Holzheizungen schaden der Gesundheit
Herr Dittler, seit Urzeiten wärmt sich der Mensch mit einem Feuer. Heute wird in der Schweiz das Verbrennen von Holz in Holzheizungssystemen sogar gefördert und subventioniert. Warum ist Heizen mit Holz nun plötzlich eine Gefahr für die Gesundheit?
Achim Dittler: Holzofen-Rauchgase sind nicht «plötzlich» eine Gefahr für die Gesundheit. Rauchgase sind aufgrund ihrer Zusammensetzung seit jeher gesundheitsschädlich. Die Zusammensetzung der Rauchgase ist stark abhängig vom Verbrennungsprozess und auch davon, wie die Rauchgase nachbehandelt und abgeleitet/verdünnt werden. Wo Holz schlecht verbrannt und nicht nachbehandelt wird und schlecht abgeleitet in die Atemluft in Wohngebieten gelangt, wird das Umfeld der Anlage mit Rauchgasen belastet. Diese enthalten neben Partikeln, zu denen Russ und Asche gehören, auch zahlreiche Schadgase und natürlich auch CO2 und Wasserdampf.
Warum sind die Auswirkungen der Schadstoffe durch Holzrauch in der Öffentlichkeit so wenig bekannt?
Berichterstattung über Holzofen-Rauchgase, die mittlerweile Ursache des grössten Luftreinhalteproblems in Wohngebieten darstellen, gibt es – saisonal – immer wieder. Unter den vielen aktuellen Themen scheint das Thema aktuell einen eher untergeordneten Stellenwert in der Berichterstattung einzunehmen. Vor Jahren wurde verstärkt berichtet. Medienvertreter sagen heute vereinzelt auch: Ist ja nichts Neues.
Beurteilen Sie den Feinstaubgrenzwert (PM 2,5) der WHO als sicher? Sollte er noch weiter gesenkt werden? In der Schweiz ist der Grenzwert doppelt so hoch. Braucht es ein Verbot der Holzverbrennung, um die Feinstaubgrenz-werte der WHO einhalten zu können?
In der Leopoldina-Stellungnahme «Saubere Luft» (2019) haben wir ausgeführt, dass die Feinstaub-Grenzwerte, wiewohl sie deutschlandweit eingehalten werden, viel «zu lasch» reguliert sind und weiter verschärft werden sollten. Wir hatten auch ausgeführt, dass man bei einer weiteren Senkung der Feinstaub-Grenzwerte über den Verkehr hinausdenken muss und Quellen wir Holzheizungen zu berücksichtigen sind. Es ist jedoch zu beachten: Holzofenrauchgase dürfen nicht nur auf die Komponente «Feinstaub» reduziert werden. Zahlreiche Schadgase – bspw. unverbrannte Kohlenwasserstoffe – sind in der Immission unreguliert.
Vom Bundesamt für Umwelt, aber auch von Ofenherstellern vernimmt man, dass man mit trockenem Holz und der richtigen Heiztechnik sauber verbrennen kann – können Sie dies mit Ihren Messungen bestätigen?
Hier muss man zunächst ein häufig auftretendes Missverständnis aufklären: Wir messen nicht den Ausstoss einzelner Öfen, also die Emission. Wir messen die Belastung der Atemluft mit Schadstoffen an einer Spotmessstelle, sprich: Wir messen das, was auf Mensch und Umwelt aus der Umgebung einwirkt, also die sog. «Immission». Emission und Immission dürfen nicht verwechselt werden. Unsere PM-2,5-, UFP- und auch Russ-Immissionsmessungen zeigen eindeutige Muster im Tagesverlauf: In Stunden – vornehmlich Abend- und Nachtstunden –, in denen Holzöfen betrieben werden, ermitteln wir im Tagesverlauf die höchsten Feinstaub- und Russ-Konzentrationen in der Atemluft. Die stundenweise sehr hohen Werte
gehen über die Mittelung übers Tagesmittel dann unter.
Wie sieht es denn aus bezüglich technologischem Fortschritt? Gibt es mittler-weile keine Filter, die ich als verantwortungsvoller Hausbesitzer einfach montieren lassen kann?
Für Komfortkamine gibt es elektrostatische Abscheider, die Partikelemissionen bis zu 90 Prozent vermindern können. Klingt beeindruckend, heisst aber: von 10 Millionen Nanopartikeln/cm³ bleiben 1 Million/cm³ trotzdem. Das ist immer noch sehr viel. Hochwirksame Filter wie bei Diesel- oder Ottomotoren gibt es für Holzöfen dagegen nicht – und eine Einführung ist auch nicht absehbar, weil solche Systeme hohe Druckverluste verursachen, die mit Naturzug im Kamin unvereinbar sind. Auch wenig bekannt: Elektrostatische Abscheider verändern die Gasphasen-Zusammensetzung negativ. Weil zudem weder elektrostatische Abscheider noch Katalysatoren etwas an der CO2-Emission ändern, sind das – ganzheitlich betrachtet – keine wirklichen Lösungen.
Wenn mein Nachbar mit Holz ohne Filter heizt, was bedeutet dies für meine Gesundheit? Wie weit wird die toxische Verschmutzung / der Feinstaub durch die Luft transportiert?
Wenn Rauchgase über technische Lüftungssysteme, oder auch durch Fensterlüftung, in Ihre Wohnräume gelangt, ist das, je nach Schadstoff-Konzentra-tion und -Zusammensetzung, mehr oder weniger problematisch. Im Umfeld unserer Messstation ist ein Fall bekannt, in dem Rauchgase über Stunden in Wohnräume mehrerer Anwohner gelangten. Die Menschen beklagten akute Symptome wie Augenbrennen, Atemprobleme, Kopfschmerzen, Schleimhautreizungen, also Symptome einer leichten Rauchgas-Vergiftung. Über Langzeitfolgen der Luftverschmutzung für die Gesundheit empfehle ich einen Blick in die Leopoldina-Stellungnahme «Saubere Luft» oder ein Gespräch mit den Ärzten für Umweltschutz.
Welche Art von Heizung würden Sie persönlich empfehlen, um eine alte Gas- oder Ölheizung zu ersetzen? Besitzen Sie selber einen Kamin/Holzofen?
Dort, wo es möglich ist, also vor allem in Neubauten, sollte auf lokal emissionsfreie Lösungen gesetzt werden. Beispielsweise durch Anschluss von Neubau-Gebieten an Nah- oder Fernwärme-Netze, die ohne Holzverbrennung auskommen, und natürlich ist auch die Wärmepumpe eine hervorragende Lösung. Wenn man im Bestand eine Heizung ersetzen muss, ist alles besser als eine Holzheizung. Wir selbst haben in unseren Wohnräumen 2 Holzöfen, die wir aber – sehr zu unserem und zum Wohle unserer Nachbarschaft – nicht betreiben. Wir heizen strombasiert, weil es Vorschriften aus dem Bebauungsplan der 1980er-Jahre so vorgegeben haben. Die Holzöfen würden wir nur dann betreiben, wenn die Heizung ausfällt, was noch nie der Fall war.
Wie ist es mit Hackschnitzel- und Pelletheizungen? Da wird, das hören wir von vielen Nutzern, nur noch Wasserdampf emittiert, sofern alles richtig geregelt wird. Wie sauber ist eine Pellet-/Hackschnitzelanlage? Zum Beispiel im
Vergleich zu einem Diesellastwagen?
Die Nutzer, die Ihnen dies erzählen, liegen falsch. Pelletheizungen emittieren hohe Ultrafeinstaub-Konzentra-tionen und auch Schadgase. Man kann das sehr gut nachlesen (bspw.: https://www.tfz.bayern.de/mam/cms08/biogenefestbrennstoffe/dateien/tfz_bericht_74_future_pellet_spec.pdf). Die Untersuchungen kommen beispielsweise bei der Beurteilung der Feinstaub-Emission unterschiedlicher Pellet-Qualitäten zum Ergebnis: «Der in der Typenprüfung ermittelte Wert von 19 mg/Nm3 konnte mit keinem der untersuchten Sortimente erreicht -werden.»
Für Holzheizungssysteme/Feuerungen gibt es klare Kontrollen und Emissionsgrenzwerte. Da sind gute Luftwerte offenbar garantiert?
Die in der Emission besonders problematischen Einzelraumfeuerungen werden nur einer «Sichtkontrolle» unterzogen. Hier finden keinerlei Messungen im Realbetrieb statt. Da die Öfen im (nicht regulierten) Realbetrieb oft viel mehr Schadstoff ausstossen als in der Typprüfung, tragen sie massiv zur Atemluftverschmutzung mit gesundheitsschädlichen Rauchgasen bei.
In der Schweiz gibt es sehr viele Kamine, die nicht konform (Höhe/Aufsätze) sind, was von den Behörden auf die leichte Schulter genommen wird. Kein Problem also?
Ihre Frage beschreibt ein Behördenversagen. In Deutschland ist die Ableitung der Rauchgase in der 1. Bundes-Immissionschutzverordnung reguliert. Die Regulierung enthält jedoch Schlupflöcher, sodass eine sichere Rauchgas-
Ableitung keinesfalls sichergestellt ist.
Wie messen Sie die Belastung durch Holzheizungssysteme, bzw. können Sie feststellen, aus welcher Quelle die Schadstoffwerte stammen? Was ist eigentlich saubere Luft?
Wir haben die PM-2,5-, UFP- und Russ-, indikativ auch VOC-Belastung der Atemluft in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet in Stutensee (im Kreis Karlsruhe) über längere Zeiträume gemessen. Holzöfen zeigen sich als Quelle in typischen Immissionsmustern, insbesondere bei ausbreitungsarmen Wetterlagen: schneller Anstieg der Schadstoff-Konzentration, hohe Werte in Stunden des Ofen-Betriebs (meist Abend- und Nachtstunden). Über die Bestimmung der Windrichtung kann man dann sogar die Anlagen, die die Luftverschmutzung verursachen, klar ausmachen und beobachten. Der Betrieb eines Ofens kann ausreichen, um die Atemluft in einem ganzen Wohngebiet massiv zu verschmutzen.
Was ist Ihrer Meinung nach der grösste Mythos bezüglich Holzverbrennung?
Die Verharmlosung der tatsächlichen Emissionen und deren Auswirkungen auf Gesundheit, Umwelt und Klima.
Wenn Sie drei konkrete, sofort umsetz-bare Massnahmen nennen müssten, um die Gesundheitsbelastung durch häusliche Holzfeuerungen drastisch zu senken: Welche wären das?
Eine Sofort-Massnahme würde vielerorts schon eine deutliche Verbesserung der Atemluftqualität bewirken: Verzichten Sie auf den Betrieb von sog. «Komfortkaminen» (also handbeschickten Einzelraumfeuerungen). Zu längerfristig umzusetzenden Massnahmen gehört die Gestaltung von Neubau-Gebieten ohne jegliche Holzheizungen, wie dies bspw. in einem Neubau-Gebiet in Aschaffenburg umgesetzt wurde, oder auch die Fokussierung der Förderung auf lokal emissionsfreie Wärme-Lösungen. Hier müsste der Fokus auf kurzzeitige Messungen (bspw. Messung der 15-Minuten-Mittelwerte der UFP-, PM-2,5- und Russ-Immission) gerichtet werden. Unsere Messungen zeigen, dass damit das Problemfeld erkannt werden kann. Jahres- oder Tagesmittelwerte sind ungeeignet, das Problemfeld zu erkennen und wirkungsvoll zu lösen. Unsere Messungen werden aktuell hier publiziert: https://ar.copernicus.org/preprints/ar-2025-29/ (Anmerkung der Autorin: In der Schweiz wird für die Bestimmung der Luftqualität lediglich das Jahresmittel der für die Gesundheit gefährlichen Feinstaubpartikel PM 2,5 herangezogen. Dies ist umso fataler, als bereits eine sehr kurzfristige Exposition gegenüber PM 2,5 schädlich ist. Es ist etwa so, als wäre es kein Problem, wenn die Lehrperson in der Schule jeweils ein paar Stunden im Klassenzimmer raucht, wenn über das Jahr verteilt der Mittelwert passt. Nur bei den für die Gesundheit relativ ungefährlichen PM 10 wird der ebenfalls unnütze Tagesmittelwert ermittelt.)
Welche Nachricht möchten Sie der Bevölkerung, der Regierung und den Behörden aufgrund Ihrer Erfahrungen und Messungen auf den Weg geben?
Verzichten Sie auf die Feststoff-Verbrennung. Verbrennen Sie keine Kohle, kein Holz. Insbesondere nicht in Ihrem Wohnumfeld.
Holzverbrennung ist Luftverschmutzer Nr. 1 auch in der Schweiz. Die Anzahl der Holzheizungssysteme nimmt stetig zu. Dennoch loben die Behörden die sinkenden Feinstaubwerte und die zunehmend gute Luft. Wie erklären Sie sich das?
In Deutschland sehen wir Ähnliches. Die Entwicklungen sind sehr gut aus der Leopoldina-Stellungnahme «Saubere Luft» (2019) zu entnehmen. Die Behörden beziehen sich auf Werte der offiziellen Messstationen, die häufig an Hauptverkehrsstrassen aufgestellt sind. Die phasenweise extreme Atemluftverschmutzung durch Holzverbrennung entsteht in Wohngebieten, in denen schlicht nicht gemessen wird. So entsteht ein Zerrbild: Einerseits wird die Luft an Hauptverkehrsstrassen immer besser, während sie in Wohngebieten, in denen nicht gemessen wird, phasenweise extrem mit Schadstoffen belastet ist.
Heutzutage werden Feuerungsanlagen mit Zertifikaten ausgezeichnet oder werden unter dem Label Ökodesign-Öfen verkauft, was auf eine besonders saubere, umwelt- und gesundheitsfreundliche Verbrennung hinweist. Können Käuferinnen und Käufer solcher Anlagen auf dieses Versprechen zählen?
Nein.





