Das Smartphone als technisches Hilfsmittel verstehen
Digital Wellbeing • Kaum mehr gehen wir einen Schritt, ohne das Smartphone griffbereit zu haben, sind immer erreichbar. Viele Menschen merken mittler-weile negative Auswirkungen des digitalen Überkonsums und wünschen sich eine Veränderung. Wir haben mit Mario Sgarrella, Gründer von Unpluggo und Experte für Digital Wellbeing, unter anderem darüber gesprochen, wie die Handynutzung im Alltag reguliert werden kann.
Schon wieder fünf neue Nachrichten im Gruppenchat, eigentlich geht es doch nur um einen gemeinsamen Treffpunkt, doch jeder muss noch etwas dazu schreiben. Eine Sprachnachricht, vier Minuten lang. Dienstliche Mails häufen sich, bei vielen handelt es sich nur um ein cc, aber gelesen werden müssen sie eigentlich trotzdem. Hier wurde noch ein lustiges Video geteilt, das Smartphone will ein Update machen, die Nachrichten-App schickt laufend Benachrichtigungen. Alle warten, zumindest gefühlt, auf unsere Antwort.
Spätestens mit der Einführung des iPhones 2007 und seiner darauffolgenden Konkurrenten wurden wir erreichbar – an jedem Ort, zu jeder Zeit. Schnell entsteht ein Gefühl, nicht «dabei» zu sein, Erwartungen nicht gerecht zu werden, wenn man nicht sofort reagiert.
Diese Erfahrung hat auch Mario Sgarrella gemacht. In zehn verschiedenen Ländern hat der gebürtige Italiener gelebt, um zu studieren und seine Karriere im Marketing voranzutreiben. Die Nutzung von Nachrichtendiensten und den sozialen Medien gehörte zu seinem Alltag. Während der Coronazeit habe er festgestellt, dass viele Menschen langsam kritischer würden und das Bedürfnis entwickelten, ihren Alltag wieder bewusster offline zu gestalten.
«Auch ich war permanent mit dem Handy beschäftigt», blickt der heute 40-Jährige zurück, der mittlerweile in Bern lebt. «Ich war so oft in den sozialen Medien unterwegs; beruflich und nach Feierabend dann wieder privat. Mein erster Sohn wurde geboren, und dann war ich plötzlich auch auf dem Spielplatz am Handy.» In dieser Zeit habe er erkannt, dass er eine Veränderung in seinem Leben brauche, und da er diesen Wunsch auch bei anderen wahrnahm, entstand die Idee, sich selbstständig zu machen. Er kündigte seinen Job, mittlerweile ist er Gründer von Unpluggo, einer Initiative, die Digital-Detox-Camps und Digital-Wellbeing-Workshops anbietet.
Bei den Digital-Detox-Camps, die in Abländschen inmitten der Berner Alpen stattfinden, geht es darum, drei Tage tatsächlich offline zu verbringen; in einem traditionellen Chalet ohne Strom und damit – natürlich – auch ohne WLAN. Achtsamkeit steht im Vordergrund, das Teilen gemeinsamer Erfahrungen, Bewegung etwa durch Yoga oder Wandern.
«Digital Detox macht man meist in solchen kurzen Phasen», konstatiert Sgarrella. «Früher oder später ist man wieder auf Funktionen des Handys angewiesen.» Viel wichtiger sei auf Dauer eigentlich das sogenannte Digital Wellbeing, das Wohlfühlen mit der Nutzung des Smartphones.
Die Workshops von Unpluggo werden oft von Unternehmen gebucht, die sich damit beschäftigen, wie untereinander kommuniziert wird und wie man verschiedene Kanäle sinnvoll nutzen kann. Hier gehe es meist auch um die Hintergründe der Teilnehmenden, das Herausfinden, wo eigentlich die Probleme im privaten Bereich liegen – sei es das eigene Nutzungsverhalten, das der Kinder et cetera. Essenziell sei hier der Austausch von Erfahrungen und das anschliessende Commitment, bei dem Teilnehmende ihre persönlichen Ziele festhalten, die sie in einem festgelegten Zeitraum umsetzen möchten. Die Workshops finden, auch das ist klar, ohne Bildschirme statt.
Das Smartphone als Helfer
Anderthalb Jahre hat Sgarrella selbst versucht, komplett ohne Smartphone zu leben und auf ein sogenanntes Dumbphone (Mobiltelefon mit eingeschränkten Funktionen, oft ohne Internetzugang) umzusteigen. «Bei manchen Dingen habe ich aber gemerkt, dass ich sie gerne nutzen möchte, wie zum Beispiel Fotografieren oder die Nutzung von Maps, um einen Weg zu suchen», reflektiert der heutige Keynote Speaker, der früher selbst für Google gearbeitet hat. «Dadurch habe ich für mich den Weg zum ‹Digital Minimalism› gefunden. Ich nutze das Smartphone in definierten Zeiträumen, was ich Teilnehmenden in meinen Workshops sowieso gerne empfehle. 15 Minuten WhatsApp am Tag in einem Zeitfenster, das man für sich selbst festlegt. Irgendwann wissen die anderen, der Mario antwortet nur um diese Zeit, und erwarten auch nichts anderes mehr.» Zudem habe er die Benachrichtigungen ausgeschaltet, um von diesen nicht mehr dauerhaft abgelenkt zu werden.
«Das Smartphone an sich ist ein technisches Werkzeug wie andere auch, und so sollte man es am besten auch betrachten. Eine Waschmaschine schalten wir ja auch einfach ein und schauen nicht alle fünf Minuten nach, was sie gerade macht.» So sei es wichtig, das Smartphone als Helfer zu verstehen und den eigenen Nutzen herauszufinden. Heutzutage sei es vielfach auch beruflich nicht möglich, sich aus allem zurückzuziehen; er selbst habe gemerkt, dass ihm zum Beispiel Linkedin einen positiven Nutzen bringe. «Ein Lernschritt ist, seine Ziele zu definieren und dann zu schauen, was das Smartphone dazu beitragen kann, und wo ich mich besser anderweitig beschäftige.»
Prävention und Kompetenz, das sind Stichworte, die Sgarrella in seiner Arbeit besonders wichtig sind. Sobald eine Sucht einsetze und der Konsum psychische Probleme verursache, sei es schwierig, wieder herauszufinden, und mit dem entsprechenden Bewusstsein sei im Vorfeld viel zu erreichen. Die Zielgruppe seines Angebots sei nebst Unternehmen noch sehr fragmentiert. Es seien gestresste Businessleute unter den Teilnehmenden, Gruppen von Freunden, die diese Erfahrung gemeinsam machen wollten, Mütter von Teenagern, die ratlos im Umgang seien. «Bisher sind es jedoch eindeutig Erwachsene, die das Angebot nutzen», bilanziert Sgarrella. «Auch wenn Statistiken zeigen, dass vielen Jugendlichen ihre Handynutzung selbst zu viel ist und sie es nicht schaffen, selbst etwas daran zu ändern, sind sie nicht diejenigen, die aktiv nach Unterstützung suchen. Dafür ist der soziale Druck auch oft zu gross, bei allem dabei zu sein, was Gleichaltrige machen.» Gerade hier hält Sgarrella Prävention für essenziell und hofft, Eltern eine passende Unterstützung bieten zu können.
Sinnvolles Heranführen an Medien
Mittlerweile ist der zweifache Vater auch im eigenen Alltag damit konfrontiert, die drei und fünf Jahre alten Söhne an das Thema Mediennutzung heranzuführen und sie dabei zu begleiten. Eine pädagogische Leitlinie sei ihm dabei wichtig, er orientiere sich an der «3-6-9-12-Methode» des französischen Psychoanalytikers Serge Tisseron. Diese gibt Anhaltspunkte, was in welchem Alter sinnvoll sein kann: Bis zum dritten Geburtstag haben die Kinder nach dieser Formel keinen Bildschirmkontakt. «Daran muss man sich als Eltern natürlich auch selbst halten und nicht fernsehen, wenn die Kinder dabei sind. Eine Umstellung, aber man gewöhnt sich daran», sagt Sgarrella.
Im Alter zwischen drei und sechs Jahren werden Kinder an kurze Sendungen herangeführt, die ihrer Altersgruppe entsprechen und gemeinsam mit einem Elternteil konsumiert werden. Zusätzlich sollten Eltern beginnen, ihre eigene Handynutzung kindgerecht zu vermitteln. «Hier geht es darum, den Kindern direkt zu erklären, was auf dem Bildschirm passiert.» «Papa schaut gerade nach, wann der Zug fährt» sei ein Beispiel, das Kinder schon früh nachvollziehen könnten.
Zwischen sechs und neun Jahren sei ein guter Zeitpunkt erreicht, bereits auf kindgerechte Art über Gefahren und Risiken zu sprechen. «Leider ist es so, dass die Heranwachsenden trotz aller Vorsicht dann bereits mit Inhalten konfrontiert sein können, die man in diesem Moment nicht kontrollieren kann, zum Beispiel wenn in einem Klassenchat etwas verschickt wird. Dann ist es wichtig, dass im Elternhaus darüber gesprochen wird.» Ab neun Jahren kann das Internet dann in festgelegten Grenzen und unter Begleitung genutzt werden.
Oft werde ihm entgegnet, dass dies im Alltag nicht umsetzbar sei, doch Sgarrellas Haltung dazu ist klar: «Natürlich kann man das umsetzen. Es ist vielleicht nicht ganz so bequem, aber sobald man damit anfängt und konsequent bleibt, wird es selbstverständlich.» Manchmal sei es auch schon wertvoll, Eltern daran zu erinnern, dass Alternativen zur Mediennutzung keine teuren Ausflüge oder Vereinsmitgliedschaften sein müssten. «Man braucht kein Geld, um im Wald spazieren zu gehen, und für die Kinder kann das die interessantere Unterhaltung sein als der Blick aufs Tablet.»
Was im Alltag wichtig ist
Sein Tipp auch für Erwachsene: die eigenen Prioritäten im Auge zu behalten. Das Handy nicht immer bei sich zu tragen, sondern es vor allem aus dem Schlafzimmer fernzuhalten. Zurückzugehen zum Monotasking, sich also immer wieder auf das zu konzentrieren, was man gerade tut, und nicht mehreren Beschäftigungen gleichzeitig nachzugehen. Fixe Zeiten für etwas einzuplanen und auch mal Dinge zu verschieben, sei dabei unerlässlich. Oft helfe es auch, sich bewusst zu machen, was tatsächlich von einem erwartet werde. Gerade zu Beginn des Detox-Camps sollen Teilnehmende stets wichtige Personen in ihrem Leben informieren, dass sie drei Tage nicht erreichbar sein werden. «Es ist immer wieder spannend, wenn sie dann feststellen, dass das vielleicht drei oder vier Menschen sind. Nicht 300 oder 3000 wie deine Instagram‹freunde›», berichtet Sgarrella.
Nebst dem eigenen Wohlbefinden ist es für Sgarrella auch ein wichtiger Effekt der bewussten Smartphonenutzung, dass sie auch die Umwelt entlastet. «Wir machen uns im Alltag noch viel zu wenig bewusst, welche Infrastruktur eigentlich dahintersteckt. Schon allein Begriffe, die von der KI vorgeschlagen werden, um Suchanfragen zu vervollständigen, kommen aus Datencentern, die Energie verbrauchen wie eine mittelgrosse Stadt. Dazu kommt der CO2-Ausstoss jeder einzelnen digitalen Handlung, bereits beim Klick zum Versenden einer Mail. Auch Rohstoffe sind ein wichtiges Stichwort, die es für die Produktion der Geräte braucht.» Was auch an diesem Punkt hilft? «Sich selbst hinterfragen», sagt Sgarrella. «Brauche ich wirklich jedes Jahr das neueste Modell? Oder mit einem kleinen Schritt anfangen und auf eine Suchanfrage verzichten und stattdessen etwas offline machen.»





