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Gemacht, um süchtig zu machen

Handysucht • Susanna Hofmann ist Mutter eines Dreizehnjährigen, der selbst – und durch die Unterstützung der Eltern – erkannt hat, dass er handy- und gamesüchtig ist. Bis es so weit kam, vergingen viele Stunden des Leids für Mutter und Kind.

Das Leben junger Menschen spielt sich heute oft vor allem digital ab: Sie haben tausend Freunde in den sozialen Medien – aber keinen einzigen realen. Werden sie sich dessen bewusst, kann sie dies in eine tiefe Krise stürzen. (Symbolbild/zvg)

«Wahrscheinlich war unser Fehler, dass wir unseren Sohn zu früh gamen lies­sen», sagt Susanna Hofmann, deren Name wir hier, um die Privatsphäre ihres Sohnes zu schützen, geändert haben. Als ihr Sohn die PlayStation bekommen habe, sei er zehn gewesen, so Susanna Hofmann. «Doch wir waren bei Weitem nicht die einzigen Eltern, die dies zuliessen. Es schien, als hätten die meisten Kinder in dem Alter bereits Games und Konsolen daheim.» 

Spiele mit (k)einem Ende

Damals sei ihr Sohn ein guter Schüler gewesen, so die Mutter. «Er war sozial, kam in der Schule gut mit. Deshalb machte ich mir zu Beginn keine grossen Sorgen.» Was sie erst später erkannt habe: «Die Kinder meiner Generation spielten in ihrer Freizeit auch. Doch zu unserer Zeit hatten die Games einen Anfang und ein Ende.» Irgendwann sei man damit «durch» gewesen und habe aufgehört. «Wenn mich eine Freundin anrief oder vorbeikam und mich aufforderte, doch mit ihr draussen zu spielen, habe ich die Games sofort links liegen lassen und bin raus.» Genau hier liege der wesentliche Unterschied zu heute: «Niemand fordert mehr überhaupt jemanden auf, rauszugehen. Die Spiele haben kein Ende mehr, sondern gehen immer weiter und weiter.» Hofmann führt «Fortnite» ins Feld, wo stets neue Welten designt werden können und man gar, um dabei zu bleiben, neue «Skins» (Figuren) kaufen muss. «So begann Nicos Sucht», ist sie überzeugt. 

Diesbezüglich «schlimm» seien auch die sozialen Medien wie TikTok und Co, «weil man endlos scrollen kann» – die Filmchen hörten nie auf. «So gehen Stunden ins Land – die Jugendlichen konsumieren und konsumieren und werden zu träge, um aufzustehen und rauszugehen, geschweige denn jemanden aufzufordern, mit rauszugehen – denn dies wäre eine aktive Handlung: Die jungen Menschen verharren im Passiv-Sein.»

Die Gamesucht habe sich mehr und mehr ins Leben ihres Sohnes geschlichen. Sie habe sich schlichtweg nicht vorstellen können, dass er das Drinnen-Hocken dem Draussen-Spielen vorziehen würde. Zwar hätten sie es als Eltern nie so weit kommen lassen, dass Nico auf vier, fünf Stunden Bildschirmzeit pro Tag gekommen sei. Dennoch habe sie gemerkt, dass er, zum Beispiel wenn die Familie einen Ausflug habe machen wollen, unter Stress geraten sei und lieber daheim geblieben wäre. «Der Raum, den das Gamen einnahm, wurde grös­ser und grösser.» Natürlich auch, weil die Freunde nur noch gespielt hätten, und: «Es gab nur noch ein Thema: am Tisch, während des Essens, beim Aufstehen, beim Zubettgehen – es ging immer nur ums Gamen. Wir diskutierten, stritten, vereinbarten Abmachungen. Waren wir als Familie gemeinsam unterwegs, fragte unser Sohn dauernd, wann wir wieder daheim sein würden. Und waren wir daheim, sagte er, er müsse für die Schule lernen und verzog sich ins Zimmer.» Für die Familie habe dies ein sehr grosses Problem dargestellt. 

Ungenügende Noten – deren viele

Schliesslich habe der Sohn ans Gymnasium gewechselt. Von diesem Moment an habe er ein Handy gehabt, damit er sich melden konnte, wenn «was wäre». «Damals machten wir uns noch keine grossen Sorgen in Bezug auf den Handygebrauch, wir hatten ja die Bildschirmzeit limitiert. Wollte er mehr Zeit, musste er uns fragen.» Was sie und ihr Mann nicht geahnt hätten: wie schnell es Nico gelang, die Limitierung zu umgehen. 

Der Prozess habe schleichend begonnen: «Ich dachte, er habe keine Probleme in der Schule. Was ich nicht ahnte: dass er seine Tests vor uns verstecken würde.» Eines Tages habe sie einen gefunden. «Die Note war ungenügend.» Als die Eltern ihren Sohn darauf ansprachen, habe sich gezeigt, dass dies nicht die einzige schlechte Note war. «Da wurde uns schlagartig klar: Die Gamesucht hatte sich aufs Handy übertragen. Die Handysucht nahm ihm alle Zeit zum Lernen.» Sie habe nie gewollt, dass ihre Kinder aufgrund des Lernens für die Schule nicht Kind sein konnten. Deshalb hätten sie ihn nicht zum Lernen gedrängt. «Er war doch bis anhin immer gut in der Schule.» Und gerade deshalb seien die schlechten Noten ein klarer Beweis für die Sucht gewesen. «Das ging uns dann doch zu weit. Ich habe gemerkt, wie sehr mich das Thema belastet. Bis hinein in den Traum. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich träumte davon …»

Hammer auf Handy

Beim Nachforschen habe sie begriffen, weshalb Nico die von den Eltern vorgegebene Handyzeit umgehen konnte: Seine kleine Schwester habe der Mutter beim Eingeben des Codes zugeschaut. Sie selbst habe sich nichts dabei gedacht. Doch die Schwester verriet den Code dem Bruder. «Sie dachte wohl, sie tue ihm damit etwas Gutes.» 

Erneut habe die Familie jeden Tag Gespräche zum Thema Handy­gebrauch geführt; diskutiert, verhandelt. «Es war so ermüdend und monothematisch.» Der Gebrauch von Computern in der Schule unterstütze die Sucht der Jugendlichen. «Denn so gelingt es ihnen, stets neue Games herunterzuladen und Wege zu finden, die Vorgaben von daheim zu umgehen.» So lud der Sohn von dort neue Spiele herunter. «Es war endlos.» 

Und dann geschah etwas: «Eines Tages hat es mich zerrissen: Ich holte den Hammer und schlug auf sein Handy. Es war eine Verzweiflungstat.» Ihr sei nie bewusst gewesen, wie sehr sie dieses Thema umtrieb, so die Mutter. Natürlich habe der Sohn geweint. Auch sie sei traurig gewesen. «Ich sah um mich herum so viele spielsüchtige Kinder, die daheim isoliert waren, die keine Kontakte mehr hatten ausser jene zu anderen Spielern. Keine Freunde mehr, um rauszugehen. Ich habe das nicht mehr ausgehalten. Ich ging psychisch kaputt.» 

Mutter, nicht Freundin

Natürlich habe sie von der Lektüre vieler Bücher zum Thema gewusst, wie gefährlich die sozialen Medien für die Entwicklung jugendlicher Gehirne seien. «Ich konnte doch nicht länger zusehen.» Hofmann ist überzeugt: «Wir sind doch die Eltern, wir müssen die Verantwortung übernehmen. Wir wissen, was für die Kinder gut ist und was eben nicht!» 

Die Jugendlichen erkennten ihre Sucht, davon sei sie überzeugt. «Doch sie können sich allein nicht dagegen wehren. Sie sind frustriert, klar, wenn man sie vom Handy wegholt. Aber sie tragen nicht die Verantwortung für die Konsequenzen – diese tragen die Erwachsenen! Ich bin seine Mutter, nicht seine Freundin.» 

Das Opfern einer ganzen Generation

Seither hat Nico das alte Nokia-Handy seiner Mutter. Zum Telefonieren. «Den Laptopgebrauch in der Schule kann ich nicht beeinflussen.» Sie bedauert, dass auch in den Schulen nichts mehr analog geht. «Wir werden dies als Gesellschaft vielleicht mal bedauern.» Mindestens eine ganze Generation leide darunter. Denn seit 2007 sind Smartphones auf dem Markt – von denen gar deren Erfinder mittlerweile sagen, sie würden sie den eigenen Kindern im Jugendalter nicht erlauben …

Wie geht es Nico heute? «Wir reden. Wir machen Craniosacral-Therapie (siehe letzte Seite). Unser Sohn spielt wieder draussen.» Leider seien wenig Gleichaltrige darunter. Eher jüngere Kinder, vielleicht auch, weil die anderen alle am Handy sässen … «Es ist nicht einfach. Es bleibt ein Thema. Aber wir haben auch eine Tochter. Auch sie hat ihre Sorgen.» Nico habe sich über Umwege zurück zu guten Noten gekämpft. Er sei reflektiert. Sehe es ein, bedaure es manchmal trotzdem. «Er ist ein fast 14-jähriger Teenager, da gibt es auch so im Leben viele Hochs und Tiefs.» Mache er mal eine kleine Dummheit, so schimpfe sie auch nicht. «Ich stehe hinter ihm. So macht er halt mal einen Klingelstreich. Ich sagte ihm ja, er dürfe und solle Kind sein.


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