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«Ich will keinen Tag missen»

Kinderbetreuung • Heidi Stalder war ihr Leben lang von Kindern umgeben – 40 Jahre lang leitete sie Spielgruppen in Gerzensee und Umgebung. Im Gespräch lässt sie diese glückliche Zeit Revue passieren und lässt an ihren Erinnerungen teilhaben.
| Dorothée Nagel | Begegnung
Heidi Stalder blickt auf 40 Jahre als Spielgruppenleiterin zurück. (Bild: Dorothée Nagel)

Zufrieden blickt Heidi Stalder in das vor ihr liegende Fotoalbum. Umfangreich ist es, und auf jeder Seite sind Kinder zu sehen, die Stalder in 40 Jahren als Spielgruppenleiterin in Gerzensee, Kirchdorf, Wichtrach und Kaufdorf betreut hat. Sie blättert oft darin, gerade jetzt, wo diese Zeit der Vergangenheit angehört. Im Sommer 2024 hat sie ihre Arbeit mit den Kindern aufgegeben, «obwohl alle wollten, dass ich noch weitermache», wie die heute 72-Jährige erzählt. Doch es war Zeit für den Ruhestand. «In 40 Jahren ist kein einziger Unfall passiert; das war ein guter Moment, um aufzuhören.» Dafür sei sie ausgesprochen dankbar, denn es sei ja schon beinahe ein Wunder, wenn man immer von Drei- oder Vierjährigen umgeben sei. 

Dass Heidi Stalder einen besonderen Bezug zu Kindern hat, wurde ihr schon früh bewusst: «Sie hingen immer an mir, schon als ich sehr jung war. Egal wo ich hingekommen bin, mit Kindern kam ich gut aus.» Besonders bewusst wurde ihr das, als sie mit 15 Jahren ins Gerzenseer Pfarrhaus einzog, um dort im Haushalt behilflich zu sein. In der Pfarrfamilie Schäfer gab es vier Söhne, und die junge Heidi entwickelte schnell eine enge Beziehung zu ihnen. Auch den Eltern fiel das auf, und so brachten Schäfers sie darauf, sich doch beruflich um Kinder zu kümmern. Das Verhältnis zu den vier Jungen von damals ist auch heute noch eng, die Arbeit mit Heranwachsenden begleitete sie Jahrzehnte. Zunächst war es eine kirchliche Gruppe, die Stalder leiten konnte, im Laufe der Jahre etablierten sich Spielgruppen, und sie gehörte zu den Gründerinnen. 

Auch an diese Zeit erinnert sich die Pensionärin noch gut: «Ich hatte damals nur ein Töffli und musste alles darauf transportieren. Feste Gruppenräume gab es nicht, nach jedem Vormittag musste ich alle Spielsachen wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen. Beim nächsten Mal habe ich sie wieder mitgebracht, das war manchmal schon etwas abenteuerlich, bis ich irgendwann ein Auto hatte.» Über viele Jahre gab sie an mehreren Vormittagen pro Woche Spielgruppe, in manchen hütete sie bis zu 20 Kinder. «Je grösser die Gruppe war, umso interessanter fand ich es», resümiert Stalder. 

Sicherheit und Harmonie

Über die Jahre sind somit viele Hundert Kinder aus der Region zusammengekommen, die bei ihr oft die ersten Schritte ausserhalb des Elternhauses unternommen haben. Beim Erzählen blickt Stalder immer wieder in das Foto-album, die einzelnen Namen kann sie mühelos nennen, erinnert sich an unzählige Begebenheiten. Ausflüge gab es, an die sie gerne zurückdenkt, wie etwa nach Spiez, wo die Kinder von der Fahrt mit dem Schiff begeistert waren. «Das habe ich aber nicht öfter gemacht, denn mit den vielen Kleinen war es mir doch etwas unsicher.» 

Sicherheit war für Heidi Stalder sowieso ein ausgesprochen wichtiger Aspekt im Umgang mit den ihr Anvertrauten. Grosse Angst habe sie zwar nie gehabt, aber sie habe auch immer extrem gut aufgepasst. Bei einem Brunnen direkt vor dem Gebäude sei ihr immer unwohl gewesen, «da habe ich gestanden wie eine Polizistin, damit niemand hineinfällt beim Spielen.» Die Regeln in ihren Spielgruppen seien aber auch immer klar gewesen, und die Kinder hätten diese auch stets akzeptiert: Es wird friedlich miteinander gespielt und immer miteinander gesprochen, nie geschlagen. «Das habe ich immer von Anfang an klar durchgegeben, und die Kinder wussten, woran sie waren.» Probleme habe es nie gegeben, erinnert sich die 72-Jährige erleichtert, an Streitigkeiten denke sie dabei kaum. Die harmonischen Abläufe in den Gruppen waren ihr besonders wichtig, und die Kinder hätten die Routinen sehr geschätzt. 

Das gemeinsame Singen sei ein wesentlicher Bestandteil jedes Vormittags gewesen, genauso wie das Vorlesen einer Geschichte. Da sei die Aufmerksamkeit immer besonders gross gewesen, und vieles habe sie immer wieder neu erzählen müssen. Das Märchen «Der Wolf und die sieben Geisslein» habe die Kinder immer sehr beeindruckt, erinnert sich Stalder, das hätten sie unzählige Male hören wollen. Besonders gerne hat Stalder mit den Kindern gebastelt und die Freude der Kleinen geteilt, wenn sie der Mutter oder dem
Vater etwas Selbstgemachtes überreichen konnten.

Veränderung in den Generationen

Heidi Stalder genoss es, eine familiäre Atmosphäre für die Kinder zu gestalten, Teil ihres Lebens zu sein und schöne Kindheitsmomente zu erschaffen. «Sie sollten wirklich leben können», wie sie rückblickend sagt. Dabei habe sie nie einen Unterschied gemacht und alle genommen, wie sie gewesen seien. Im Laufe der Jahrzehnte hatte Stalder Gelegenheit, nicht nur die einzelnen Kinder zu begleiten, sondern einen Blick auf die Veränderung in den Generationen zu werfen. Das Verhalten von Kindern habe sich generell sehr verändert, resümiert Stalder. In ihrer Anfangszeit seien sie viel schüchterner gewesen, in den vergangenen Jahren hingegen seien die Drei- oder Vierjährigen wesentlich offener geworden; da habe sie schon deutliche Unterschiede bemerkt. Faszinierend sei auch immer gewesen, wenn sie viele Jahre später sozusagen die zweite Generation erlebt habe, wo schon ein Elternteil in ihrer Spielgruppe gewesen sei. «Da habe ich manches Mal gesagt, der Charakter erinnert mich noch an die Mutter oder den Vater», schmunzelt Stalder. 

Auch wenn sich das Verhalten der Heranwachsenden gewandelt hat, manches blieb Stalders Beobachtung nach auch gleich, wie etwa die Vorlieben für gewisse Spielzeuge. «Da habe ich in diesen vielen Jahren kaum einen Unterschied gemerkt», berichtet sie. «Lego ist so ein Klassiker, der funktioniert einfach zeitlos. Oder auch Puppen, da hat sich nie viel verändert.»

Schön zu beobachten sei immer gewesen, wie sich Freundschaften zwischen den Jüngsten entwickelten, die zu Anfang oft noch schüchtern seien, doch mit der Zeit immer offener würden. Auch der stetige Prozess, neue Kinder in die Gruppe zu integrieren, sei für sie immer wieder interessant gewesen. Trennungsschmerz sei jedoch immer schnell verflogen, sobald die Kinder sie kennengelernt hätten.

Gutes Verhältnis zu den Eltern

«Die Arbeit hat mich jung gehalten», blickt Stalder zurück. «Jeder Tag war mir eine Freude, und ich will keinen einzigen davon missen.» Der Vorteil an den dörflichen Strukturen der Region sei auch, dass man sich heute noch oft begegne. Auf der Strasse würden Erinnerungen ausgetauscht, und es komme regelmässig vor, dass Eltern ehemaliger Schützlinge auf sie zugingen. Mehr über die Werdegänge der ehemals Kleinen zu erfahren, sei immer wieder spannend zu verfolgen. Überhaupt habe sie zu den Eltern immer ein sehr gutes Verhältnis gepflegt. Der Kontakt bei Elternabenden sei ihr wichtig gewesen, oftmals sei sie auch bei den Familien zum Essen eingeladen gewesen. Heidi Stalder erzählt: «Ich habe mich immer gefreut, wenn das Verhältnis so gut war, und ausserdem war es auch interessant für mich, wenn ich gesehen habe, wie sich die Kinder zu Hause verhielten im Unterschied zur Spielgruppe.» Meistens seien sie daheim wilder gewesen, fügt sie lachend an.

Doch nicht nur das Verhältnis zu den Eltern war Stalder wichtig, auch der Kontakt zum nächstgelegenen Kindergarten war für sie ein wesentlicher Faktor ihrer Arbeit: «Die Kinder wussten dann schon, wo es als nächstes für sie hingeht, und konnten sich dort zurechtfinden; das hat ihnen den Übergang später erleichtert.» Sie sozusagen wieder «herzugeben», sei natürlich oft schwer gewesen, denn die Beziehung war eng, «als wären es meine eigenen». 

Lesen in jeder freien Minute

Mittlerweile gibt es in Stalders Alltag keine Kinder mehr, und sie sagt selbst, «es fehlt mir überhaupt nichts». Glücklich sei sie, nun Zeit für sich zu haben und das Leben und ihre Freizeit noch einmal ganz anders zu geniessen. «Jetzt kann ich machen, was ich will», lacht Stalder und blickt sich froh in ihrer Wohnung in Gerzensee um, in der sie sich sehr wohl fühlt. Umgeben von der Lieblingsfarbe Blau und dem Blick in die Natur schwelgt sie zwar gerne in Erinnerungen, doch langweilig wird ihr nicht. «Ich verbringe nach wie vor viel Zeit mit der damaligen Pfarrfrau Elisabeth Schäfer und helfe ihr gerne. Ausserdem laufe ich viel, aber vor allem das Lesen habe ich für mich entdeckt. Jede freie Minute nutze ich inzwischen dafür», schwärmt Stalder von ihrer Leidenschaft. Früher habe sie sich fast ausschliesslich mit Kinderbüchern beschäftigt, um wieder neue Geschichten zum Vorlesen zu finden. Die habe sie mittlerweile nicht mehr, denn «jetzt brauche ich Platz für mich». 

Noch einmal zeigt Heidi Stalder einige Seiten ihres Erinnerungsalbums: eine grosse Kinderschar bei ihr zu Hause zum Spaghetti-Essen, Aufenthalte in der Natur, gespannte kleine Zuhörer und Zuhörerinnen beim Vorlesen. Die Pensionärin ist erfüllt: «Es waren wunderbare Jahre.»


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