll den Gemeinschaftssinn stärken, der Vereinsamung entgegenwirken und den lokalen Wirtschaftskreislauf fördern. Die Stärkung der Gemeinschaft kann unter anderem zur Reduktion der Sozial-, Alters- und Gesundheitskosten führen, so der Projektbeschrieb weiter. 

Viele fühlen sich einsam

In einer ersten Schätzung wurde zudem versucht, den volkswirtschaftlichen Nutzen zu quantifizieren. Aufgrund von Annahmen rechnete die FHNW aus, wie hoch die Einsparungen der Gesundheitskosten durch die Verminderung von Einsamkeit sind. Dabei geht man davon aus, dass Einsamkeit für die Betroffenen nicht nur soziale und psychische Auswirkungen hat, sondern auch gesamtgesellschaftliche. Denn gemäss verschiedenen Studien verursacht Einsamkeit hohe Kosten aufgrund von gesundheitlichen Folgen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) fühlen sich 42 Prozent der Schweizer Bevölkerung manchmal oder oft einsam, bei Personen mit Mi-grationshintergrund sind es noch mehr. Um die möglichen Einsparungen zu beziffern, ging die FHNW von verschiedenen Szenarien aus. Man überlegte sich, wie viele Personen in einem Gebiet durch die an «Verd» angeschlossenen Gemeinden erreicht werden können. In einem zweiten Schritt wurde eruiert, wie viele Personen sich davon gemäss BFS einsam fühlen (42 Prozent). In einer vorsichtigen Schätzung ging man weiter davon aus, dass zwei Prozent davon durch «Verd» ihr Einsamkeitsgefühl verbessern können. Ein mutigeres Szenario erwartet gar, dass fünf Prozent der sich einsam fühlenden Menschen ihr Einsamkeitsgefühl durch «Verd» reduzieren können. Daraus liessen sich die Einsparungen der Gesundheitskosten errechnen, die durch «Verd» erreicht werden könnten. Konkret: In einem Gebiet, in dem 166 000 Personen erreicht werden, kann «Verd» Einsparungen bei den Gesundheitskosten in der Höhe von 1 338 240 Franken pro Jahr erreichen, wenn man davon ausgeht, dass zwei Prozent ihr Einsamkeitsgefühl verbessern können. In einem Gebiet, in dem 250 000 Personen erreicht werden können, würde es zu Einsparungen von rund fünf Millionen Franken führen, wenn fünf Prozent der Sich-einsam-Fühlenden ihre Situation verbessern können. Ob dies den jährlich steigenden Krankenkassenprämien entgegenwirken dürfte, kann nur gehofft werden. Und: Es müssten so viele Menschen wie möglich durch «Verd» erreicht werden, um einen grossen Effekt zu erzielen. Und dazu braucht es die Gemeinden, die ihrerseits auch ein Interesse an der Senkung der Gesundheitskosten haben dürften.

Mehr Kundschaft für Dorfläden

«Das Projekt fördert das gemeinsame Handeln im Dorf auf ein Ziel hin und stärkt die Mitverantwortung und Partizipation der Dorfbevölkerung für das Gemeindeleben», sagt Daniel Ott Fröhlicher, Gemeindepräsident von Rubigen. «Der Gemeinderat ist von der Idee überzeugt und folglich auch bereit, mit der Teilnahme an der Studie einen Beitrag zur Verbreitung und zum Gelingen von ‹Verd.cash› beizutragen.» Die Bewohnerinnen und Bewohner würden zudem über die Wichtigkeit des lokalen Gewerbes sensibilisiert und mit dem Gemeindetopf zusätzlich motiviert, im Dorf einzukaufen. Man verspricht sich davon mehr Kundschaft für die Dorf-läden und das lokale Gewerbe. Gemäss Stefan Güntert ist es in der ersten Phase des Projekts wichtig, dass man mit Gemeinden zusammenarbeitet, die richtig «Lust» auf «Verd» haben, um leichter forschen zu können. «‹Verd› ist dynamisch, es will und soll wachsen», ergänzt Stefan Güntert. «Wir können darauf reagieren und den Spielraum, den Innosuisse zulässt, nutzen, um in bestehenden und neu hinzukommenden Gemeinden die bisherigen Erkenntnisse zu überprüfen und weiterzuentwickeln.»


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