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«Pilze und Hohlräume gehören zum System Baum: Ein Baum, der einen Pilz hat oder der hohl ist, ist nicht krank!»

Bäume • Fabian Dietrich ist unsere erste «Begegnung» in diesem Jahr (siehe letzte Seite). Und weil seine Erfahrung und sein Wissen über den Mann hinausgehen, der er ist, widmen wir ihm zusätzlich diese Seite. Nicht allein für ihn – für die Bäume, für unsere Erde und somit für uns alle.

Das Wissen in den Köpfen zementieren: Ein hohler Baum oder ein Baum mit Pilz ist nicht per se ein kranker Baum. Die Umweltleistung eines alten Baumes entspricht jener von 400 Jungbäumen: alte, knorrige Hainbuche auf einem Privatgrundstück. (Bild: zvg)

In neun von zehn Fällen könne man den Baum erhalten, so Fabian Dietrich. Und auch, sollte er eine Gefahr für die Sicherheit darstellen, wieder sicher machen. «Übernehmen wir die Pflege für einen Baum, sind wir auch für ihn verantwortlich. Wir wissen, was wir tun.» Mit «wir» meint er sich und seine Mitarbeitenden der Baumpflege Dietrich GmbH. Und das Wichtigste: «Ich frage mich oft, gerade in Bezug auf die Klimaveränderung, ob den Menschen bewusst ist, dass Bäume uns Menschen durch ihre immense Umweltleistung retten können? Ja, Bäume retten uns, dessen muss man sich bewusst sein! Denn ein alter Baum erbringt die Umweltleistung von 400 Jungbäumen.» 

Treten an Ort und zurück auf Start

Weil er sich dessen eben bewusst ist, setzt sich Dietrich seit vielen Jahren für den Baumerhalt, gerade im Wohn- und Siedlungsgebiet, ein. «Das Stehenlassen grosser und alter Bäume ist die effektivste Möglichkeit, dem Klima zu helfen.» Dass sich viele Menschen darüber hinwegsetzen, macht den Baumpflegespezialisten ohnmächtig und auch traurig. «Manchmal fühlt es sich an, wie Treten an Ort.» Die Schweiz sei ein ländliches Land, selbst die Städte seien ländlich. Deshalb gingen viele davon aus, dass es hierzulande genügend alte Bäume gebe. Doch dem sei leider nicht so. «Viele befürchten, durch die oft einseitige und unkritische Medienberichterstattung, dass Bäume per se eine Gefahr darstellten, was natürlich so nicht stimmt. Es fehlt das tiefe Wissen in Bezug auf Bäume.» Auch hier hegt Dietrich für Berufsgruppen, die weniger in die Tiefe ausgebildet wurden, Verständnis. «Der Baumerhalt und generell die Baumpflege sind, zum Beispiel in der Ausbildung zum Forstwart oder zum Landschaftsgärtner, keine Hauptbestandteile.» 

Tiere verlieren ihren Lebensraum

Damit diese irrationale Angst vor Bäumen überwunden werden könne, sei es wichtig, Bäume im Siedlungsgebiet regelmässig durch einen Baumpflegespezialisten prüfen zu lassen. «Erhält ein Baum Pflege, so ist die Sicherheit in aller Regel gewährleistet.» Denn wird ein Baum unbedacht und schnell aus sogenannten Sicherheitsgründen gefällt, so verlieren, nebst der verlorenen Umweltleistung, viele Tiere ihren Lebensraum. Viele wüssten nicht, dass schon das Fehlen einer einzigen Baumart im Ökosystem das Verschwinden von Lebewesen wie Vögeln, Insekten und anderen die Folge sein könne. 

«Ausserdem haben die Bäume keine Lobby.» Das sehe man daran, dass die wenigsten geschützt seien. «Es sind immer einzelne Bäume, wenn überhaupt, die einen Schutzstatus erhalten.» Eine von wenigen Ausnahmen bilde die Stadt Bern, in der alle Bäume, die mindestens einen Stammumfang von 80 Zentimetern hätten, geschützt seien. «Ansonsten aber werden sie nicht geschützt, weder auf Gemeinde- noch auf Privatgrund. Wenn ein Baum nicht mehr passt, fällt man ihn halt.» Dies werde als der einfachste und günstigste Weg betrachtet. «Wir haben hierzulande ein sogenanntes Wohlstandsproblem. Uns geht es so gut, dass wir uns fast übermässig um Sicherheitsrisiken, die von Bäumen ausgehen können, sorgen. Wir gehen einfach davon aus, dass von Bäumen eine Bedrohung ausgehen könnte. Wir sind von Angstdenken geprägt.» 

Tatsächlich könne es geschehen, dass ein herabstürzender Ast für einen Menschen zu einer grossen Gefahr werde. «Gerade deshalb gilt es, dass die Bäume im Wohn- und Siedlungsraum regelmässig kontrolliert und gepflegt werden, dann passiert das nicht!» Schliesslich trage sein Betrieb mittlerweile schweizweit die Verantwortung für viele Bäume, die durch seine Firma gepflegt würden. 

Dietrich ist einer, der nicht allein die Natur, sondern auch den Menschen, der zu ihr gehört, versteht. «Ich nehme die Ängste ernst. Deshalb braucht es Aufklärung.» Er bedauert, dass sich viele Menschen durch Bäume, die durch die neuen Wetterextreme umkippen, aufschrecken lassen. «Selbst wenn nichts passiert, befürchten sie das Schlimmste.» In der Folge wendeten sie sich zum Beispiel an Forstleute, um den Baum zu fällen. «Es ist ein Teufelskreis – und wie bei einer Haiattacke im Pazifik: Es gibt sie selten, dennoch schrecken sie die Welt auf, obwohl täglich auf der Stras­se viel mehr Menschen sterben.» Deshalb nochmal: «Wenn die regelmässige Baumpflege nicht vernachlässigt wird, sind die Bäume sicher.» 

Das falsche Bild vom kranken Baum

Das grosse Grundproblem liege darin, dass ein Baum stets isoliert betrachtet werde. «Ein hohler Baum oder ein Baum mit Pilzbefall ist nicht per se ein kranker Baum! Bei der Beurteilung wird dabei häufig der eigentliche ‹Lebensraum-Baum› nicht miteinbezogen, und schon gar nicht all die Ökosystemleistungen.» Man könne nicht einfach sagen, «wenn ich den alten fälle, setze ich dann wieder einen jungen.» «Die Umweltleistung eines alten Baumes ist den meisten Menschen nicht bewusst. Auch nicht, dass ein Baum nicht nur für sich ein Baum ist. Dass er eben Lebensraum für unzählige andere Lebewesen und Organismen ist.» 

Dass heute ein falsches Bild in Bezug auf «kranke Bäume» vorherrsche, sei das allergrösste Problem. «Es ist in den Köpfen verankert. Das ist verheerend.» Der Bevölkerung sei im Allgemeinen nicht bewusst, dass ein Baum, der einen Pilz habe, eben nicht krank sei! «Viele denken, er werde sowieso nicht mehr lange leben. Man geht davon aus, dass der Baum schon halb tot ist …» 

Angstbasiertes Krankreden 

«Pilze gehören zum Lebewesen Baum.» Dietrich erzählt von einem Fall, wo ihm eine Baumbesitzerin im Selbsturteil erklärte, ihr Baum sei krank, weil er von Pilzen befallen sei und nicht mehr lange leben würde.» Er habe sich gewundert: «Das sagte sie mit Überzeugung gegenüber einem Fachspezialisten …?!» Das zeige, wie sehr diese Falschmeinung verbreitet sei. Dies rühre daher, dass nicht selten weniger gut ausgebildete Fachkräfte diese Meinung rege verbreiteten. «Weil sie es eben nicht besser wissen, es nie gelernt und keine Erfahrung haben und zudem an alten Strukturen haften.» Dann sei es für ihn sehr schwierig, das Gegenteil zu beweisen und seine jahrzehntelange Erfahrung und sein Wissen breit zu etablieren. Dietrich verbringt viel Zeit damit, zu erklären, dass ein pilzbefallener Baum etwas Normales sei und in aller Regel der Baum die Holzzersetzung gut kompensier und so der Baum noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erfolgreich mit dem Pilz leben könne. «Dazu kommt, dass man nie sagen kann, wie lange ein Baum lebt. Das ist bei jedem Lebewesen dasselbe.» 

Neuer Lebensraum durch Pilze

Bei Bäumen im Siedlungsraum sei sehr wichtig, dass sie für den Menschen nicht gefährlich seien. «Diesen Anspruch dürfen wir haben», betont Dietrich. «Die Sicherheit muss gewährleistet sein.» Die «De-luxe-Variante» aus Sicht des Baumes sei natürlich, den Baum einfach sein zu lassen. Dies ginge jedoch nur in seltenen Fällen bei Siedlungsraum-Bäumen, wenn sie zum Beispiel in einem privaten Garten oder einem Hinterhof stünden, wo sie niemanden gefährden könnten. «Es ist notwendig, dass man Bäume kontrolliert, pflegt und schaut, dass sie sicher sind. Wenn man dies zuverlässig und regelmässig macht, reicht das aus. So viel oder so wenig braucht es.» «Und nein», so Dietrich, «es ist nicht so, dass man bei einem Baum, der von Pilz befallen ist, nur noch Sterbehilfe machen kann. Das kann man nicht genug betonen. Der Pilz ist keine tödliche Krankheit!» Durch Pilzbefall entstünden Lebensräume für Tiere und Organismen: Höhlungen, Mullzonen. Wie zum Beispiel für den Juchtenkäfer: «Mullzonen sind der Hauptlebensraum für den Juchtenkäfer!» Oft entstünden in einem hohlen Baum Lebensraum für den Specht oder den Siebenschläfer. «Es wäre alles so einfach, vertraute man der Natur mehr.» 

Lasst die Natur walten 

Auch ein hohler Baum sei nicht krank. Das habe er auch nicht gewusst, als er noch Landschaftsgärtner gewesen sei. «Das lernte ich erst in der Ausbildung zum Baumpflegespezialisten.» Einem Förster oder Forstwart solle aber niemand böse sein. «Denn in ihren Berufsgruppen wird ein Baum primär als Holzlieferant betrachtet. Man will ihn ernten, bevor er Höhlungen entwickelt, da sonst der Wert des Holzes abnimmt.» Hier gälten wirtschaftliche Gründe. «Dabei fängt die Lebensraum-Entwicklung bei einem Baum erst so richtig an, wenn er hohl wird! Dieses Spannungsfeld ist mit ein Grund, dass wir einen so gros­sen Biodiversitätsverlust haben! Umso wichtiger ist es, dass Bäume im Wohn- und Siedlungsraum so lange wie möglich erhalten werden.» Dietrich nennt ein anderes Beispiel: «Der Bund stellte fest, dass der Juchtenkäfer vom Aussterben bedroht ist. Warum? Weil er eben hohle Bäume braucht. Mullzonen, wo er leben kann. Wenn wir grundsätzlich hohle Bäume fällen, wie soll er da überleben, das kann er nur dort, wo er Bäume findet, die diese Zwischenstufe zwischen Holz und Humus aufweisen.» 

Es wäre so einfach 

Dietrich bleibt ruhig. Doch man begreift, dass er manchmal an die Grenze zur Verzweiflung kommt, wenn er auf Unwissen und Ignoranz trifft. «Jetzt ist man im Rahmen eines Artenschutzprojekts daran, mit Käferspezialisten zu schauen, wo es noch Bäume gibt, die vom Juchtenkäfer besiedelt sind. Findet man solche, lässt man sie bewusst stehen, damit der Käfer nicht verschwindet. Das Projekt ist gut, wir könnten uns das alles aber sparen, wenn das Bewusstsein in die Köpfe der Menschen fliessen würde, dass ein hohler Baum kein kranker Baum ist!» 

Falsche Berichterstattung

Noch etwas beschäftigt ihn. Dass er kürzlich von einem Medium abgestempelt wurde, er sei doch einfach einer, der jeden Baum retten wolle … Dagegen protestiert er ruhig, wie er ist, aber vehement: «Nein, ich will nicht alle Bäume retten – aber jene, die im Wohn- und Siedlungsraum mit vernünftiger Baumpflege sicher erhalten werden können, schon.» So mache es ihn grundsätzlich sehr traurig und auch wütend, wenn er trotz seines Wissens, Diskutierens und Erklärens stets das Gefühl habe, wieder «zurück auf Start» gezwungen zu sein. «Das Wissen über Bäume sollte ein Schulfach sein. Ich bin überzeugt, dass vielen Menschen nicht klar ist, dass uns Bäume immer wieder retten!» 

Dietrich betont noch mal: «Ja der Baum ist ein Lebewesen, das irgendwann stirbt. Dann fällt man ihn. Beispielsweise wenn er von einem Hallimasch-Pilz befallen ist, der häufig zum raschen Absterben des Baumes führt.» Doch in vielen anderen Fällen sei es auch für die Menschheit über kurz oder lang wichtig, grosse, hohle, alte Bäume zu erhalten. Dietrich übernimmt, wie erwähnt, oft auch die Verantwortung für die Bäume, die er mit seiner Firma pflegt.

«Ja, Bäume retten uns Menschen. Sie sind ein perfektes System! Damit wir im Siedlungsgebiet leben können, braucht es sie und ihre enorme Umweltleistungen: Sie spenden im Sommer Schatten, reduzieren die Hitze. Uns Menschen zieht es zu ihnen hin. Alle wollen Bäume.» Sobald es jedoch um die sogenannte Sicherheit gehe, sei ein Baum plötzlich nur noch lästig. Die Sicherheit werde oft auch dann vorgeschoben, wenn es einem Besitzer zu viel werde, das Laub wegzuräumen oder ähnliches. «Es ist ein Treten an Ort. Das macht mich ohnmächtig.» 

Und eben ja, die Medien: Über sie würden oftmals aufgrund von Unwissen auch falsche Informationen gestreut. So hiesse es auch dort, ein Baum sei krank, weil er hohl oder weil er vom Pilz befallen sei … «Das ist einfach nicht richtig! Das indoktriniert die Leserschaft, und so setzt sich falsches ‹Wissen› im Gehirn der Gesellschaft fest, das sich kaum mehr revidieren lässt …» 

Und: «Wenn sich schon viele Fachleute schlecht mit dem Lebewesen Baum auskennen, wie sollen es dann die Medien besser wissen?! Und die Leserschaft verstehen?! So wird falsches Wissen zementiert, und das ist schlimm!» 

Nicht anstatt, sowohl als auch!

Leider seien viel zu wenig Bäume geschützt. «Die Kosten haben oft das letzte Wort: Baum weg, Problem weg.» Das Pflanzen eines jungen Baumes sei gut. «Aber doch nicht anstelle eines alten! Man muss dem Prozess eines Baumlebens und -sterbens doch nicht vorgreifen!» Sinnvoll sei, in gewissen Fällen einen jungen Baum zusätzlich zu pflanzen, ohne den bestehenden zu fällen. Für die Zukunft. «Wenn dann der alte irgendwann stirbt, so ist der junge schon herangewachsen.» Denn, wie wir nun wissen: Ein alter Baum erbringt die Umweltleistung von 400 Jungbäumen.


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