Wildbienen als entscheidender Faktor für das Ökosystem
Wir sprechen über Wildbienen – dazu wäre es interessant zu wissen, wie man diese überhaupt erkennt. Gibt es Merkmale, die man leicht zuordnen kann?
Tom Strobl: Zunächst muss man sich bewusst machen, dass wir von über 600 einheimischen Arten sprechen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Erscheinungsbilder. Sie können aussehen wie kleine Fliegen – oder auch über 3 cm gross sein, wie zum Beispiel die Blauschwarze Holzbiene. Auch die Farben können stark variieren, also auch ein schwieriges Indiz. Zudem muss man noch genau hinschauen, dass es sich nicht um eine Wespe handelt. Diese haben allerdings die typische Wespentaille und eine glatte Oberfläche, Wildbienen hingegen sind meist behaart. Fühler sind auch ein gutes Indiz, auf das man achten kann, denn Wildbienen haben grosse Fühler, die zum Beispiel Schwebfliegen nicht besitzen, die sonst aber sehr ähnlich aussehen können.
Welche Arten treffen wir in unseren Gefilden denn am häufigsten an?
Im Siedlungsraum begegnen wir häufig Mauerbienen, wie zum Beispiel der Gehörnten Mauerbiene. Sie gehört zu den ersten aktiven Bienen im Jahr; sie kann schon Ende Februar fliegen. Im Sommer können Blattschneiderbienen oder Wollbienen häufigere Gäste im Siedlungsgebiet sein.
Was ist denn kurz gesagt die wichtigste Aufgabe, die Wildbienen übernehmen?
Ihre Aufgabe ist tatsächlich extrem wichtig: Wildbienen sind für den Grossteil der Bestäubung der Blütenpflanzen weltweit zuständig. Das sichert den Bestand der Pflanzen und ist daher ein besonders entscheidender Faktor für ein stabiles Ökosystem.
Wildbienen sind vom Aussterben bedroht – was sind die grössten Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben?
Die Intensivierung der Landwirtschaft hat sicherlich einen grossen Einfluss gehabt. Viele früher artenreiche Blumenwiesen wurden in den letzten 50 Jahren zu monotonen Futterwiesen. Durch die Vergrösserung der Betriebe sind auch viele wichtige Kleinstrukturen wie zum Beispiel Hecken weggefallen. Ein weiteres Problem für Wildbienen ist der Siedlungsausbau und die Flächenversiegelung. 75 Prozent der Wild-bienen sind Erdnister, die offene Böden brauchen; diese finden sie vielerorts nicht mehr. Und neu kommt der Klimawandel noch hinzu. Dieser kann dazu führen, dass die Blüte der Nahrungspflanze gewisser Wildbienen plötzlich nicht mehr mit ihrem Flugzeitpunkt übereinstimmt.
Gibt es regionale Unterschiede, wo Wildbienen bessere Bedingungen vorfinden, und wo ist es für sie besonders schwierig?
In den Tieflagen und im Mittelland ist die Gefährdung dort grösser, wo die Landwirtschaft ausgeprägter ist. Gleichzeitig muss man dazu bemerken, dass die Städte eher zu Inseln geworden sind, weil dort durch Gärten und Balkone Potenzial besteht, eine vielfältigere Struktur zu schaffen, und es weniger landwirtschaftliche Flächen gibt. In den Bergregionen finden Wildbienen hingegen noch Rückzugsgebiete, da es auch in der Landwirtschaft dort mehr Biodiversitätsflächen gibt. Die Alpenhummeln zum Beispiel, die auch zu den Wildbienen gehören, kommen sogar bis zu einer Höhe von 3000 Metern vor. Weltweit kann man sagen, dass die Hälfte der Bienenarten vom Aussterben bedroht ist. In der Schweiz sind 10 Prozent zudem bereits ausgestorben. Mit den über 600 verschiedenen Arten haben wir auf die Fläche gesehen eine sehr hohe Vielfalt, was auf die gros-se Bandbreite der Topografie zurückzuführen ist. Dadurch haben wir aber auch eine besondere Verantwortung und sollten Sorge zu den vielfältigen Lebensräumen tragen.
Welche Voraussetzungen muss man schaffen, um Wildbienen auf dem eigenen Balkon oder im Garten anzusiedeln?
Nahrungsangebot zu schaffen ist natürlich besonders wichtig, idealerweise vom Frühling bis in den Herbst hinein. Einheimische Wildblumen sind hierfür besonders gut geeignet, da kann man davon ausgehen, dass diese für Wildbienen auch wertvoll sind. Damit sich die Populationen auch wirklich ansiedeln können, braucht es zusätzlich natürlich noch Nistplätze. Wildbienenhäuschen sind ideal für hohlraumnistende Bienen, sie eignen sich zudem hervorragend, um die harmlosen Tiere besser kennenzulernen und zu beobachten. Besonders gerne haben sie es sonnig und trocken und mögen es schön warm. Man muss sich auch keine Sorgen machen, dass sie auf dem Balkon stören, denn sie interessieren sich nicht für uns Menschen oder unser Essen. Ein Wildbienenhaus aufzustellen, ist daher auch überall erlaubt. Eines unserer Bee-Homes beherbergt im Schnitt um die 50 Bienen, das ist natürlich auch übersichtlich und kein Vergleich zu einem Honigbienenstock mit rund 20 000 Bienen, den man sonst im Kopf hat.
Man sieht inzwischen viele Insektenhotels im Baumarkt oder Supermarkt, die sehr preiswert sind. Hilft man den Tieren damit überhaupt?
Nicht unbedingt, man kann bei Nisthilfen doch einiges falsch machen. Wenn bei Billigprodukten das Material nicht sorgfältig verarbeitet ist, können sich die Bienen verletzen oder Parasiten besonders leicht eindringen. Auch von einem Insektenhotel für viele verschiedene Tiere würde ich abraten, lieber auf eine Insektengruppe fokussieren.
Das ist ein gutes Stichwort – was kann man selbst konkret machen, um Wildbienen zu unterstützen, wenn man kein Wildbienenhaus haben möchte?
Ein Sandarium im Garten oder auf dem Balkon wäre toll, oder Totholzstrukturen, Trockenmauern … Man kann viele unterschiedliche Strukturen schaffen, um Wildbienen ein wertvolles Umfeld zu bieten. Mit unserer «MyBeeHome-App», die wir diesen Frühling lanciert haben, bieten wir eine einfache Checkliste für die verschiedenen Möglichkeiten. Ansonsten tragen aber natürlich auch unsere alltäglichen Gewohnheiten zum Wohl der Bienen bei. Man sollte sich über das eigene Konsumverhalten und dessen Auswirkungen bewusst sein. Mit dem Kauf von nachhaltigen Produkten hat man gerade im Lebensmittelbereich einen grossen indirekten Einfluss. Eigeninitiative ist an diesem Punkt gefragt, denn die Politik zeigt in eine andere Richtung und wir von Wildbiene + Partner möchten die Menschen motivieren, hier selbst Verantwortung zu übernehmen.
Wie kam es überhaupt zur Gründung von Wildbiene + Partner?
Mein Gründungspartner, Claudio Sedivy, war an der ETH am Doktorieren und hat erkannt, dass das Bewusstsein für die Bestäubungsleistung von Wildbienen hierzulande noch kaum vorhanden war. Das wollten wir ändern. Im Verlauf der 13 Jahre haben wir uns immer mehr auf die Sensibilisierung und Wissensvermittlung spezialisiert und wollen mit unseren Produkten faszinierende Naturerlebnisse schaffen. Denn nur was man kennt, kann man auch schützen. So wollen wir Privatpersonen und auch Unternehmen helfen, das Potenzial zu erkennen und sich für Wildbienen zu engagieren. Unser Ziel ist es, länderübergreifend sichere Wildbienenkorridore durch unsere Siedlungsgebiete zu schaffen.
Haben Sie den Eindruck, dass die Sensibilität für das Thema in den vergangenen Jahren gestiegen ist?
Das Wissen in der Bevölkerung ist definitiv gestiegen, wir sehen auf jeden Fall eine positive Entwicklung, seit wir begonnen haben. Damals waren Wildbienen überhaupt noch kein Begriff. Inzwischen haben wir über 150 000 BeeHomes vertrieben, das sorgt auch für Sichtbarkeit. Heutzutage sieht man zudem öfter Gärten, in denen bienenfreundliche Konzepte integriert werden. Die Grosswetterlage sieht aktuell in der Politik leider nicht so positiv aus. Dem grossen Artensterben wird -immer noch nicht die nötige Wichtigkeit zugesprochen, auch wenn der Verlust der Ökosystemleistungen unserer Natur uns später wesentlich mehr kosten wird, als wenn wir deren Erhalt jetzt sicherstellen. Darum ist es umso wichtiger, dass wir zumindest den Raum positiv für die Natur gestalten, wo wir selber Einfluss darauf haben. Auch wenn dies «nur» ein Balkon oder ein Fenstersims ist, der in eine wertvolle Tankstelle für Wildbienen verwandelt wird.




