Wissenschaftlicher Blick in die Coronazeit
Dokumentarfilm • Im kommenden Herbst steht das Schweizer Parlament vor einer Entscheidung von historischer Tragweite: der Revision des Epidemie-gesetzes. Sie soll Massnahmen wie Lockdowns, Maskenpflicht und anderes festschreiben. Doch auf welcher Grundlage basieren diese weitreichenden Entscheide? Der Berner Filmemacher Mike Wyniger recherchierte jahrelang dazu und drehte einen Dokumentarfilm zu den im Jahr 2020 ergriffenen Coronamassnahmen. Es kommen Koryphäen aus Wissenschaft, Medizin, Politik und Medien zu Wort. Der Film trägt damit wesentlich zur Aufarbeitung der Coronazeit bei.
Mike Wyniger, Sie sind Filmemacher und in dieser Funktion auch Investigativ-journalist. Ihr brillanter Dokumentarfilm leistet einen wichtigen Beitrag zur Auf-arbeitung der Coronazeit und trägt zur fundierten Meinungsbildung bei. «Der Hype» ist gesellschaftskritisch. Es kommen viele renommierte Wissenschaftler zu Wort, deren Forschungen auf Evidenz basieren. Ausserdem zeigen Sie Originalstatements der Politiker, die damals die Deutungs-hoheit hatten – und deren Widersprüche. Was trieb Sie an? Zumal Sie den Film selbst finanzierten. Er basiert rein auf Spenden.
Mike Wyniger: «Der Hype» ist nicht mein erster Film zu dieser Thematik, sondern der vierte. Doch jener, der mir am meisten am Herzen liegt, weil er die Entwicklung des Jahres 2020 aufzeigt. Er konzentriert sich auf die Behauptung, dass damals eine grosse Gesundheitsgefahr bestanden habe, die solch drastische Massnahmen überhaupt rechtfertigte.
Warum hatten während dieser Zeit fundierte Meinungen keine Chance gehört zu werden? Sie selbst wurden als Schwurbler denunziert, manch ein Wissenschaftler oder Arzt verlor die Reputation …
Es gibt Menschen, die sich über die Mainstream-Medien hinaus informieren, die nach Hintergrundwissen suchen. Man darf nicht vergessen, dass die Leitmedien Angst verbreiteten. Den TV-Zuschauern wurden nie alle Fakten und auch nicht alle Faktoren offengelegt. Was den Film betrifft: Ich wünsche mir, dass viele ihn sehen und sich danach eine Meinung bilden. Wer ihn nicht gesehen hat, stagniert auf den Infos der 2020er-Jahre. Ich will niemanden überreden, seine Meinung zu ändern, aber vielleicht zu erweitern. Der Film basiert auf Fakten, deren Erkenntnisse evidenzbasiert sind, also wissenschaftlich belegt und nachweisorientiert. Das ist das Wesentliche. Evidenz ist der Nachweis der Wirksamkeit einer medizinischen Behandlung oder Massnahme, die auf soliden, systematisch erhobenen, wissenschaftlichen Daten und Studien aufbaut.
Waren Sie immer gesellschaftskritisch?
Nein, das bin ich erst seit 2020, als ich sah, wie viel da nicht stimmt. Als Filme-macher geht es mir vor allem darum, handwerklich gute Filme abzuliefern. Alle, die mir einen Auftrag geben, sollen ein einwandfreies Resultat erhalten.
Woran merkten Sie, dass etwas nicht stimmt?
Als Kameramann war ich bereits mehrmals auf Intensivstationen und wusste, dass es da immer um Leben und Tod geht und es schockierend für Aussenstehende ist. Zudem war ich anderthalb Jahre an vorderster Front dabei, da ich für eine grosse Spitalgruppe engagiert war. Und da sah ich eine gewisse Diskrepanz zu dem, was in den Medien berichtet wurde.
Heute heisst es, man habe es damals nicht wissen können. Ist das so?
Natürlich wusste man es! Wie oben erwähnt, gab es genug Wissenschaftler, die ausgebremst wurden, die nie öffentlich zu Wort kamen. Und es gab im Februar 2020 die «Diamond Princess», ein Kreuzfahrtschiff mit 3000 Personen unter Quarantäne, mit Bedingungen wie in einem Brutkasten. Eine «bessere Gruppe» hätte es für ein Testszenario nicht geben können. Man sah, dass es keine ungebremste exponentielle Ausbreitung von SARS-CoV-2 gab. Lediglich 20 Prozent der mehrheitlich älteren Passagiere wurden über die gesamte Zeit der Quarantäne positiv getestet. Man ignorierte die Daten. Man hätte nicht solche Angst verbreiten müssen, aus welchen Gründen auch immer …
Warum wurde dies nicht hinterfragt?
Es gibt viele, die tun, was ihnen die Obrigkeit sagt. Man darf aber nicht vergessen, dass die Bevölkerung von Medien und Politik in Angst und Schrecken versetzt wurde. Und das ist unverzeihlich. In einer solchen Situation sollte man genau das Gegenteil tun: die Bevölkerung beruhigen. Das lernt man in den ersten Lektionen über öffentliche Gesundheit. Dass man so nicht plötzlich beginnt, kritisch über eine Sache nachzudenken, ist nachvollziehbar. Manche hatten auch Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich exponierten. Dies ist auch oft geschehen, und das ist schlimm: Es war ein Systemproblem.
Weshalb waren viele Journalisten so unkritisch, die das Gegenteil sein sollten?
Sie hatten am meisten Angst! Vor allem jene, die die Newsfeeds der Nachrichtenagenturen in den Redaktionen sahen, meistens auf grossen Bildschirmen. Ich habe mir dies bei den Recherchen angesehen – das war kein Vergnügen! Vielleicht dachten sie, dies sei ihre Stunde und sie schrieben nun Weltgeschichte! Was man wissen muss: Es waren vor allem News- und Politjournalisten, die über das Coronathema berichteten. Sie hatten keine Ahnung von öffentlicher Gesundheit und Medizin. Sie waren nicht in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen und fehlende Daten einzufordern. Und die Türen des Medienzentrums wurden bald nur noch für akkreditierte Bundeshaus-korrespondenten geöffnet. Andere Journalisten durften, wenn überhaupt, nur noch per E-Mail Fragen stellen.
Es hiess, jene, die die Massnahmen nicht befürworteten, seien wissenschaftsfern. Sie zeigen das Gegenteil: Gerade die Wissenschaftler, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigten und auskennen, wurden diskriminiert. Ist es denn nicht so, dass sich unter den Massnahmengegnern auch jene finden, die an die Wichtigkeit eines wissenschaftlichen Diskurses und evidenzbasierter Ergebnisse glauben?
Doch. Das war tragisch! Der Film zeigt, weshalb das möglich war. Zu Wort kommt unter anderen Prof. Dr. John P. Ioannidis, Epidemiologe und Medizinstatistiker an der Universität Stanford, der bereits 2005 aufzeigte, dass die Mehrheit der wissenschaftlichen Studien eigentlich falsch ist, da die Studien-designs oft mangelhaft sind. Ausserdem konnte ich den schwedischen Staats-epidemiologen und Arzt Anders Tegnell für meinen Film gewinnen; neben ihm viele andere renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Für eine fundierte Wissenschaft steht der Diskurs; 2020 fand keiner mehr statt …
Kennen Sie die «Trusted News Initiative»? Das ist ein 2019 gegründeter Zusammenschluss grosser Nachrichtenagenturen, öffentlich-rechtlicher TV-Anstalten und Techkonzerne, deren Ziel es ist, sogenannte Fake News zu bekämpfen. Doch dieses Bündnis gleicht mehr einem Zensurnetzwerk. Ab März 2020 hat man sich unter den Mitgliedern, darunter die SRG, geeinigt, keine Sichtweisen zu verbreiten, die der Coronaerzählung widersprechen. Dies «rechtfertigte» es, kritischen Experten keine Stimme zu geben. Ausschlaggebender war das Klima der Angst in den Medien. Viele berufen sich heute noch auf die «Bilder aus Bergamo». Mein Film zeigt, was sich wirklich in der Stadt in der Lombardei zugetragen hat.
Zu Wort kommt auch Mascha Santschi Kallay, Juristin und Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI …
Santschi Kallay zeigt auf, dass auch die UBI Beanstandungen des Publikums zur Corona-berichterstattung gutgeheissen hat und wie medienrechtliche Mechanismen ineinandergreifen. Demnach kamen nur jene Experten zu Wort, die ein bestimmtes Narrativ unterstützten. Und ein wichtiger Mechanismus greift bei Bundeshausjournalisten, besonders bei jenen der SRG. Wenn jemand innerhalb der SRG Karriere machen will, soll er eine gewisse Zeit als Bundeshausredaktor verbracht haben. Viele Journalisten haben durchaus Karriereambitionen. Nicht jede und jeder schafft es in die Chefredaktion. Wird das Ziel nicht erreicht, gibt es die Möglichkeit, als Mediensprecher eines Departements aufzusteigen. Und welcher Journalist würde den Bundesrat, bei dem er sich bewerben muss, kritisch befragen respektive hinterfragen?! Wir kennen diesen sogenannten Drehtüreffekt ebenfalls aus der Beziehung zwischen Politik und Pharma. Ein gutes Beispiel ist der Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, Lukas Engelberger: Er arbeitete zuvor neun Jahre als Jurist bei Roche.
Können Sie etwas zur «Swiss National Covid-19 Task Force» sagen?
Der Bund beschäftigt eine ständige Pandemiekommission mit Mitgliedern, die vom Bundesrat gewählt wurden. Doch diese kam nie zum Einsatz! Der Film dokumentiert, wie sich die spätere Taskforce bildete – darunter sind bekannte Namen. Ein Gremium, dessen Gründer sich per E-Mail beim Departement von Bundesrat Berset ins Spiel brachten. Das BAG schien keinen Einfluss auf dessen Besetzung zu haben. Im Mandat der Taskforce ist von einer beratenden Rolle die Rede, doch das Gremium übte über die Medien massiven Druck auf die Politik aus. Dies ist belegt. Man kann es im Film mit eigenen Augen sehen und hören.
Diese Zeit wurde nie aufgearbeitet?
Weil viele «mit drin hingen» und zur Panikmache beitrugen: Menschen aus Medien, Medizin und Wissenschaft, die sich in den Vordergrund drängten. Es gab hohe Einschaltquoten; Politikerinnen, Politiker, unbekannte Wissenschaftler und Beamte standen plötzlich im Rampenlicht und genossen landesweite Aufmerksamkeit.
Premiere: 26. Mai, 19 Uhr, im Kino Rex, Thun.
Danach ist der Film auch auf
www.mediacreators.ch verfügbar.





