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«Veränderungen sind immer auch Chancen»

Weinbau • Ursula Irion denkt gerne in grossen Zusammenhängen und transportiert ihre Freude an einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung in den Spiezer Weinbau. Für die Kellermeisterin und Betriebsleiterin der Alpinen Weinkultur Spiez geht es um mehr als nur um ein Getränk – es geht um Kultur und Handwerk. Auch der Genuss darf nicht zu kurz kommen.

| Dorothée Nagel | Begegnung
Ursula Irion ist überzeugt, dass Herausforderungen auch Innovationen fördern können. (Bild: zvg)

Wann sie das erste Glas Wein in ihrem Leben getrunken habe? Ursula Irion denkt kurz nach. «Das war ungefähr mit 16, vermutlich im familiären Kontext.» Für die heutige Betriebsleiterin der Spiezer Alpinen Weinkultur lag der Berufswunsch damals noch in weiter Ferne, doch das Thema Weinbau löste schon früh eine grosse Faszination in ihr aus. «Als Kind habe ich die Winzerdörfer rund um den Bielersee gesehen und fand das sehr spannend», blickt sie zurück. Auf die Idee, selbst zu winzern, sei sie allerdings erst gegen Ende ihres Geografiestudiums gekommen. Die Leidenschaft für das Thema sei jedoch lange gewachsen, inzwischen seit sicher 40 Jahren, resümiert die heute 57-Jährige. 

Viele Stationen sollte sie durchlaufen, bevor die gebürtige Solothurnerin 2003 nach Spiez kam und dort ihre Arbeit aufnahm. Zwischenzeitlich habe sie sogar in Spanien ein Weingut übernehmen wollen, doch dieses Vorhaben sei dann geplatzt; das habe sie zurück in die Schweiz geführt. In ihrer Bewerbung bei der Spiezer Alpinen Weinkultur habe sie damals von ihrem grossen Interesse geschrieben, diese einzig-artige Landschaft in Wert zu setzen und damit die regionalen Besonderheiten nachhaltig zu nutzen. Hierbei sei ihr kulturgeografischer Hintergrund aus dem Studium zum Tragen gekommen, der sie auch heute immer noch stark beeinflusse. «Tradition bedeutet nicht, Altes zu bewahren, sondern es vor allem auch weiterzuentwickeln», ist sie überzeugt. Dieses Leitmotiv prägt viele ihrer Entscheidungen.

Wein als Kulturgut; den Weinbau, das Winzern als Handwerk zu verstehen – das sind für Irion unumstössliche Essenzen ihrer Arbeit. «Es geht nicht einfach darum, Alkohol zu produzieren. Das passiert automatisch, aber es ist nicht das Ziel», führt sie aus. Wein bedeutet für sie Genuss und Leidenschaft; Rebbau eine Kunstform. All das möchte die Kellermeisterin nicht nur in den Produkten, sondern in der Spiezer Alpinen Weinkultur vereinen. 

Veränderung, wo sie sinnvoll ist

Vom Fenster ihres Büros aus schaut Irion ins Grüne und ist mit dem bisherigen Verlauf des Jahres zufrieden. Die Reben trieben schon im April bestmöglich aus, die lange Trockenheit sei allerdings ein Faktor, der Jungreben Schwierigkeiten bereiten könne. Sowieso sei das Thema Klima omnipräsent, doch Irion lenkt den Blick lieber auf Möglichkeiten als auf Probleme. «Veränderungen sind immer auch Chancen», ist ein Leitsatz, der ihre Arbeit vorantreibt. Ihre Passion ist es, Zukunftsweine zu entwickeln, deren Reben auch kommenden Generationen den Weingenuss ermöglichen können. Der Weinbau ist ein langfristiges Handwerk, bei dem Weitsicht unerlässlich ist, denn «wenn wir jetzt entscheiden, was wir pflanzen, soll das mindestens 30 Jahre halten». Die neuen Parzellen in Faulensee, die 2024 gepflanzt wurden, seien gut angewachsen, eine erste «Mini-Ernte» sei dieses Jahr erwartbar. Bis das erste Glas der neuen Rotweinsorte probiert werden könne, werde es vielleicht 2028, so etwas sei natürlich ein aufregender und grosser Moment.

Viele Veränderungen sind hingegen rein praktischer Natur, doch auch diese müssen in Angriff genommen werden. Man schaue sich zum Beispiel die neuen Hagelnetze in den Weinbergen an, erklärt die Winzerin. Sie seien absolut nötig in einer der hagelreichsten Gegenden des Landes, aber nicht besonders schön anzusehen. «Dafür sind wir aber eben kein Ballenberg.» Solche Neuerungen seien schliesslich wichtig, um den Betrieb und das Handwerk zu erhalten und es zukunftsfähig zu machen. Auch Naherholungsräume dürften sich verändern; wichtige Faktoren sind für Irion hierbei allerdings Rücksicht und Augenmass. Veränderung sollte nicht um der Veränderung willen geschehen, sondern wo sie sinnvoll und notwendig ist. Systeme mit möglichst hoher Resilienz seien gefragt, und «bunter aufgestellte Systeme sind einfach spannender und haben eine höhere Überlebenschance». 

Das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Mitarbeitenden der Rebbaugenossenschaft wider. Verschiedene Fähigkeiten sind der Naturwissenschaftlerin wichtig, das Blicken über den eigenen Tellerrand; Quereinsteiger seien bei ihnen immer willkommen. Wenn man verschiedene Hintergründe vereine, könne man auch nachhaltig etwas bewirken, denn im Weinbau sei Teamarbeit gefragt.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Ursula Irion? Die Antwort kommt schnell. «Für künftige Generationen eine lebenswerte Grundlage hinterlassen, die bleibt.» Doch wie bei vielen anderen Fragestellungen ist Irion auch in diesem Aspekt eine ganzheitliche Betrachtungsweise wichtig. Zu Nachhaltigkeit gehöre auch, Betriebe so zu entwickeln, dass sie wirtschaftlich seien und bleiben könnten und attraktive Arbeitsplätze anböten. Dafür müssten im Falle des Weinbaus zum Beispiel auch Hänge immer wieder neu gesichert werden; auch diese Dinge unterliegen einer stetigen Entwicklung, denn Steillagen-Weinbau ist enorm teuer.

Herausforderungen fördern Innovation

Für die Betriebsleiterin ist es zentral, Zukunftsfragen und aktuelle Herausforderungen in Einklang zu bringen. Nicht nur der Faktor des sich verändernden Klimas bereitet Sorgen; der Kostendruck ist hoch, der Japankäfer breitet sich aus. Natürlich mache das manchmal auch Angst, doch auch genau an diesem Punkt werde Innovation gefördert, betont Irion. 

Wichtig ist ihr dabei die Arbeit mit ihrem Team und der Zusammenhalt: «Wenn eine Krise kommt, ist es meine Aufgabe, Vertrauen zu schenken». Überhaupt sei es ihr ein Anliegen, dass der Betrieb nicht auf sie als Person ausgerichtet sei; auch hier müsse an die Zukunft gedacht werden. «Die anderen sollen schliesslich auch mitgestalten und ernten», sagt die 57-Jährige. Eines ihrer grossen Ziele, das sie im Rahmen der Rebbaugenossenschaft vorantreiben möchte, ist der Bau eines neuen Betriebsgebäudes. Dieser steht in den kommenden Jahren an, da die bisher genutzten Räumlichkeiten im Schloss Spiez nicht mehr lange zur Verfügung stehen werden. Der neue Ort soll Prozesse zusammenbringen, eine effizientere und sicherere Produktion ermöglichen und ein neues Zentrum des Weinbaus vor Ort werden. «In Spiez kommt nicht das Gefühl eines Winzerdorfs auf, aber ich möchte, dass die Alpine Weinkultur hier auch in Zukunft verankert ist», so Irion.

Ein weiterer Schwerpunkt des Betriebs ist die stete Weiterentwicklung der Produkte. Die Nachfrage nach alkoholfreien Getränken in der Gesellschaft steigt; vielerorts werden alkoholfreie Weine angeboten. Mit der bisherigen Qualität dieser Produkte ist die Winzerin allerdings noch nicht zufrieden und sieht für den eigenen Betrieb aktuell keinen Einstieg in dieses Segment. «Ich möchte mich absolut nicht gegenüber dem Bedürfnis nach alkoholfreien Getränken verschliessen», erläutert sie. «Doch was aktuell angeboten wird, ist eher ein Verrat an der Winzerseele, für so etwas möchte ich nicht stehen. Der Wein, den wir in harter Arbeit anbauen und handwerklich herstellen, würde dafür zerpflückt und wieder neu zusammengesetzt, das ist wie eine neue Art von Frankenstein. Und das Ergebnis ist einfach nicht ansprechend.» 

Da sei es für sie eher eine Motivation, ein eigenes Produkt auf Saftbasis zu entwickeln, das eben kein Wein sei, aber die Qualität erhalte. Bis das neue Getränk erhältlich ist, müssen sich Kundinnen und Kunden gar nicht mehr lange gedulden, da es bereits diesen Sommer auf den Markt kommt.

Kreativität und Tatendrang

Ursula Irion spricht leidenschaftlich über die Dinge, die ihr wichtig sind – und das sind viele. Etwas zu entwickeln, voranzutreiben, zu bewirken, das ist ihr Motor, doch es muss dabei nicht automatisch um Wein gehen. «Wenn ich in Ländern bin, in denen es keinen gibt, vermisse ich ihn auch nicht. Etwa ganz im Norden, oder auch in Indien, wo einfach kein eigener angebaut wird, brauche ich auch keinen zu probieren. Dann entdecke ich lieber etwas, was auch von dort kommt», sagt sie über ihre Affinität, Neues kennenzulernen. 

Um immer wieder etwas weiterzuentwickeln, brauche es jedoch immer wieder eine kreative Distanz, um neue Ideen zu bekommen und sich wieder zu fokussieren; auch wenn sie viele Themen ebenfalls im Privatleben begleiten. Irions Partner ist ebenfalls Winzer, zudem Architekt; beide seien sie sehr kulturaffin. Ausruhen? Ja, manchmal. «Ich kann gut einfach mal im Garten sitzen und geniessen.» Allerdings fügt sie direkt lachend an: «Der Naturgarten macht mir grosse Freude, gleichzeitig stosse ich natürlich auch direkt wieder auf den grösseren Kontext, wenn ich ihn betrachte.» Doch dabei erwachen eher Kreativität und Tatendrang als ein Ruhebedürfnis. «Strandferien oder eine Kreuzfahrt brauche ich wirklich nicht», antwortet sie auf die Frage, wo sie Entspannung finde. 

Eine Weltreise sei nichts für sie, denn «wenn ich an einem Ort bin, dann will ich länger dort sein, mich wirklich auf die Kultur einlassen und Menschen kennenlernen.» Für solche Reisen hätte sie gerne mehr Zeit, wie auch für ihre Tochter und die Enkelin. Diese leben allerdings nicht um die Ecke, sondern in Ecuador, wodurch das Land eine besondere Bedeutung für sie hat. Zwar nicht ganz so weit entfernt, doch ihre Eltern sind ebenfalls nicht in der Region, sondern in Spanien ansässig. «Eigentlich versuche ich inzwischen, mir zu viele Flugreisen zu verkneifen, doch diese Situation macht das nicht immer möglich.» Während ihres Studiums arbeitete die damals 20-Jährige ein Jahr als Flight Attendant, um möglichst viel von der Welt zu sehen. «Sesshaft zu werden, war eine Kunst für mich, doch die Landwirtschaft ermöglicht es einem, Dinge zu entwickeln, so bleibt auch das für mich spannend.»

Leidenschaft für Zusammenhänge

Das Thema Zukunft ist in allen Lebensbereichen wichtig für Irion, ihre eigene sieht sie eher gelassen. Auch wenn der Weinbau seit vielen Jahren einen grossen Teil ihres Lebens ausmacht, könne sie sich genauso gut vorstellen, etwas ganz anderes zu tun. «Ich könnte auch an einem Ort glücklich sein, an dem es gar keine Reben gibt. Dann würde ich mir eine andere Aufgabe suchen; allerdings nur eine, die ebenfalls eine Challenge für mich ist.» Viele Szenarien gebe es, die sie genauso reizen würden, wie etwa die Arbeit für eine NGO. Hauptsache, sie bringe einen praktischen Nutzen für die Menschen direkt vor Ort. Resiliente Bodenverbesserung, syntropische Landwirtschaft, sich im Bereich humanitäres Recht weiterzubilden – es sind die grossen Zusammenhänge, die Irion interessieren und sie antreiben. Gibt es etwas, was sie definitiv gern einmal erleben würde? Die Antwort kommt spontan: «Greifvögel faszinieren mich seit langer Zeit sehr. Einmal das Adlerfest in der Mongolei zu besuchen, das wäre wirklich ein grosser Wunsch.»


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