«Zuhören schafft Frieden»
Merligen • Savina Tilmann ist eine faszinierende Persönlichkeit – manche Menschen scheint sie besser zu lesen, als diese sich selbst. Die Traumatherapeutin ist zudem eine eloquente Rednerin und eine hoch spannende, bereichernde Persönlichkeit, die mit Prominenten auftrat und gerade einen Preis gewann.
«Es braucht mehr bewusste Wahrnehmung auf dieser Welt. Wir hören einander nicht mehr zu», sagt Savina Tilmann. «Wir haben heute durch die sozialen Medien noch eine Aufmerksamkeitsspanne von etwa fünf Sekunden und somit kein Gewahrsein mehr. Weder für die eigenen noch für die Bedürfnisse der anderen.»
Gerade gewann Tilmann beim 15. Internationalen Speaker Slam in Deutschland den International Speaker Award – einen der begehrtesten Preise in der internationalen Rednerwelt. Mehrere Tausend Personen verfolgten den Wettbewerb im Livestream, etwa 150 Führungskräfte waren vor Ort, als die Traumatherapeutin erklärte, eines der grossen Probleme der Menschen bestehe darin, dass sie einander nicht zuhörten und dass darin der Grund für wesentliche Komplikationen und Schwierigkeiten liege – bis hin zu Kriegen. «Viele, die meinen zuzuhören, haben oft aufgrund ihrer Wahrnehmung und Erfahrung eine Situation bereits eingeschätzt, bevor das Gegenüber fertig gesprochen hat.» Dies betreffe viele Belange des Lebens. Ob das Zuhause, den Arbeitsplatz, das Gespräch mit Eltern, Kindern, Partnern. Ein Unternehmer habe ihr berichtet, der Krankenstand in seiner Firma sei um mehr als die Hälfte gesunken, seit er diese Erkenntnis ernst nehme. Tilmann gewann den Preis auch, weil sie den Sachverhalt mit einem vierminütigen Vortrag auf den Punkt brachte.
Beim Treffen erläutert die heutige Coach mit eigener Academy genauer, was sie meint: «Jemand hört zum Beispiel das Wort Hund. Sofort stellt er sich etwas darunter vor: welche Farbe er hat, ob lange oder kurze Haare. Dabei weiss er noch gar nicht, da der Satz noch nicht beendet ist, dass der Hund in diesem Fall zum Beispiel pink ist.» Wir urteilten schnell und meist aufgrund der eigenen Wahrnehmung und Erfahrung. «Doch diese hat nichts damit zu tun, was das Gegenüber wirklich gesagt hat.» Oder: Alle Menschen kennten Ärzte, die gar nicht richtig zuhörten, da sie bereits zu wissen meinten, was der Patientin fehle. «Trifft jemand auf einen Arzt, der wirklich zuhört, so empfiehlt er diesen weiter. Denn wirkliches, unvoreingenommenes Zuhören ist eine Riesenqualität.»
Respekt durch Verbindung
Als junge Frau war Tilmann die Jüngste in Deutschland mit einem anerkannten Abschluss als Gebärdensprach-Dolmetscherin. Packt sie was an, bleibt sie nicht Mittelmass, sondern sprintet zur Elite. Ein geliebtes Kind? «Ja, meine Eltern ermöglichten mir viel. Und ich nahm es», lacht die Ehrgeizige mit dem sonnigen Gemüt. Schliesslich studierte sie in Hamburg Gebärdensprache und Psychologie. Heute lebt sie mit ihrer Frau in Merligen. Seit Jahren arbeitet Tilmann nun in der Region Thun. Heute als Coach, bis vor Kurzem als Traumatherapeutin, insgesamt 25 Jahre lang. Sie begleitete Menschen in schwierigen Lebensphasen. «Echter Respekt entsteht durch echte Verbindung.»
Tilmann spricht akzentfrei und flies-send Berndeutsch. Wer sie als Münchnerin entlarven will, muss hinhören. Denn nur ab und an gibt es eine Passage in einem Satz, die sie verraten könnte. Und dies, obwohl sie noch keine zehn Jahre in der Schweiz lebt. Tilmann ist ein sprachliches Chamäleon: Sie spricht auch Englisch, Französisch, ein bisschen Italienisch. «Ich habe mir im Selbststudium auch etwas Ungarisch und Rumänisch beigebracht.» Sie sinniert: «Griechisch konnte ich mal recht gut.» Dies, weil sie von einer griechischen Freundin, der man eine kurze Lebenserwartung vorausgesagt hatte, drei Jahre vor deren 50. Geburtstag dazu eingeladen worden sei, mit den Worten: «Wenn ich 50 werde, lebe ich noch und Du musst kommen.» So hielt Tilmann die Geburtstagsrede in deren Muttersprache.
Die empathische Führerin
Als Traumatherapeutin hörte sie furchtbare Dinge. Solche, die man kaum zu glauben wagt. Von Vergewaltigung, Kindermord, Folter oder Sektenriten, wie zum Beispiel dem Satanskult: Manchmal sei es fast nicht zu ertragen, was den Patienten widerfahren sei. «Es gibt Dinge, von denen man sich wünscht, sie wären erfunden.» Trotz allem hat sie ihr Lachen nicht verloren. Ihr Charisma, gepaart mit ihrer selbstbewussten, aufgeschlossenen, freundlichen Art und ihrem ausgeprägten Interesse am Gegenüber machen sie zu einer grossartigen Persönlichkeit, der andere gern nachfolgen. Der Psyche des Menschen gilt ihre ganze Aufmerksamkeit. War das schon immer so? «Ja. Denn es dreht sich im Leben alles um sie, um Bewusstsein und Sinnfragen.» Den Ausschlag zum Studium gab eine ehemalige Freundin, die ihr eines Tages gestand, dass sie eine multiple Persönlichkeit habe. «So bin ich zum Thema Komplextrauma gekommen und versenkte mich tief hinein.» Unzählige Therapiemethoden studierte sie, wie Neuro--affektive Psychotherapie, Somatic-Experiencing, Brainspotting und andere. «In dem, was ich tat, war ich gut», sagt sie ohne jegliche Arroganz.
Bevor sie Traumatherapeutin und schliesslich Coach wurde – Tilmann hat eine eigene Akademie, die «Soul and Science Academy», wo sie Menschen ausbildet, die andere begleiten und unterstützen möchten – war sie viele Jahre in der Welt unterwegs. Klar, dass sie als Gebärdensprach-Dolmetscherin und renommierter Vollprofi zig international berühmte Künstlerinnen, Referenten und Wissenschaftlerinnen in Gebärdensprache übersetzte – und so selbst bekannt wurde. So war sie auchmit dem Comedian Sascha Grammel live unterwegs. Sie wurde ausserdem in die Justizvollzugsanstalt eingeladen, zu Gerichtsverhandlungen, zu «unzähligen» Elternabenden, zu 32 Geburten, in Operationssäle und zu Tupperware-Partys. «Dies gab mir einen enormen Einblick in die menschliche Psyche.» Sie habe registriert, wie beeinträchtigte Menschen diskriminiert und nicht ernst genommen würden. «Oft sprachen die Ärzte nur mit mir, statt mit den gehörlosen Menschen!»
Sich berühren lassen
Sie erzählt von einem intelligenten Jungen mit geistig beeinträchtigten und gehörlosen Eltern. «Aufgrund seiner Intelligenz wurde der Zehnjährige für den Besuch einer weiterführenden Schule ausgewählt. Wie aber sollte dies den geistig einfachen Eltern vermittelt werden?» Sie sei zum Übersetzen engagiert worden. Als der Junge die gute Nachricht vernommen habe, habe er die Freude durch die Sieges-Armbewegung ausgedrückt. «Die Mutter sah dies und sagte in Gebärdensprache zu mir, sie habe nicht verstanden, worum es im Gespräch gegangen sei, aber sie habe die freudige Reaktion ihres Jungen gesehen. Also sei sie mit dem, was hier gesagt worden sei, einverstanden – so etwas macht mir mehr Eindruck, als wenn jemand 1000 Bücher gelesen hat.» Notabene: Der Junge sei heute Jurist.
Sie begann, die Menschen ganzheitlich zu sehen. Vertiefte ihr Wissen um Astrologie, Human Design – für Kennerinnen: Tilmann ist eine «Projektorin» – Face-Reading: Sie schaut die Menschen an, auch ihre aktuelle Physiognomie – und erkennt sie. Sie lacht laut heraus, als ihr Gegenüber fragt, was eine lange Nase bedeute. «Tiefschürfer», sagt sie, die sich selbst als Genussmenschen bezeichnet und heute auch auf die Ernährung achtet, keine Tiere isst. Lange lebte sie mit ihrer Exfreundin auf einem einsamen Bauernhof, wo Tiere leben durften. Tilmann ist eine, die lebende Wesen erspürt. Aber vor allem auch eine Macherin, eine Führerin, der andere vertrauen. Wen wundert das schon?! Auch ich als Schreiberin bin betört vom Treffen mit dieser klugen, hochinteressanten Frau, die ihr Gegenüber lachend liest, wie andere die Reklametafeln am Bahnhof. Wobei, nein: Denn niemals bleibt Savina Tilmanns Erkennen an der Oberfläche (ist eher wie Poesie). Sie ist ein Mensch, den es in die Tiefe zieht. Mit jeder Faser ihres Körpers und jeder Membrane ihrer Seele und ihres Geistes. Sie interessiert sich für fast wirklich alles (unglaublich).
Win-win für alle
Heute ist der Coach Firmenberaterin. Spricht in Workshops, Vorträgen und Seminaren Führungskräfte an. «Ich würde mir wünschen, dass jene in Führungspositionen sehen, dass sich Autorität nicht erkämpfen lässt.» Sie fragt die Firmenchefs und Konzernleiterinnen, was Loyalität bedeute. «Ich bin loyal, wenn ich mich sicher fühle. Wann akzeptiere ich jemanden als natürliche Autorität? Wenn ich mich wahrgenommen fühle! Genau dies fehlt heute.» Die Menschen seien limbisch unterentwickelt. «Zu viel Neocortex. Sie abzuholen, ist schwierig.» Sie beobachte, dass viele männliche Führungskräfte selbst wie kleine Jungs seien, die dem Papa gefallen wollten. «Das Stammhirn ist für autonome Reaktionen, wie Flucht, Kampf, Totstellen zuständig. Oder für Körperempfindungen. Das limbische System für die Emotion und die Information über Bindung und Beziehung. Der Neocortex – worauf wir Menschen erstaunlicherweise so stolz sind – für das logische Denken, für Analyse, Impulskontrolle.» Diese drei Gehirnareale entwickelten sich unabhängig voneinander. «Das limbische System muss genährt werden.» Machten Eltern zu viele Bindungsfehler, blieben die Menschen da zurück, wo sie als Kinder gewesen seien. «Sie rasten oft aus, suchen Streit. Sind diesbezüglich nicht ausgereift. Da übernimmt der Neocortex, und sie werden extraschlau.» Pragmatisch führt sie an: «Alles ist logisch.» In unserer Gesellschaft nehme der Einsatz des Neocortex zu, «da auf der Beziehungsebene zu wenig fliesst.» So könne jedes der drei Gehirnareale auch einzeln traumatisiert werden: Wer dies auf der Stammhirn-Ebene sei, habe eher mit Dissoziation zu kämpfen. Auf der limbischen Ebene seien Depressionen die Folge, und auf der Neocortex-Ebene Traumatisierte kämpften mit Scham und Schuld. «Ich kann sehen, welches Gehirnareal aktiviert ist.»
Einzelne Tropfen im Meer
Savina Tilmann spielt leidenschaftlich Klavier. Die Trompete, das Cello, die Klarinette und die Geige verkaufte sie. Gern würde sie Gleitschirm mitfliegen. Fallschirmspringen tat sie schon. An Sonntagen paddelt sie mit ihrer Frau auch mal mitten auf den Thunersee und «sünnelet». Und: «Ich spinne. Weil ich stricke. Ich spinne die rauen Fäden weich.» Sie ist gern unterwegs. «Mit dem Hund, der aus dem Tierheim kam, ist dies schwieriger geworden.» Sie tut einfach. Zieht durch, was sie anfängt, weil sie ein Ziel hat. Doch dieses lässt sie werden, bis die Zeit dazu reif ist. Ohne Krampf. «Wenn etwas steht, dann habe ich auch etwas zu geben.» Sie ist eine spirituelle Frau – eine mit vier Namen. Das Faszinierende: Ihre zwei Halbschwestern kannten Savinas weitere Vornamen Charlotte, Caroline, Elisabeth nicht – und tauften ihre Kinder auf genau diese Namen. «Solche Geschehnisse sind für mich keine Zufälle.» Sie glaubt an die Verbundenheit aller Kreaturen. «Im unverbundenen Alleinzustand ist niemand wichtiger als der andere. Wir Einzelne machen das Grosse und Ganze aus. Ein Blumenmeer ist wundervoll – und nur durch jede einzelne Blume möglich.» Einen Traum hat sie noch: ein Retreat-Center. «Eines, worin sich die Menschen selbst begegnen können.» Gemäss ihrem Motto: «Traumaarbeit ist Friedensarbeit.» Übersetzt ins Heute: «Zuhören schafft Frieden.»




