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«Wenn ich etwas mache, ziehe ich es durch»

Spiez • Ursula Zybach ist SP-Politikerin aus Leidenschaft. Was sie aus ihrem Studium bis heute begleitet, welche Themen sie beschäftigen und warum sie nicht immer gewinnen muss, erzählt die gebürtige Spiezer Nationalrätin bei einem Gespräch.
| Dorothée Nagel | Begegnung

Ein Tag mit vielen Terminen, der Kalender ist voll, wie eigentlich immer. Ursula Zybach ist gerade erst für einen Zwischenstopp am Mittag nach Hause gekommen, doch als sie die Tür öffnet, wirkt sie entspannt. Ihr Zuhause ist der Ort, an dem sie sich wohlfühlt, offen und gemütlich ist es, alles hat seinen Platz. Seit rund 20 Jahren ist die 58-Jährige wieder zurück in Spiez, wo sie auch aufgewachsen ist. Als ehemalige Vizegemeindepräsidentin kennt sie alle Facetten der Gemeinde. Was sie immer noch begeistere, sei die Nähe zu Bergen und See, wie auch das Baden in der Bucht, in der sie sich schon als Kind im Wasser die Knie aufgeschürft habe, wie sie amüsiert erzählt. Einiges habe sich selbstverständlich verändert, zum Beispiel der zunehmende Tourismus, der sich mittlerweile über das ganze Jahr erstreckt. Andere Dinge blieben jedoch auch gleich, wie die ewige Suche der Ortschaft nach ihrem Zentrum und dass man sich auf der Strasse immer noch grüsst, was sie sehr schätzt.

Studium als Grundlage für alles

1987 verliess die Spiezerin ihren Heimatort, um an der ETH Zürich das Studium der Lebensmittelwissenschaften aufzunehmen. Die Wahl des Studienfachs war trotz ihrer zahlreichen Interessen eindeutig. «Ich habe mich schon früh mit Genderfragen beschäftigt», erzählt sie. Dabei sei ihr klar geworden, wie sehr die Politik die Rahmenbedingungen im Leben bestimme und welchen Einfluss es gerade für eine Frau habe, in welchem Berufsfeld sie sich bewege. In dieser Hinsicht schien ihr das ETH-Studium und der Abschluss als Ingenieurin die besten Aussichten zu bieten, und sie sollte damit Recht behalten. 

Von ihrem Studium spricht sie nämlich immer noch gerne, denn «es hat mir eigentlich die Grundlage für alles mitgegeben». Zunächst sei es ein bisschen gewöhnungsbedürftig gewesen, denn «im ersten Jahr ging es nie um Lebensmittel», blickt sie lächelnd zurück. Heute sieht sie es als besonderen Vorteil, durch die naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer zunächst gelernt zu haben, Dinge von Grund auf zu betrachten. Noch vor dem inhaltlichen Wissen wurde vermittelt, sich in unbekannte Themen einzuarbeiten und wie man auf Augenhöhe mit Experten kommuniziert. «Das ist mir bis heute in der Politik von grossem Nutzen», konstatiert sie. Zudem gebe es viele Inhalte, die sie auch heute noch im alltäglichen Leben anwendete: Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die Sensorik von Lebensmitteln, und das Wahrnehmen mit allen Sinnen ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. «Ich kann einschätzen, wie lange ein Lebensmittel essbar ist, unabhängig vom Haltbarkeitsdatum, das ist sehr praktisch. Foodwaste habe ich dadurch kaum.» 

Gerechtigkeit als Antrieb

Auch in ihrem beruflichen Engagement sind ihr Themen von damals geblieben. 1990 habe sie erstmals von Antibiotika-restistenzen erfahren und wie sich diese durch Lebensmittel übertragen können. Das beschäftigt sie auch heute noch und bekräftigt ihren Einsatz für eine nachhaltige Landwirtschaft mit einem sorgfältigen und minimalen Einsatz von Antibiotika. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass Zybach in der Politik Wurzeln schlug? Während des Studiums wurde sie Parteimitglied der SP, doch das politische Bewusstsein und ihr Interesse für gesellschaftliche Themen wurden bereits im Elternhaus geprägt, denn «Politik war immer am Tisch». Ihr Vater war selbst einige Jahre Mitglied des Spiezer Gemeinderats und Vizegemeindepräsident. Zudem nahm vor allem ihre Mutter eine prägende Rolle ein mit ihrem Engagement für Gleichberechtigung. 

Gleichberechtigung und Gerechtigkeit im Allgemeinen, das sind Themen, für die Ursula Zybach brennt und von denen sie besonders lebhaft spricht. Was sie aktuell am meisten beschäftige, seien die kommenden Abstimmungen, die Individualbesteuerung, die SRG-Initiative, der Klimafonds. Auch hier: Gerechtigkeit ist ihr grosses Anliegen, in der Bevölkerung, aber auch im Hinblick auf Generationen. «Wir müssen uns doch fragen, welche Welt wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen wollen und dementsprechend handeln.»

Diskussionen auf Augenhöhe sind ihr wichtig, bereits in jungen Jahren lernte sie dies in einer SP-Frauengruppe schätzen. Die Augen leuchten, wenn sie von den politischen Anfängen berichtet, der Sprung zur SP Basel, in den kantonalen Vorstand. «Ich weiss nicht, ob ich damals wirklich viel beitragen konnte», lacht sie heute. Es sei jedoch grossartig gewesen, plötzlich mit Politikerinnen und Politikern wie Helmut Hubacher am Tisch zu sitzen, die sie bis anhin aus der Ferne bewundert habe. 

Für ihre Anliegen kämpft sie unermüdlich, doch gleichzeitig «muss ich nicht immer gewinnen», sagt sie von sich selbst. Wenn sich die Bevölkerung bei einer Abstimmung eben für die Gegenseite entscheide, dann sei das so zu akzeptieren, und wenn sie wisse, dass sie selbst ihr Bestes gegeben habe, sei das für sie relativ leicht zu verarbeiten. «Ich nehme es nicht zu verbissen», sagt Zybach, doch «das geht allerdings auch nicht immer», fügt sie schmunzelnd hinzu. Man müsse teilweise schon viel aushalten, das sei ihr bei ihrem Einstieg in die Politik erst so richtig klar geworden. Ursula Zybach strahlt Ruhe aus, doch es gibt Dinge, bei denen sie ein inneres Brodeln nicht leugnen kann. «Was mich extrem hässig macht, ist, wenn im Parlament jemand vorne steht, der nur der eigenen Klientel mehr Geld verschaffen will.» Auch sonst gebe es natürlich immer wieder Situationen, in denen das Gesagte am Rednerpult einfach falsch sei oder sehr weit von dem abweichen würde, was den eigenen Wertevorstellungen entspreche. Manchmal gehe sie dann auch einen Moment aus dem Nationalratssaal, oder schalte kurz auf Durchzug. Oft sei es aber auch gut, genau diese Situationen für die Reflexion der eigenen Haltung zu nutzen und sich währenddessen Fragen zu überlegen, die man im Anschluss stellen könnte, um die eigene Position zu verdeutlichen.

Nicht viel Zeit zum Regenerieren

Nach einem anstrengenden Tag im Parlament abschalten? Das ist gemäss Zybach nur schwer möglich. «Die Session ist wie ein Schnellzug: Man steigt ein und nach drei Wochen intensiver Arbeit wieder aus.» Klar sei das anstrengend, hinterher sei man erstmal müde. Ein Ritual hilft ihr aber immer, sich wieder auf anderes einzulassen: Am letzten Sessionstag geht Ursula Zybach jedes Mal mit ihrem Mann und ihrer Mutter zu Mittag essen. Die gemeinsame Zeit ist ihr wichtig, fast jeden Sonntag kommt ihre Mutter zum Essen und ist froh, sie in der Nähe zu haben. Mehr Zeit für sie und überhaupt für Familie, das vermisst die engagierte Politikerin manchmal. Und ein bisschen mehr zu Hause sein, das wäre hin und wieder auch schön. Andererseits sagt sie, «ich arbeite extrem gerne», all ihre Aufgaben erfüllten sie. Und diese Aufgaben sind zahlreich: Die amtierende Nationalrätin ist Präsidentin sowohl des Spitex Verbands Kanton Bern als auch von Casafair Schweiz sowie der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix. Hinzu kommen ihre Tätigkeit als Stiftungsrätin der «UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch» und Idée Sport, in der Frauenzentrale Kanton Bern ist sie Vorstandsmitglied und übt darüber hinaus einige weitere Ämter aus. 

Ist das nicht manchmal viel? Ursula Zybach nimmt einen Schluck Kaffee. «Ich brauche nicht viel Zeit zum Regenerieren», verrät sie, «ausserdem schlafe ich sehr gut.» Das sei schon immer so gewesen, selbst wenn sie sich vorher aufgeregt habe, könne sie nachher direkt einschlafen. Kunst ist ihr wichtig, sorgfältig ausgewählte Arbeiten schaffen Atmosphäre in ihrem Zuhause, mit vielen davon verbindet sie persönliche Gegebenheiten. Auch Bewegung sorgt in der knapp bemessenen Freizeit für Ausgleich, Skifahren und Schwimmen sind Dinge, die ihr privat Freude machen und bei denen sie sich erholt. Wandern? Schon gelegentlich, doch dann nur, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Einfach rauf und denselben Weg wieder runter, das sei nichts für sie.

Viele Interessen und Ziele

Ohne grosse Umschweife von A nach B zu kommen, ist für die gradlinige Politikerin sowieso essenziell, Selbstständigkeit ist ihr sehr wichtig. Glück hatte sie immer mit ihren Vorgesetzten, die sie haben machen lassen, und Arbeitsorten, wo sie selbst etwas bewegen konnte. Manche Dinge bleiben dabei besonders in Erinnerung, wie etwa ein Projekt, das sie während ihrer Zeit als Leiterin des Vereins «Gsünder Basel» selbst ins Leben gerufen hat. «Basel hat so schöne Parkanlagen», schwärmt sie, «das wollte ich damals nutzen, und so haben wir ab 1999 angefangen ‹Gymnastik im Park› anzubieten.» Das Angebot besteht bis heute, heisst mittlerweile «Aktiv! im Sommer» und ist in Basel nicht mehr wegzudenken. «So etwas ist schon toll zu sehen, wenn man etwas Neues entwickelt hat, das sich so positiv etabliert hat», freut sich Zybach. Die Umsetzung damals gelang reibungslos, was man nicht von allen Vorhaben sagen kann. 

Da gab es zum Beispiel die Einführung des Darmkrebsscreenings, wo sie seit Beginn an der Entwicklung beteiligt war, doch diese war mit grösseren Hürden verbunden. Eigentlich sei sie 2002 zur Krebsliga gekommen und für das Thema Ernährung zuständig gewesen. Dann habe es plötzlich geheissen, es brauche noch jemanden für das Thema Darmkrebs. Nicht ihr Steckenpferd, und es galt, sich zunächst einzuarbeiten – ein weiter Weg lag vor dem Erfolg, doch auch dieser bedeutet ihr bis heute viel. 

Wenn sich die 58-Jährige, die sich selbst als sehr lebensbejahend beschreibt, erst einmal einer Aufgabe annimmt und ein Ziel sieht, lässt sie so schnell nicht locker. «Wenn ich was mache, ziehe ich es durch», sagt sie von sich selbst und bezieht das sowohl auf politische als auch private Anliegen. Da wäre zum Beispiel ihr Garten, für den die Pflanzenliebhaberin gerne etwas mehr Zeit hätte, denn zu pflegen gibt es einiges: «Ich sagte eher im Spass zu meinem Mann, ich möchte 101 Rosen setzen. Mittlerweile sind es 130.» 500 Tulpenzwiebeln, ein paar Rebstöcke und eine Wildblumenwiese runden das Gesamtbild ab, Zybach hat gerne Natur um sich herum. 

Viele Themen umtreiben sie, und es gibt so einige, die sie gerne auch noch in Angriff nehmen würde. Wieder geht es um Gerechtigkeit. Die ungleiche Verteilung der Lebenserwartung in der Schweiz beschäftigt sie. Auch die hohe Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren wäre ihr ein grosses persönliches Anliegen. Ursula Zybach überlegt kurz auf die Frage hin, was sie denn gern privat einmal erleben würde. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben und «eigentlich setze ich alles um, was ich gerne machen möchte». Doch, es gebe etwas, vielleicht einmal für längere Zeit an einem anderen Ort leben, dort Freiwilligenarbeit machen, so etwas. Dafür kämen ihr ein paar interessante Städte in den Sinn, weniger ein Wagnis in der Wildnis, denn sie lacht «ich bin kein Abenteuertyp».


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