«Jede Diskriminierung ist eine zu viel»
Interview • Lucien Schönenberg ist Sozialanthropologe und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Schweizerischen Menschenrechtsinstitution SMRI und ist verantwortlich für den Themenschwerpunkt «Mehrfachdiskriminierung». Er erklärt, welche Mechanismen Diskriminierungen zugrunde liegen.
Was ist die Definition von Mehrfachdiskriminierung?
Lucien Schönenberg: Von Mehrfachdiskriminierung oder mehrdimensionaler Diskriminierung sprechen wir, wenn mehrere persönliche Merkmale zu einer Diskriminierung führen, etwa bei einer beliebigen Kombination der Dimensionen Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Lebensweise, Religion, Sprache, sozioökonomischer Status, Gesundheitszustand oder Bildungsniveau.
In welchen Situationen könnten Mehrfachdiskriminierungen auftreten?
Mehrfachdiskriminierungen kommen in den verschiedensten Situationen vor. Eine Person mit Behinderungen, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, wird diskriminiert, wenn sie in ihrem Alltag Hürden begegnet, etwa wenn sie den öffentlichen Verkehr benutzen möchte. Wenn diese Person eine Frau ist und sich für einen Job bewirbt, bekommt sie die Stelle vielleicht nicht, weil die arbeitgebende Person findet, Frauen seien für die Kaderposition nicht geeignet. Die Person ist mehrfach diskriminiert: In einer Situation als Mensch mit Behinderungen und in einer anderen als Frau. Ein anderes Beispiel ist das sogenannte racial oder ethnische Profiling. Ein junger Mann mit schwarzer Hautfarbe wird von der Polizei kontrolliert, weil ein Polizist oder eine Polizistin annimmt, dass die Person Drogen auf sich haben könnte. Und zwar nicht, weil die Person ein auffälliges Verhalten gezeigt hat, sondern einzig, weil die Polizei die Person als jung, männlich und mit schwarzer Hautfarbe wahrnimmt. Eine Person wird kontrolliert und diskriminiert, nicht aufgrund dessen, was sie macht, sondern aufgrund ihrer persönlichen Merkmale.
Mehrfachdiskriminierung ist einer der Themenschwerpunkte der SMRI. Warum?
Die Schweizerische Menschenrechtsinstitution hat den Auftrag, die Menschenrechte aller Bevölkerungsteile in der Schweiz zu schützen und zu fördern. Diskriminierung ist eine fundamentale Verletzung der Menschenwürde. Um die Menschenwürde besser zu schützen, müssen alle Formen der Diskriminierung, einschliesslich der Wechselwirkungen zwischen ihnen, bekämpft werden. In einem klassischen Menschenrechtsverständnis wird Diskriminierung oft eindimensional gedacht. Dies birgt die Gefahr, dass Mehrfachdiskriminierungen unsichtbar bleiben und somit nicht wirksam bekämpft werden können. Da die Kombinationen von Diskriminierungsmerkmalen zu einer besonderen Verletzlichkeit von Personen und Gruppen führen, werden Mehrfachdiskriminierungen zunehmend von Zivilgesellschaft, Behörden und internationalen Menschenrechtsabkommen berücksichtigt. Um diese Entwicklung zu unterstützen und weiter voranzutreiben, legt die SMRI einen ihrer Themenschwerpunkte für die Jahre 2024–2027 auf Mehrfachdiskriminierungen. Dafür arbeitet sie eng mit Behörden, privaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen.
Wann werden Diskriminierungen strukturell oder institutionell?
Strukturell werden Diskriminierungen, wenn sie systematisch und umfassend in der gesellschaftlichen Struktur verankert sind und zur Ausgrenzung von ganzen Personengruppen führen. Diskriminierende Haltungen werden so zu einem Ausdruck von gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Bei strukturellen Diskriminierungen geht es darum, wie in der Gesellschaft gewisse Vorurteile verankert und nicht mehr hinterfragt werden. Es wird auch von einer Normalisierung gesprochen, weil die Vorurteile und Stereotypen als normal angesehen werden. Die Vorurteile und Diskriminierungen sind also in der gesellschaftlichen Struktur eingeschrieben und durchdringen auch grundlegende Institutionen wie die Schule, die Polizei, die Justiz und andere Behörden. Nicht nur die staatlichen Institutionen, sondern auch Privatunternehmen sind davon betroffen.
Wo treten in der Schweiz institutionell bedingte Diskriminierungen auf?
Struktureller Rassismus ist ein gutes Beispiel dafür. Eine von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2022 zeigt auf, wo überall struktureller Rassismus vorkommt. So etwa in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Behörden und Einbürgerung, Politik sowie teilweise soziale Sicherung, Polizei und Justiz. Beispielsweise müssen sich Menschen mit Migrationsgeschichte und «ausländisch» klingendem Namen bei der Wohnungssuche deutlich häufiger für eine Wohnung bewerben, bevor sie überhaupt eine Wohnung besichtigen und schliesslich auch mieten dürfen, als Menschen mit «schweizerisch» klingendem Namen. Dies passiert auch Menschen, die die schweizerische Nationalität besitzen oder zum Beispiel Doppelbürger oder Doppelbürgerinnen sind.
Von welcher Art von Diskriminierung sind Menschen mit Behinderungen am häufigsten betroffen?
Leider gibt es dazu zu wenig Datenerhebungen, da Menschen mit Behinderungen nur selten vor Gericht ziehen. Viele Diskriminierungen werden deshalb nicht sichtbar und sind somit statistisch schwierig zu erfassen. Auch gibt es Menschen, die mit Behinderungen leben, die von aussen nicht sichtbar sind. Dies ist bei bestimmten Krankheiten oder Menschen mit Hörbehinderungen der Fall. Grundsätzlich muss aber gesagt werden, dass jede Diskriminierung eine zu viel ist. Auch kommen Diskriminierungen für Menschen mit Behinderungen in allen Lebens-bereichen vor: Es gibt eine fehlende Repräsentation in der Schweizer Politik. Der Eintritt in den primären Arbeitsmarkt ist erschwert. Es gibt Hürden im Zugang zu Bildung. Und wenig Chancen auf einen passenden Wohnraum sowie Barrieren bei der Freizeitgestaltung, wenn zum Beispiel kulturelle Veranstaltungen nicht zugänglich sind. Es gibt aber auch innerhalb der Menschen mit Behinderungen Personen, die spezifischen Formen von Diskriminierungen stärker ausgesetzt sind. Es ist zum Beispiel erwiesen, dass Frauen mit Behinderungen mehr Gewalt erleben als beispielsweise männliche Personen mit Behinderungen oder weibliche Personen ohne Behinderungen. Die Dimensionen Geschlecht und Behinderungen überschneiden sich so, dass sie zu einer spezifischen Form der Diskriminierung führen.
Welche übrigen Arten von Diskriminierung gibt es?
Diskriminierung kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Oft wird zwischen direkter, indirekter, struktureller, institutioneller, mehrdimensionaler und intersektioneller Diskriminierung unterschieden. Die direkte Diskriminierung ist wohl am bekanntesten. Diese liegt zum Beispiel vor, wenn eine Person wegen ihrer Herkunft keine Wohnung erhält oder wenn eine Frau einzig aufgrund des Geschlechts einen Job als Führungskraft nicht bekommt. Es ist also eine Regel, die eine explizite Ungleichbehandlung verursacht. Die indirekte Diskriminierung ist schwieriger zu erkennen. Es handelt sich hier um eine Regelung, die zwar den Anschein macht, alle gleich zu behandeln, dann aber in der Anwendung Benachteiligungen für eine Personengruppe nach sich zieht. Zum Beispiel könnten in einem Stellenbeschrieb gewisse Anforderungen stehen, wie Deutsch als Muttersprache, obwohl für die Ausführung der Tätigkeit die Sprachkompetenz im Hintergrund steht.
Wie und wo entsteht strukturelle Diskriminierung?
Strukturelle Diskriminierung wächst historisch. Der strukturelle Rassismus ist ein gutes Beispiel, denn er baut auf einer langen Kolonialgeschichte auf. Die historisch begründete Vorherrschaft des Westens, die gewaltvolle Unterwerfung der Kolonien und die Sklaverei führten dazu, dass bestimmte Formen von Gewalt und rassistische Zuschreibungen gegen schwarze Körper bis heute fortbestehen. Strukturelle Diskriminierung ist perfide, weil sie oft versteckt agiert und so ihre ausgrenzende und entmenschliche Wirkung entfaltet.
Welche Personengruppen sind oft von struktureller Diskriminierung betroffen?
Ich denke hier insbesondere an Menschen mit Behinderungen, Frauen und LGBTQI+ Personen, Minoritäten wie zum Beispiel Sinti und Roma, Personen mit Migrationshintergrund und Personen, die von Armut betroffen sind. Nebst den bekannteren Formen wie Rassismus und Sexismus gibt es auch die Begriffe Ableismus und Klassismus, um verschiedene Formen struktureller Diskriminierung zu benennen. Der Begriff Ableismus kommt vom englischen Wort «ability» (Fähigkeit/Vermögen/Können) und beschreibt Benachteiligungen gegenüber Menschen mit Behinderungen. Zum Beispiel werden diese oft auf ihre Behinderungen reduziert. Es kommt zu Abwertungen und Ausgrenzungen, weil sie als nicht «normal» angesehen werden und so im Alltag anders behandelt werden als Menschen ohne Behinderungen. Beim Klassismus handelt es sich um eine Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft und sozialen Position. Wichtig ist zu erkennen, dass es sich bei diesen Ausgrenzungsmechanismen um Machtstrukturen handelt. Diese schützen die Interessen von privilegierten Menschen, indem sie andere Menschen von ebendiesen Privilegien ausschliessen.
Was kann man als Behörde oder Institution gegen institutionelle Diskriminierung in den eigenen Reihen tun?
Sich immer wieder selbst hinterfragen und Hilfe von aussen holen. Meist sind Arbeitsabläufe so starr, dass eine Aussensicht hilfreich ist, um problematische Muster zu erkennen. Gerade wenn jemand sagt: «Diskriminierung? Das gibt es bei uns nicht.» Dann muss man hellhörig werden. Denn Diskriminierungsstrukturen sind hartnäckig. Damit sie wirksam reduziert werden können, braucht es eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Thematik. Die SMRI bietet deshalb Weiterbildungen, Beratungen und Workshops für Behörden an, um ihre Expertise direkt in die Verwaltungspraxis einzubringen und so dazu beizutragen, die menschenrechtliche Perspektive zu verankern.
Was kann man auf Gesetzesebene gegen strukturelle oder institutionelle Diskriminierung tun?
Auch wenn das Diskriminierungsverbot in der Verfassung verankert ist, gibt es in der Schweiz bis heute kein Rahmengesetz, das vor allen Formen der Diskriminierung schützt. Interessant erscheint mir das Manifest der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) für ein allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, das letzten Sommer erschienen ist. Mit diesem Ansatz könnten alle Formen von Diskriminierung bekämpft werden.
Was ist algorithmische Diskriminierung?
Von algorithmischer Diskriminierung wird gesprochen, wenn automatisierte Entscheidungssysteme Personen diskriminieren. Diese Systeme sind nicht neutral. In den Datensätzen können zum Beispiel Vorurteile und Stereo-typen vorkommen. Dies kann dazu führen, dass Diskriminierungen von Technologien reproduziert und so Personengruppen benachteiligt werden. Zum Beispiel werden teils Algorithmen in Bewerbungsverfahren eingesetzt, um die Dossiers automatisch auszusortieren. Wenn das System alle Bewerberinnen und Bewerber ab 58 Jahren aussortiert, weil diese nahe am Rentenalter sind, dann gibt es hier eine Diskriminierung aufgrund des Alters.
Welche weiteren Formen von Diskriminierung könnte die Digitalisierung noch mit sich bringen?
Ich denke, da gibt es verschiedene Ebenen. Einerseits kann die rasante Digitalisierung dazu führen, dass Menschen, die sich weniger mit Technologie auskennen oder diese weniger nutzen, ausgegrenzt werden. Wenn zum Beispiel nur noch digitale Zahlungs-methoden zur Verfügung gestellt werden oder wenn mit den Behörden nur noch über E-Mail kommuniziert werden kann. Andererseits haben gerade im Bereich Digitalisierung gros-se Technologiekonzerne enorm viel Macht. Es ist wichtig, dass eine grössere Diskussion darüber entsteht, inwiefern Betreiber von grossen Plattformen und sozialen Medien Meinungen beeinflussen, indem sie entscheiden, welche Inhalte und welche politischen Inhalte wir zu sehen bekommen.
Warum gibt es Diskriminierungen überhaupt in unserer Gesellschaft?
Stigmatisierende Repräsentationen von Gruppen entstehen meist über längere Zeiträume hinweg, werden aber auch aktiv unterhalten. Die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft sind also nicht naturgegeben, sondern werden aktiv produziert. Und das ist genau der Punkt. Erst einmal werden bestimmte Bevölkerungsteile als «anders» definiert, gegen die sich eine Mehrheitsbevölkerung abheben kann. Dadurch, dass viele Menschen zu glauben beginnen, dass diese Menschen anders sind als sie, wird das Niveau der Empathie beeinflusst, das man ihnen gegenüber empfindet. Zusätzlich braucht es einflussreiche Akteure, die auf höchster politischer, wirtschaftlicher und medialer Ebene verbreiten, dass es diese Menschen nicht anders verdient haben, in der Hierarchie der Gesellschaft ganz unten zu sein. Diskriminierung hat also eine Funktion. Sie ermöglicht es den privilegierteren und mächtigeren Bevölkerungsteilen, ihre Macht zu erhalten, indem sie sich von anderen Bevölkerungsteilen absetzen. Strukturelle Diskriminierung ist also nicht zufällig, sondern ein gesellschaftliches System. Adrian Hauser