«Bäume retten uns Menschen permanent»
Region • «Viele Menschen verstehen das Lebewesen Baum nicht»: Fabian Dietrich ist der Mann hinter den Bäumen – und verwandt mit den Wurzelwesen. Das Verzweifeln eines gebildeten Mannes in Bezug auf unseren Umgang mit jenen, die uns täglich und immer wieder neu retten.
«Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war gestern. Der zweitbeste ist heute.» Fabian Dietrich ärgert sich … Nein, stopp, Fabian Dietrich ärgert sich nicht, selbst wenn er sich ärgert. Denn seine Verdrossenheit äussert sich stets «korrekt». Meint: Ohne dass er jemals ein böses Wort über jemanden sagt und ohne dass er aggressiv wird. Im Gegenteil: Selbst wenn sich Unwille in ihm ausbreitet, bleibt er bewundernswert anständig. Und dies ehrlich, nicht aufgesetzt. Deshalb kommt der erfahrene Baumfachmann, neben seinem Fachwissen, auch gut an. Sei es auf Seiten der Behörden und Ämter oder auf Seiten der Grundstückbesitzerinnen, Gemeinden und Städten. Denn sie alle nehmen sein ehrliches Bemühen um Verständnis für alle Meinungen und Ansichten wahr, seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in der Sache. Und natürlich sein Wissen. Diese Kombination ist wohl auch sein bis anhin unerwähntes Markenzeichen. Obwohl Fabian Dietrich selbst dies von sich vielleicht gar nicht weiss. Und das wiederum sagt viel über den engagierten Mann aus, der mit den Bäumen eng verbunden ist. Verwandt mit den Wurzelwesen auf jeden Fall.
Traurig ist Fabian Dietrich deshalb, weil ihn neuerdings einige Medien als blossen Umweltschützer darstellen, der jeden Baum retten wolle und sich per se gegen jede Fällung ausspreche. «Doch so ist es nicht», sagt der 50-Jährige, der in seinem Leben als Baumpflegespezialist bereits unzählige Fachvorträge hielt, in der ganzen Schweiz bekannt ist und als Spezialist für Baumerhalt geschätzt wird. «Ich gehe stets neutral ans Werk.» Dafür sei er ausgebildet. Das zeige zum Beispiel ein Fall in Oberhofen, wo eine Fällung publiziert und er als Fachmann hinzugezogen worden sei. «Die Bäume waren abgestorben. Es war korrekt, sie zu fällen.» Denn ein Baum sei ein Lebewesen wie Mensch und Tier auch. Und jedes Lebewesen komme einmal an sein Lebensende. Und ja: «Dann fällt die Baumpflege Dietrich GmbH auch.» Kürzlich habe er mit seiner Firma eine grosse Rotbuche mitten in der Stadt Bern gefällt. «Es bestand eine Gefährdung für den Eigentümer und die Nachbarschaft.» Die Fällung sei bewilligt gewesen. Auch eine Zierkirsche wird diesen Winter gefällt. «Sie ist völlig abgestorben.»
Kein Umweltaktivist, ein Brückenbauer
Doch sei ein Baum noch nicht an seinem Lebensende, so sei das Fällen das Letzte, was er wolle, so Dietrich. «Natürlich, logisch. Ich bin ein Baumpflegespezialist und kein Baumfäller. Das ist berufsbezeichnend. Mein Betrieb spezialisierte sich auf den Baumerhalt.» Wichtig sei: «Ich gehe stets neutral an eine Situation heran. Schliessich geht es um die Sache und um Sicherheit.»
Oft habe er halt eine andere Meinung als vielleicht andere Baumpflege-spezialisten. Dies aufgrund seiner langjährigen Erfahrung im Bereich Baumerhalt. «Dadurch, dass wir uns auf den Baumerhalt spezialisiert haben, kann ich täglich neue Erfahrungen sammeln, mehr Wissen erlangen.» Er begutachte Bäume seit knapp 30 Jahren und verfolge deren Entwicklung. So habe er zum Beispiel vor gut 25 Jahren schon Bäume stehen lassen, die andere fällen wollten. «Ich konnte sehen, wie sie zum Beispiel Pilzbefall kompensieren.» Dieses Wissen habe man zuvor nicht gehabt, weil man die Bäume meistens einfach gefällt habe. «Ich stellte fest, wie alte Bäume problemlos mit dem Pilz leben. Wie sie ihn durch stetiges Wachstum und durch Abschottung isolieren.» Denn wachse ein Baum stetig um das Volumen weiter, das er innen an Holz verliere, so bleibe er stabil. «Es ist wie bei jedem Hohlkörper, das ist völlig logisch.» Er schmunzelt: «Wir lernten dies ja bereits in der Volkschule …» Fabian Dietrich ist kein Umweltaktivist. Er ist ein Brückenbauer. Nicht selten zwischen Behörden und Grundstückbesitzern. Zwischen Naturschutzorganisationen und Baumeigentümern, die einen geschützten Baum fällen wollen, weil es heisst, er sei krank. Dann wird der Baumpflegespezialist aufgeboten, um objektiv die Stabilität eines Baumes zu prüfen.
Verwandtschaft mit den Wurzelwesen
Fabian Dietrich war schon als Kind oft in der Natur. «Ich baute mir Höhlen und Lager aus Tannenästen und Steinen.» Er lacht: «Manchmal klauten wir Kinder dem Bauern etwas Holz und bauten Baumhäuser daraus.» Als Bub mähte er für alte Damen den Rasen oder half jäten. Woher aber kommt das Verständnis für die Bäume? «Schon als ich den Gärtnerberuf erlernte, merkte ich, dass ich ein besonderes Verständnis für die Bäume habe.» So habe ihn sein Lehrmeister bereits als Landschaftsgärtner-Lehrling zum «zweien» mitgenommen. Das bedeute, dass man auf einem Obstbaum zur bestehenden noch eine andere Sorte gleicher Obstart aufzweie. Dietrich zeigt anhand eines Beispiels auf, was er meint: «Wenn wir einen Apfelbaum mit Boskop haben, wird bei einem Ast zwischen Kambium (das ist der lebende Teil der Baumrinde, der mit teilungsfähigen Zellen versehen ist) und Bast (innere Rinde) ein Edelreis der Sorte Gala auf den Baum aufgezweit.» Dies geschehe im Mai: «Das ist ein Handwerk, das man heute in keinem Beruf mehr richtig erlernen kann.» Der Baumschulist lerne zwar das sogenannte Veredeln, aber das «Zweien», das lerne heute weder ein Baumschulist, Gärtner noch ein Baumpfleger.
Sein Grossätti habe das Handwerk auch verstanden: «Früher lernte man es gar während der obligatorischen Schulzeit. Klar, dass sich Grossätti enorm darüber freute, dass sein Enkel es noch beherrscht», lacht Fabian Dietrich. Den Beweis für sein Talent lieferten die Bäume selbst, sie schienen Dietrich von allem Anfang an wohlgesinnt zu sein: «Meine gezweiten Stellen wuchsen alle, jene meines Chefs nur teilweise. Ich hatte schon in der Lehre zum Landschaftsgärtner eine besondere Verbindung zu den Bäumen.» Wie erwähnt: Dietrich ist zweifelsohne verwandt mit den Wurzelwesen. Dieses Gelingen beim Zweien entfachte in Dietrich das Herzblut für Bäume. Es herrschte ein Verständnis zwischen den beiden Arten Mensch und Baum. Die Bäume waren ihm wohlgesinnt. «Dies weckte meine Faszination für sie.»
Studium: sieben Jahre und ein Leben
Erst lernte Fabian Dietrich Tiefbauzeichner. Schulisch war er top, aber, wie er sagt, sehr bald todunglücklich. So absolvierte er die Ausbildung zum Landschaftsgärtner. «Während vier Semestern bis zu den Sommerferien besuchte ich die Berufsschule bei den Tiefbauzeichnern, und nach den Ferien begann ich die Lehre zum Landschaftsgärtner.» Dieser Schachzug war, wie sich herausstellen sollte, ein Geniestreich. Nach der Ausbildung zum Landschaftsgärtner und der Rekrutenschule begann er im Herbst mit der Ausbildung zum Baumpflegespezialisten, die noch einmal drei Jahre dauerte. Insgesamt knapp acht Jahre investierte Dietrich in seine Ausbildung. «Dabei nahm es mir richtig den Ärmel rein.» Allerdings habe er sich eben auch wirklich enorm engagiert, so Dietrich.
Bereits in der Ausbildungszeit zum Baumpflegespezialisten habe er stets Position bezogen. Das habe auch bedeutet, gegenüber den Dozenten seine Meinung zu vertreten. «Ich widersprach ihnen manchmal, sagte, das sollte man doch besser so oder so machen. Erklärte ihnen, weshalb usw.» Da er seine Haltung mit besten Argumenten untermauern konnte, begann man in Fachkreisen, auf ihn zu hören.
«Ich kann es, ich pflege ihn»
Er sei zum Beispiel noch nicht fertig ausgebildet gewesen, als beim neuen Schloss Bümpliz in Bern eine Linde hätte gefällt werden müssen. «Ein historischer Baum, ein unglaublicher Baum mit guter Vitalität und langer Geschichte.» Die Stadt Bern habe mehrere Baumpflegespezialisten eingeladen, darunter auch den Ausbildungsbetrieb, wo Fabian Dietrich tätig war. «Das war der Beginn meiner Karriere. Um die zehn Fachpersonen standen in der Runde. Waren überzeugt, dass die Linde nicht erhalten werden könne.» Dietrich sagte: «Ich kann. Ich pflege den Baum. Wir erhalten ihn.» Damals habe ihn in der Öffentlichkeit noch niemand gekannt. Doch die Stadt Bern habe ihm vertraut. Dem Neuen. Dem Jungen mit den leuchtenden Augen, wenn sie auf einen Baum fielen. «Die Linde lebt noch heute und ist durch Pflege sicher.»
Weil Dietrich mutig und innovativ war, setzte er, kaum hatte er seine Ausbildung erfolgreich beendet, ein Schreiben auf, sagte, was in der Ausbildung zum Baumpflegespezialisten alles zu optimieren sei. Und: Wurde vom Verband eingeladen, selbst Dozent zu werden und gleich umzusetzen, was umgesetzt werden musste. Dietrich wurde Dozent und Prüfungsexperte im Bereich Erziehungsschnitt und Jungbaumpflege. «Dadurch konnte ich viel bewegen.» Später übernahm er das ganze Fachgebiet Kronenschnitt und Kronenpflege.
Im Jahr 2005 gründete er mit zwei Berufskollegen zusammen den Verein baumschnittkurs.ch. Seitdem gibt er in der ganzen Schweiz für Laien und Profis diverse Kurse zum Thema Baumpflege, wie Baumschnitt, Baumpflanzung, Baumbeurteilung, Obstbaumschnitt, Kronensicherungssysteme, und andere.
Ab dem Jahr 2000 reiste Dietrich unter anderem nach Nord- und Südamerika. «Dank meinem flexiblen Arbeitgeber konnte ich dies tun und dabei viel lernen.» Seit 18 Jahren ist der erfahrene und bekannte Baumpflegespezialist selbstständig. Vor 18 Jahren gründete er die Firma Baumpflege Dietrich GmbH in Därligen.
«Schützen, erhalten und fördern von Bäumen, darauf sind wir in meiner Firma spezialisiert», so Dietrich, «das ist auch meine Berufung. Dafür stehe ich.» Er erklärt: «Schützen dann, wenn nahe an Bäume gebaut wird» (siehe «Der Baum auf der Kanzel»; BLB Nr. 21/2025). Erhalten: «Wir führen Massnahmen wie Entlastung oder Einbau von Kronensicherungen durch.» Und Fördern: «Das heisst, dass wir die Rahmenbedingungen, vor allem auch die Standortbedingungen des Baums verbessern.» Sein Spezialgebiet: Bäume im Wohn- und Siedlungsraum sichern und erhalten. Fabian Dietrich: «Es ist so einfach. Stirbt ein Baum, dann fällen wir ihn. Aber das ist das letzte Glied in der Kette des Möglichen. Solange er lebt und dies vom Baumeigentümer oder der Öffentlichkeit entsprechend gewünscht oder gefordert wird, erhalten wir ihn. Denn Baum und Menschen bedingen und brauchen einander. Das muss endlich in den Köpfen aller Menschen verankert werden. Bäume retten uns Menschen durch ihre Existenz, ihre Umweltleistung permanent.»
www.baumpflege-dietrich.ch