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«Ich bin der Heilsarmee ein Leben lang dankbar für diese Gitarre»

Ruth Margot • Geboren als aussereheliches Kind kann sie am Weihnachtstag ihren 80. Geburtstag feiern. Die ersten Jahre ihrer Lebensgeschichte und die Suche nach ihrem leiblichen Vater hat sie in einem autobiografischen Roman niedergeschrieben.

| Jürg Amsler | Begegnung
Ruth Margot hat auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater den Zugang zu sardischen Liedern ge funden; diese weckten in ihr ein Heimatgefühl. (Bild: sl)

Am 8. Mai dieses Jahres jährte sich zum 80. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges durch die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. 1945 wurde an diesem Tag in Europa gejubelt und in Deutschland die Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert. Am 25. Dezember 1945 erblickte Ruth Margot im Frauenspital in Bern das Licht der Welt. Die Geburt war der Beginn einer erschütternden, von viel Armut, Ängsten und Leid geprägten Lebensgeschichte, deren Anfang etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. 

«Orangen Befehl» missachtet

Nach dem Tod ihres Vaters wollte meine Mutter als 32-jährige Frau sich endlich von ihrer Mutter, meiner Grossmutter, loslösen. Sie wollte selber über ihr eigenes Leben bestimmen. «In Oberburg hat sie 1944 eine Stelle in einem Wirtshaus gefunden», sagt Ruth Margot. «Dabei kam sie ins Gespräch mit internierten Polen. Einer hatte es ihr besonders angetan. Die Sehnsucht nach einer Beziehung mit einem Mann wuchs in ihr und wurde immer stärker». Die beiden seien von der Heerespolizei bei ihrem Liebestreiben erwischt worden. «Wegen Missachtung des ‹Orangen Befehls› handelte sich meine Mutter ein Strafverfahren ein und musste eine Busse von 20 Franken bezahlen. Was für sie damals ein grosser Betrag gewesen ist.» Der Pole sei nach dem Absitzen von zehn Tagen scharfem Arrest in ein Lager für Internierte im Wallis versetzt worden. Von ihrem Geliebten habe sie nie mehr etwas gehöt oder erfahren, obwohl die zwei in ihren gemeinsamen Stunden vereinbart hätten, nach Kriegsende zu heiraten. «Enttäuscht, hat sich meine Mutter vorgenommen, künftig jeglichen Kontakt mit Internierten zu meiden», so Ruth Margot.

In einer Bäckerei in Ursenbach habe ihre Mutter eine neue Stelle gefunden. «Der Ortswechsel kam ihr gelegen. So konnte sie ihren Herzschmerz besser überwinden.»

«Ich will das Kind behalten»

Im März 1945 sei ein internierter italienischer Partisan im Rang eines Unteroffiziers in der Bäckerei gestanden. Er holte Brot für seine im benachbarten Schulhaus einquartierten Kameraden ab. «Meine Mutter und der schlanke, temperamentvolle Südländer kamen miteinander ins Gespräch. Er stellte sich ihr als Antonio Corrias vor. Sie verabredeten sich für Samstag zu einem gemeinsamen Wirtshausbesuch», sagt Ruth Margot. Ihre Mutter sei schliesslich dem Charme des schneidigen Italieners erlegen und habe sich für das Treffen in der Dorfwirtschaft herausgeputzt. «Corrias hatte als Fourier das Privileg eines eigenen Zimmers mit eigenem Eingang. Im Laufe des Abends konnte er meine Mutter dazu überreden, mit ihm aufs Zimmer zu gehen. Was in der Folge noch öfters vorkam. Dann ist es passiert.» Ende April sei für ihre Mutter der Aufenthalt in Ursenbach zu Ende gegangen und gleichzeitig die kurze Bekanntschaft mit Antonio Corrias. Was sie ihm verschwieg: Mitte April blieb bei ihr die Periode aus. «Die Befürchtungen meiner Mutter bestätigten sich. Am 25. Dezember 1945 brachte sie mich zur Welt.»

Ruth Margot weiss, was es vor 80 Jahren bedeutete, als aussereheliches Kind geboren zu werden. «Ich sollte zur Adoption freigegeben werden. Als meine Mutter von einer Fürsorgerin erfuhr, dass die Vormundschaftsbehörde bereits einen geeigneten Pflegeplatz gefunden hätte, sagte meine Mutter vorerst nichts und dann ganz entschieden, sie wolle das Kind behalten.» Ruth Margot verbrachte ihre ersten Lebensjahre im Säuglingsheim und bei Pflegefamilien. 

Eine starke Frau

Von ihrer Familie habe ihre Mutter keine Unterstützung erhalten. Zu gross war die Schande, die sie in den Augen der Mutter und der Geschwister über die ganze Familie gebracht hatte. Die Grossmutter habe ihr dies schon vor Ruths Geburt unmissverständlich zu verstehen gegeben. «Erst als Erwachsene habe ich gemerkt, wie stark meine Mutter eigentlich war. Sie entschied sich gegen eine Abtreibung und gegen eine Adoption. Sie sah in mir etwas Besonderes. Einerseits sagte sie zu mir, ‹du bist das Kind eines italienischen Adeligen› und war stolz auf mein Dasein. Das habe ich jedoch schlecht ertragen. Ich wollte sein wie alle anderen. Andererseits wusste sie genau, was ein uneheliches Kind für sie bedeutete. Dies bekam ich immer wieder zu spüren. Sie hat mich in keiner Weise geschont», sagt Ruth Margot.

Wie schwer es war, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, habe ihre Mutter bitter erfahren müssen. «Frau mit Kind sucht eine Stelle»: Auf dieses Inserat habe sie wohl gegen 40 Rückmeldungen erhalten. Darunter jedoch nur eine einzige, die ihren Vorstellungen entsprach. «In einem Zweimännerhaushalt – Vater und Sohn – in Eriswil war sie willkommen und hoffte auf einen Neuanfang. In primitiven Verhältnissen erledigte sie fortan für ein bescheidenes Entgelt den Haushalt. Im Herbst 1947 holte sie mich von meiner Pflegefamilie ins hinterste Emmental. Erstmals lebten wir nun zusammen.» Ihre Mutter habe sich nach einer eigenen Familie gesehnt. Sie wollte ihre Zukunft so gestalten wie ihre Geschwister. «Trotz aller Ermahnungen, die Finger

vom Sohn eines Trinkers zu lassen, haben die beiden schon kurz nach ihrer Ankunft in Eriswil geheiratet.»

Keine einfache Kindheit

Ruth Margots Leben veränderte sich mit einem Schlag. Sie hatte jetzt einen «Vater» und einen «Grossvater» und zwei Jahre später zwei «Geschwister»: Am 25. Juni 1948 gebar ihre Mutter eine Tochter, am 8. Oktober 1949 kam ihr Halbbruder zur Welt. «Ich habe keine einfache Kindheit erlebt. Mein Stiefvater war ein krankhafter Alkoholiker und hat uns das Leben schwer gemacht. Als Melker hat er wegen seiner Sauftouren und der damit verbundenen Unzuverlässigkeit seine Arbeitsstelle immer wieder verloren.» Fünfmal innert acht Jahren hiess es für alle, die wenigen Habseligkeiten zusammenpacken und umziehen.

1963 zog die fünfköpfige Familie in eine Drei-Zimmer-Sozialwohnung im Tscharnergut. Ruth Margot, 18-jährig, absolvierte eine kaufmännische Lehre bei einem mittelgrossen Betrieb in Bern. «Erst jetzt sind mir die Augen aufgegangen. Mein Stiefvater litt darunter, dass er bisher keine Anerkennung für seine Arbeit erhalten hatte. Als Magaziner im Konsum Bern spürte er zum ersten Mal eine Wertschätzung. Er wurde gebraucht und machte seine Arbeit gut. Das gab ihm Selbstvertrauen und er kam zur Einsicht, dass er sich nicht ständig sinnlos betrinken muss.»

Suche nach dem leiblichen Vater

Mit fast 40 Jahren wuchs in Ruth Margot das Verlangen, mehr über ihren leiblichen Vater zu erfahren. Ausser seinem Namen und einer Adresse in Italien wusste sie nur sehr wenig über ihn. Doch die spärlichen Angaben genügten, um mit der Zeit ein Puzzleteil ans andere reihen zu können. Briefe, Fotos, Kopien von Gerichtsakten, Berichten der Vormundschafts- und Fürsorgebehörden sowie weitere Dokumente hat Ruth Margot fein säuberlich in Ordnern abgelegt. Für sie eine wahre Fundgrube. «So kam zutage, dass Antonio Corrias in einem Schreiben an die Amtsvormundschaft Bern zugab, mit meiner Mutter intime Beziehungen gehabt zu haben. Er akzeptierte die Vaterschaft. Gleichzeitig bezeichnete er meine Mutter als leichtsinnig.» 1947 sei es dann in der Schweiz zu einem Vaterschaftsprozess gekommen, zu dem Antonio Corrias hätte erscheinen sollen. «In einem Brief seines Anwalts hat er jetzt die Vaterschaft bestritten. Mit der Begründung: Bei den Internierten sei der sittenlose Lebenswandel meiner Mutter wohlbekannt gewesen.» Vom Amtsgericht Bern sei Corrias als Vater festgestellt worden und zu einer Vaterschaftsleistung von 350 Franken an die Klägerin und einer monatlichen Zahlung von der Geburt des Kindes bis zu dessen vollendetem 18. Lebensjahr verurteilt worden. Bezahlt habe er indes keinen roten Rappen.

Ruth Margot liess nicht locker: «Mit Res, meinem Mann, reiste ich nach Laveno, einer kleinen Gemeinde in der Lombardei. Zusammen mit einer Schwester meines Vaters besuchten wir auf dem Friedhof dessen Grab. Ich war derart perplex und aufgeregt, dass ich nicht mehr wusste, was unten und oben ist.» Von ihrer Tante habe sie nichts Weiteres über ihren Erzeuger erfahren. «Sie blockte meine Fragen allesamt ab. Dennoch bin ich felsenfest überzeugt, dass sie sehr wohl von meiner Existenz wusste. Aus den Gerichtsdokumenten ist nämlich ersichtlich, dass sie mit den zuständigen Stellen in Kontakt gewesen ist.»

Weitere Recherchen hätten schliesslich ergeben, dass das Geschlecht ihres Vaters von Oristano, einer Kleinstadt im Westen Sardiniens, stammt. Die Corrias hätten es zu Wohlstand gebracht und seien nicht selten als «Don Corrias» betitelt worden.

Eine wundervolle Stimme

«In der Musik, vorab dem Gesang, fand ich meine Überlebenskraft. Ich bin der Heilsarmee ein Leben lang dankbar, dass sie mir eine Gitarre geschenkt haben.» Ruth Margots Augen beginnen zu strahlen. Bei ihrer Mutter habe sie so lange gebettelt, bis diese – widerwillig zwar – zugestimmt habe, dass ihre älteste Tochter an den Versammlungen der örtlichen Heilsarmee teilnehmen dürfe. «Hier wurde gesungen und Gitarre gespielt. Das erfüllte mich. Mein Gesangstalent ist einigen Mitgliedern nicht verborgen geblieben.» So habe sie das Instrument freudig nach Hause getragen und sofort damit begonnen, den Saiten Akkorde zu entlocken. Dazu habe sie Silben an Silben gereiht, in einem richtigen Kauderwelsch gesungen.

Es war der Anfang einer grossen Leidenschaft, die sie bis jetzt zusammen mit ihrem Mann pflegt. Nach Jazz, Blues und Gospel sind es jetzt Lieder von einer fernen Insel, mit denen sie ihr Publikum erfreuen. Es sei wohl nicht der Blues, vielmehr das Blut von ihren sardischen Vorfahren, das Ruth zu dieser einzigartigen, wundervollen Stimme verholfen habe, sagt Res Margot. «Und die wird mit dem Alter immer besser.» Ruth Margot wird ein wenig verlegen und wehrt bescheiden ab. Doch grösser kann ein Lob zum 80. Geburtstag nicht sein.


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