«Die Liebe wurde zerstört – doch dies war nicht der letzte Akt»
Kirchdorf • Véronique Ott, Pfarrerin in Kirchdorf: «Ostern, also die Auferstehung Jesu, ist die Überwindung des Todes, das Bestehen der Liebe, das Bestehen Gottes.» Trotz dieser aufbauenden und frohen Botschaft sind viele Gottesdienste schlecht besucht. Und dies im ganzen Kanton.
In südasiatischen Gefilden kommt der Vorname Sunil häufig vor. Aus dieser Region kamen auch die Eltern des Schriftstellers Sunil Mann. Beide, denn den Nachnamen «Mann» gibt es auch in Nordindien. Das Wort «sunila» ist Sanskrit und bedeutet «dunkel» und «sehr blau». In die Schweiz kam Sunil Mann als Kind, gemeinsam mit seiner Mutter. Doch nicht irgendwohin, sondern ins tiefste Berner Oberland, ins Chalet- und Bergdorf Zweisimmen. Später dann zog die Familie nach Spiez, wo Mann aufwuchs, bevor er an der Uni Psychologie und Germanistik zu studieren begann – und schliesslich dafür nach Zürich zog und noch einmal später jahrelang als Flight Attendant bei der «Swiss» tätig war. «Das war perfekt: Ich hatte aufgrund der Überseeflüge danach stets ein paar Tage am Stück frei. Diese konnte ich fürs Schreiben nutzen.»
Am Tag des Treffens reist der ehemalige Spiezer für das Gespräch nach Bern. Obwohl sich der Schriftsteller und die Journalistin zuvor noch nie gesehen haben, sind sie bereits – wie wertvoll und selten – nach Minuten in vertrautem Austausch: in Bezug auf Manns aktuelles Schaffen, sein neustes Buch «Ziemlich beste Verbrecher», das Leben, die Politik, Sex zwischen älteren Menschen, der auch Thema für die Fortsetzung des aktuellen Romans sein wird. Bei Mann gibt es keine Tabuthemen, weder im Leben noch in seinen Büchern. Selbst den schwierigsten Recherchen stellt er sich (zum Beispiel für «Der Schwur», wo es um Kindsmissbrauch geht), lässt sich berühren, vielleicht gar verletzen, teilt das Thema und immer auch ein bisschen seiner Persönlichkeit mit der Leserschaft und erzählt von Unverzeihlichem und Ohnmächtigem mit offenen Augen und klarem Blick, gibt ihm Gewicht, ohne zu beschweren – jedenfalls im neuesten Roman nicht, der, wie er sagt, «diesmal weniger Recher-chearbeit erforderte», da es eine fiktive, wenn auch nicht weniger ehrliche oder wahre Geschichte ist. Denn die Verletzlichkeit des Menschen ist immer Thema bei Sunil Mann, verpackt mit einer Portion Humor; voller Zärtlichkeit für die Figuren und somit auch die Leserschaft,
die sich davon angesprochen fühlt.
Bedrohlich, grotesk – und zärtlich
Und ja, die ganze Person, die im «Stauffacher» in Bern zum Treffen erscheint, ist Sunil Mann, wie ihn die Journalistin erwartet: liebenswürdig, zugewandt, offen, natürlich, völlig unkompliziert, selbstsicher, mitten im Leben. Mann lässt sich auf das ein, was ihm begegnet, und auf alles, was da kommen möge. Zuverlässig, zugänglich, präsent. Da ist keine Berührungsangst, nicht ein Zentimeter zu viel Distanz, aber auch kein Zentimeter zu wenig. Ein Profi durch und durch. 54 Jahre alt schon und doch ab und an ein Kind, ganz, wie es eine Persönlichkeit sein muss, die mindestens hundert Jahre alt werden will. Lebensbejahend und typisch Generation X: lebenserfahren, tough und kindlich zugleich.
«Nein, der Titel ist nicht von mir», sagt Sunil Mann zur Neuerscheinung «Ziemlich beste Verbrecher», und sein Gegenüber ist erleichtert. Zwar sagt er ziemlich viel über die schwere Dramatik des Inhalts aus, die so trügerisch verspielt und sanftmütig daherkommt, als trüge sie Handschuhe aus Samt. Ja, Mann schrieb wieder einen Krimi, doch wie immer ist es nicht allein der Plot, der der Geschichte zum Erfolg verhilft, sondern die Sprache, seine Beobachtungsgabe und alles, was zwischen den Zeilen liegt. Denn da wird eine grosse Unsichtbarkeit sichtbar: die Unsichtbarkeit des Alters, das niemanden wirklich interessiert, aus-ser jene, die sich damit herumschlagen müssen. Die Protagonisten sind komisch und unbeholfen, weil sie keine Verbrecherprofis sind, sondern aus der Not heraus handeln. «Wir überschätzen unsere Mitmenschen doch permanent», so Mann. «Wir sind doch alle im wirklichen Leben nicht überall Profis.»
Fiktive Wahrheit
Das Drama kommt leise daher und doch bissig, da die Einsamkeit der beiden Alten, die sich nicht mögen und doch abhängig voneinander sind, fühlbar wird. So wird aus einem kleinen Diebstahl die Suche nach einer verschwundenen Frau und verdrängter Schuld. Die bürgerlichen Fassaden brechen. Der Roman nimmt einen mit in die Tiefe des Seins, ohne einen mit in den Abgrund zu ziehen.
Sunil Mann schreibt von jeher. Sprache ist seine Kunstform, er setzt sich mit ihr auseinander. Diesen Roman setzt er ins Präteritum, ins Imperfekt, fast so wie ein Märchen. Wobei: Nein, seine Geschichten sind immer auch wahr. Die Unsichtbarkeit des Alters wird zur existenziellen Chiffre. Des Hauptprotagnisten gesellschaftliche Verblassung ist Kränkung und Tarnung zugleich; gerade weil ihn niemand mehr richtig wahrnimmt, kann er zum Dieb, Hochstapler und schliesslich zum Ermittler werden. Diese Idee ist literarisch klüger, als es der lässige Erzählton zunächst vermuten lässt.
Skurril und präzise geschrieben, wird Manns neues Buch zur Sozial-komödie – und zu einem ebensolchen Drama. Aber, Sunil Mann, hat nicht das Präsens mehr Tempo? «Doch schon», so der Schriftsteller, «aber in dieser Geschichte geht es eben um die Gemächlichkeit des Alters, nicht allein um die gewählte, sondern auch um jene des Nichtmehrkönnens, des Zulassenmüssens. Deshalb ist die Vergangenheitsform hier die richtige.» Eine andere Stärke des Romans liegt in der Tonlage. Mann verbindet Krimiplot, Milieusatire und Altersstudie mit einer Leichtigkeit, die nie belanglos wird. Am schönsten wird die Geschichte dort, wo sie die beiden Hauptfiguren aufeinanderprallen lässt, wie zwei Meteoriten. Der Dialog zwischen Mistelzweig und Bartók lebt von Reibung, Gemeinheit, Gewohnheit und einer widerwilligen Loyalität, die niemals sentimental ausgestellt wird. Man glaubt ihnen jede Spitze, jede Gereiztheit, jede praktische Komplizenschaft. Auch der Schriftsteller selbst scheint eine Mischung aus Sanftmut, absoluter Freundlichkeit und leiser Gehässigkeit zu sein, die sich jedoch nie bösartig gegen eine Person richtet, sondern der Sache und der Inspiration zu dienen scheint. Seine Art zu sein weckt Sehnsucht nach Authentizität. Und ja, Sunil Mann lebt sie.
Er nimmt viel um sich herum wahr, filtert es und zieht sich aus dem Leben, was er für sein Denken, Fühlen und infolgedessen für die Plots braucht. Denn Schreiben ist für ihn pure Existenz, und diese hält nur die Balance, wenn er im Alltag Gegensätze findet: «Ich kann gut und gern abschalten, auch mal mit Freunden unterwegs sein, mich treiben lassen.»
Wenn Sunil Mann nicht schreibt, mit Freunden im Austausch ist, Filme schaut, reist oder liest, kocht er gern. Wie die zweite Protagonistin, Bartók, die Abend für Abend Menüs von beinahe obszöner Raffinesse kocht, obwohl die alten Herrschaften finanziell am Rand des Absturzes balancieren. Kultur, Stil und Delinquenz wohnen hier ganz selbstverständlich unter einem Dach. «Wen interessieren die Reichen?! In jedem Film, jedem Buch sind die Menschen wohlhabend und haben keine Probleme ausser Liebeskummer und Langeweile – und das will doch niemand wissen.» Und ja, da ist – eben – noch der Sex. Jener zwischen jenen, denen das Leben Falten ins Gesicht und Schrullen auf den Körper schrieb. Warum interessiert dich das Alter, Sunil Mann, der du selbst so sportlich und jugendlich wirkst? Er lacht: «Ich blicke nun selbst auch weiter hinunter als auch schon. Um mich herum werden Menschen, die ich liebe, alt und sterben.» Sunil Mann schreibt in jedem Buch auch ein bisschen von sich. Nur dermassen intelligent, dass es nur jenen auffällt, die ihn erkannt zu haben meinen.
Der Krimi «Ziemlich beste Verbrecher», der gemäss Mann auch einfach hätte «Mistelzweig und Bartók» heissen können, ist eine prekäre Altersökonomie über institutionelle Heuchelei, sexuelle Gewalt und die Frage, wie lange sich Schuld verdrängen lässt, wenn sie einmal in die Biografie eingesickert ist. Die Suche nach der verschwundenen Frau öffnet nach und nach einen Raum, in dem nicht nur private Geheimnisse, sondern auch die Verwerfungen einer bürgerlichen Fassade sichtbar werden. Dass eine andere Figur weniger aus Freundschaft als aus Angst handelt, verschiebt den Roman weg vom klassischen Rätselkrimi hin zu einer Studie über Selbstschutz, Standesdünkel und moralische Feigheit.
«Mein Beruf macht mich happy»
Sunil Mann versteht, was vielen Kriminalromanen fehlt: dass Spannung nicht nur aus Gefahr entsteht, sondern aus Ton, Rhythmus, Drama und Humor (zum Beispiel, dass die Komplizin des Pianisten Alois Mistelzweig ausgerechnet Berta Bartók heisst, angelehnt an den Komponisten Béla Bartók – nur komponiert sie Menüs wie der Autor statt Musik). Dass der Roman seinen Figuren, die sich miteinander arrangieren müssen, am Ende keine Läuterung gönnt, sondern sie mehr und mehr ins Schlittern geraten lässt, ist konsequent. Die Schlusspointe besitzt eine Mischung aus Groteske und Bedrohung, die das ganze Buch trägt. Sunil Mann denunziert das gutbürgerliche Milieu nicht, aber er seziert es und schält so den Verlust der Würde heraus.
Schriftsteller, die die Sprache noch als Kunstform verstehen, ihr Schaffen als Akt des Denkens – mit «Flugzeugen im Bauch» – verstehen und lieben, sind rar geworden; für die das Schreiben eine Notwendigkeit ist. «Ist es oldschool, wenn man sich für Sprache interessiert?» Im Gegenteil! Welchen Auftrag attestiert man Schriftstellern denn, wenn nicht jenen, der Gesellschaft kritisch ins Auge zu blicken?! Mann schafft dies und packt alles in reizvolle Unterhaltung. «Die ganz und gar nichts Verwerfliches hat!» Er ist unglaublich produktiv. Elf Krimis schrieb er bis anhin. «Dieses Jahr wollte ich kürzertreten», lacht er, «dann kam das Radio mit einer Anfrage für eine Hörspielfolge. Ich brauche wohl den Druck.» Sechs Stunden am Tag schreibt er. Von 9.00 bis etwa um 15.00 Uhr. Danach folgen Redigierarbeiten. Im Schreibprozess ist ihm das Alleinsein wichtig. Seit etwa sechs Jahren lebt er von der Schriftstellerei, schreibt Hörbücher für das Schweizer Radio, Kinderbücher und anderes. «Meine Figuren sind immer dabei. Deshalb ist es wichtig, abends Leute zu treffen.» Um die Muse anzulocken, nimmt er sich auch mal Zeit und Musse, länger auszugehen. «Wenn andere um 22.00 Uhr heimgehen, bleibe ich noch ein Weilchen sitzen.» Sunil Mann deutet auf sein Glas: «Es ist ja noch nicht leer.»




