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Erfahrungen weitergeben

Begleitung • Peer-Beratende unterstützen Menschen mit Behinderungen, ihre Rechte geltend zu machen oder ihren Alltag besser zu bewältigen. Menschen mit Behinderungen unterstützen dabei andere Menschen mit Behinderungen mit ihrem Wissen und Erfahrungsschatz. 

| Adrian Hauser | Gesellschaft

Um unter anderem Barrieren bei den Sozialversicherungen abzubauen, bieten verschiedene Organisationen und Einzelpersonen Peer-Beratungen an. Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen benötigen oft das Sozialsystem, um die eigene Existenz sichern zu können. «Die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderungen sind jedoch sehr heterogen», sagt Saphir Ben Dakon, Vize-präsidentin von Agile, selbstständige Peer-Beraterin und Inklusionsspezialistin. Hinzu komme, dass nur etwa drei Prozent aller Menschen mit Behinderungen auch damit geboren worden seien. Alle anderen «erwerben» sich quasi im Laufe ihres Lebens eine Behinderung durch Krankheit, Unfall oder Alter. «Diese Menschen kommen in eine Lebenssituation, mit der sie zuvor nichts zu tun hatten», erklärt Saphir Ben Dakon. Man ist mit Anträgen für Sozialversicherungen konfrontiert und muss sich mit seinem Körpergefühl sowie mit dem eigenen Bezug zur Umwelt neu zurechtfinden. Und hier kommen die Peer-Beraterinnen und -Berater ins Spiel. Diese verfügen über eigene, reflektierte Erfahrungen – zum Beispiel mit Behinderungen, Erkrankungen und Krisen. Dabei haben sie – gemäss Beschreibung auf der Website von Agile – Strategien entwickelt, um selbstbestimmt mit diesen Herausforderungen umzugehen. 

Begleitung bei Alltagsfragen

Saphir Ben Dakon lebt selbst seit Geburt mit einer Mehrfachbehinderung. Sie ist also Expertin, was das Thema angeht, und kann ihre eigenen Erfahrungen weitergeben und damit Menschen helfen, ebenfalls eigenverantwortlich und selbstbewusst mit der Situation umzugehen. «Bei den Peer-Beratungen nutzt man das Wissen und die Erfahrungen von anderen Menschen mit Behinderungen in Form einer Beratung oder Begleitung bei Alltagsfragen», ergänzt Saphir Ben Dakon. Diese kann auch längerfristig sein und grenzt sich ab von einem eigentlichen Coaching oder einer psychologischen oder juristischen Intervention. Die Peer-Beraterinnen und -Berater verweisen die zu beratenden Personen falls nötig an weitere Fachstellen, wenn beispielsweise medizinische oder juristische Abklärungen erforderlich sind. Und im Unterschied zu einem Coaching müssen die Personen bei einer Peer-Beratung die Lösung nicht selber finden, sondern werden auf eine mögliche Lösung hingewiesen. So werden sie beispielsweise auf Sozialleistungen aufmerksam gemacht, auf die sie Anspruch haben, um ihre Behinderung zu «egalisieren». «Bei Menschen, die beispielsweise an einem Burn-out oder einer Depression erkrankt sind und bei denen die psychiatrische oder psychologische Intervention abgeschlossen ist, kann eine Peer-Beratung helfen, mit den gemachten Erfahrungen im Alltag besser umzugehen», erklärt Saphir Ben Dakon. In einem solchen Fall kommen Fragen auf wie: Was möchte man in seinem Leben aufgrund dieser Erfahrung verändern, was ist wichtig und was nicht? «Dabei hilft es zu wissen, dass es andere Menschen gibt, die etwas Ähnliches erlebt haben, und ihre Erfahrung weitergeben können. Man wird so zum Teil einer tragenden Community», führt
Saphir Ben Dakon weiter aus. 

Bei den Peer-Beratungen geht es also nicht nur darum, wie jemand zu Sozialleistungen kommt, sondern sie ist breiter und je nachdem auch längerfristiger gefasst, indem Menschen bei Bedarf über einen ganzen Lebensabschnitt begleitet werden. Saphir Ben Dakon kann dabei auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen: «Offiziell» macht sie seit fünf Jahren solche Beratungen als Selbstständige, doch privat in einem informellen Rahmen bereits seit ihrer Jugendzeit. Dies bisher vollkommen freiwillig, da Betroffene oft in Armut leben.

Übersetzungsarbeit

«Die Nachfrage nach solchen Beratungen ist gross», berichtet Saphir Ben Dakon. Das Problem sei allerdings die Finanzierung. Denn Peer-Beratungen werden nicht von einem Topf der Behörden alimentiert. «Deshalb erfolgen viele Peer-Beratungen im privaten Bereich auf Freiwilligenbasis», ergänzt Saphir Ben Dakon. «Vereinzelt sind Peer-Beratende auch bei Organisationen, psychiatrischen Universitäts-kliniken oder IV-Stellen angestellt.» So beschäftigt beispielsweise die IV-Stelle Chur zwei solche Berater zu je einem 40-Prozent-Pensum. In einem solchen Kontext sind die Peer-Beratungen quasi eingebettet und können auf die übrigen Massnahmen und Interventionen abgestimmt werden. «Manchmal braucht es zwischen den Angestellten bei der IV, die ausserhalb ihrer Arbeit keine Berührungspunkte mit der Lebensrealität von Menschen mit Behinderung haben, und ihrer Klientel eine Brücke», sagt Saphir Ben Dakon. Denn es komme oft zu Missverständnissen, und es brauche viel Übersetzungs-arbeit. «Man hat festgestellt, dass mit dem Beizug einer Peer-Beratung die IV-Stellen die Situation der Betroffenen viel besser einschätzen können», so Saphir Ben Dakon. Und die Invaliden-versicherung sei ja schliesslich darauf angewiesen, eine Lebenssituation korrekt einschätzen zu können. Doch oft fehle die Perspektive der Selbstbetroffenheit. Und wenn die Perspektive der Betroffenen ausgeklammert werde, würden sich die IV-Stellen nicht für die richtigen Unterstützungsdienstleistungen entscheiden. Auf diese Weise entstehe bereits eine Form der strukturellen Diskriminierung. «Es gibt so viele Missverständnisse zwischen den Beratenden der Invalidenversicherungen, Case Managern und Menschen mit Behinderungen. Daher ist es besser, gleich von Beginn an auf die gleiche Kommunikationsebene zu kommen und vom Gleichen zu sprechen», erklärt Saphir Ben Dakon.

Erfahrungen mit Stigmatisierungen

Viele Leute brauchen zudem Hilfe beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen. Diese seien oft zu kompliziert, viele Personen bräuchten diese eigentlich in Einfacher oder Leichter Sprache. Weiter wüssten viele nicht genau, auf welche Unterstützungsdienstleistungen sie Anspruch hätten. Weiter gebe es auch Leute, die Angst vor den Gesprächen mit Vertretenden von Sozialversicherungen oder anderen Fachpersonen hätten, weil sie schlechte Erfahrungen mit Stigmatisierungen gemacht hätten. «Diesen Personen versuchen wir dann die Angst zu nehmen und helfen ihnen dabei, sich mental auf solche Gespräche vorzubereiten», berichtet Saphir Ben Dakon. Manchmal brauche es im Nachhinein auch eine ergänzende Beratung, weil sich jemand vielleicht nicht getraut habe nachzufragen, wenn etwas nicht auf Anhieb verständlich gewesen sei. Oder man müsse mit der IV-Stelle nochmals kommunizieren, wenn man sich ungerecht behandelt oder nicht gehört fühle. In einem solchen Fall helfen die Peer-Beratenden beispielsweise auch beim Verfassen von E-Mails oder geben Tipps, wie man sich in weiteren Gesprächen verhalten kann. «Oft haben die Personen durch strukturelle Diskriminierung negative Erfahrungen gemacht und sind noch nicht in der Lage, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren», so Saphir Ben Dakon. «Diese Personen brauchen eine niederschwellige Anlaufstelle, um aus einem Hamsterrad von Fragen herauszukommen, die sie innerlich blockieren.»

www.agile.ch


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