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Hätte ich doch früher …

BVG • Jean-Marc Eggenberger ist Pensionierungsberater bei der Gewerkschaft Syndicom. Er möchte (nicht allein) Jugendliche für das Thema Vorsorge sensibilisieren. Ausserdem plädiert er für eine Anpassung des Systems an die veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse, nicht umgekehrt. Doch wie?

In der Jugend will man oft nichts von Vorsorge wissen – das kann im Alter spürbare Folgen haben. (Bild: Pixabay)

Toter Buchstabe Bundesverfassung: «Wie es in der Bundesverfassung heisst, sollte die erste Säule, also die AHV, den Existenzbedarf eines einzelnen Menschen angemessen decken. Zusammen mit der zweiten Säule, also der Pensionskasse, sollte die gewohnte Lebenshaltung grundsätzlich gewährleistet sein», sagt Jean-Marc Eggenberger, Pensionierungsberater bei der Gewerkschaft Syndicom. «Doch dem ist leider nicht so …» 

Keine Chance auf volle AHV-Rente

Nur 41 Prozent der Alleinstehenden und 71 Prozent der Ehepaare erhalten eine maximale Rente. Diese liegt bei der AHV bei monatlich 2520 Franken. «59 ­Prozent der Alleinstehenden und 29 Prozent der Ehepaare haben keine Chance auf eine volle Rente.» ­Ehepaare erhalten zusammen eine ­maximale Rente von 3780 Franken monatlich. «Deshalb spricht man von der Heiratsstrafe durch Plafonierung» (Festlegung einer Obergrenze). 

Zahlen lügen nicht!

1900 Franken monatlich beträgt die durchschnittliche AHV. Bei der Pensionskasse (PK) beträgt die durchschnittliche Rente 2300 Franken. Durchschnittlich kommt eine Person mit der ersten und zweiten Säule auf 4200 Franken. «Im Berufsleben liegt dieser Durchschnitt (Mediangehalt der 50 bis 65 Jahre alten Menschen) bei 7500 Franken – die Differenz beträgt also bereits 3200 Franken. Dies zeigt, wie schwierig es ist, den Lebensstandard nach der Pensionierung noch halten zu können!»

Kein Interesse, anderer «Film»

Viele Menschen machen sich im ­Laufe ihres Berufslebens viel zu wenig Gedanken zum Leben nach der Pensionierung, so Eggenberger. Doch es seien bei Weitem nicht nur die Jungen, die überhaupt kein Interesse am Thema zeigen. Deshalb bieten er und seine Kolleginnen und Kollegen der Fachgruppe Pensionierungsberatung im Auftrag der Gewerkschaft Syndicom ihren Mitgliedern ab 55 Jahren eine kostenlose Vorsorgeberatung an. «Viele Menschen unterschätzen die Realität, wissen nicht, wie wenig sie nach der Pensionierung gegenüber ihrem letzten Lohn haben werden …»

Je mehr jemand im Berufsleben verdient habe, desto grösser sei die Versorgungslücke nach der ­Pensionierung. «Denn sie richtet sich nach dem jeweiligen Einkommen vor der Pensionierung. Jene, die zum Beispiel 90 720 Franken verdienen konnten, erhalten mit AHV und Pensionskasse (PK) zusammen nach der Pensionierung etwa 60 Prozent dessen, was sie zuvor hatten. Je höher also das Gehalt war, desto grösser wird die Versorgungslücke.» Wenn jemand 40 000 Franken verdient habe, so komme sie oder er mit AHV und PK auf etwa 70 bis 75 Prozent des vorherigen Gehalts. «Aber 70 Prozent von jährlich 40 000 Franken ist nicht mehr viel …» Je höher also der Lohn war, desto höher die Diskrepanz. «Diese gilt es irgendwie auszubügeln. Und dafür gibt es die dritte Säule, die sogenannte private Vorsorge.» Sie sei in dieser Situation ein kleiner Trost. «Doch wer eine hat, hat schon viel mehr Chancen auf die Fortsetzung eines angemessenen Lebens. Sie ist genau dafür da, um diese Diskrepanz aufzufangen.» Fakt ist aber auch, dass jede dritte Schweizerin respektive jeder dritte Schweizer keine dritte Säule hat.

Das Geld muss 22 Jahre reichen

Acht von zehn Personen, die er berate, kämen nach der Pensionierung über die Runden. Doch die Mehrheit davon habe im Vorfeld keine grosse Ahnung gehabt, was sie finanziell erwarten würde. Ihm sei klar, so der erfahrene Pensionierungsberater: «Viele mussten bereits während des Berufslebens finanziell so eng durch, dass es kaum drin lag, noch etwas auf die Seite zu legen.» Die Demografie mache dies nicht besser: «Wir Menschen werden älter.» Männer würden heute im Schnitt 82,7, Frauen 86,3 Jahre alt. «Das Geld muss nach der Pensionierung noch 20, 22 Jahre reichen.» Wer die Rentenbezugsart «nur Kapital» wähle, müsse wissen, dass dem so sei. Das Langlebigkeits­risiko trage nicht mehr die Pensionskasse, sondern jeder und jede selbst. 

Manche lieber auf Knien

2,5 Millionen Menschen bezögen heute die AHV, also Geld aus der ersten Säule (800 000 Personen beziehen ihre Rente im Ausland). «Damit sie leben können, können die in der Schweiz lebenden Personen Ergänzungsleistungen (EL) beantragen.» Von den 1,7 Millionen Schweizern bezögen rund 12 bis 13 Prozent EL. «Es gibt viele, die keine EL beziehen, weil sie sich nicht trauen. Gerade Menschen der älteren Generation.» Dabei dürfe nicht vergessen werden: «Die EL sind eine Versicherung. Viele haben während ihres Berufslebens dafür einbezahlt.» Doch er treffe im Rahmen seiner Tätigkeit stets wieder auf Menschen, die lieber «auf Knien» durchs Leben gingen, also finanziell kaum über die Runden kämen und auf Grundsätzliches verzichteten, «weil sie aus falscher Scham keine EL beantragen». 

Es chunnt de scho guet … 

Ein weiterer Grund für die Ignoranz der finanziellen Zukunft liege wohl darin, dass viele davon ausgingen, dass es dann «schon gut käme im Alter». Schliesslich zahlten sie als ­Berufstätige bei Vollzeit- oder Teilzeitarbeit in die ersten beiden Säulen ein. Doch das Vorsorgethema ist komplexer als das einfache Geben und Nehmen. «Es wird allgemein unterschätzt und zu spät angegangen.» Doch es gebe die Möglichkeit zur Korrektur. «Aber dann müsste man sich spätestens zehn Jahre vor der Pensionierung mit dem Thema beschäftigen. Eigentlich kann man nicht früh genug damit beginnen, die Planung an die Hand zu nehmen und in irgendeiner Form etwas fürs Alter zurückzu­legen.» Und: «Für Frauen ist das Thema noch wichtiger!» So eruiert Eggenberger oder jemand aus seinem Team im Rahmen eines telefonischen Erstkontakts die Erwartungen und ­Bedürfnisse der Syndicom-Mitglieder in Bezug auf eine Erstberatung. «Wir stellen gezielt Fragen, die einen Einfluss auf die Leistungen nach der Pensionierung haben ­können.»

Vorausberechnung der AHV

Für die Beratung sei wichtig, dass die Vorausberechnung der AHV-Rente vorliege. Sie bilde das «Leben» der Mitglieder ab und habe einen Einfluss auf die Leistungen: Wie ist der Zivilstand? «Der sich im Verlauf des Erwerbslebens natürlich ändern kann und die Leistungen beeinflusst.» Hat jemand Kinder? Frauen aus der «­Übergangsgeneration» (Jahrgänge 1961 bis 1969) sind von der AHV-Reform 21 betroffen. Wie ist das durchschnittliche Jahreseinkommen? Wie lange war die Beitragsdauer? Gibt es ein Splitting? «Die AHV ist sehr komplex geworden.» Dazu komme: «Ein gros­ser Teil der Schweizer Bevölkerung erhält keine volle AHV-Rente.» Fazit: «Aufgrund der Komplexität räumen wir diesem Thema im Rahmen der Beratung bewusst genügend Zeit ein.» 

Hilfe zur Selbsthilfe

Das Thema Pensionskasse (2. Säule) sei ebenfalls wichtig, «weil sie nebst der AHV-Rente Teil des Einkommens nach der Pensionierung bildet». Individuell sei der Zeitpunkt der Pensionierung: «Ist es eine ordentliche, vorzeitige Pensionierung oder Pensionierung in mehreren Teilpensionierungsschritten? Wir befassen uns mit den Auswirkungen auf die finanziellen Leistungen, damit die Mitglieder ein gutes Gefühl entwickeln können, um sich entscheiden zu können.» So kämen die Rentenbezugsarten zur Sprache: Rente, Kapital oder Mischform. «Wir geben keine Empfehlungen, zeigen aber Chancen und Risiken auf.» Auch was die Anlage des Kapitals betreffe, würden keine Empfehlungen abgegeben. «Interessierte sollen sich diesbezüglich bei Banken oder Versicherungen beraten lassen. Wir sind gute Generalisten, aber was Anlagen betrifft, keine Spezialisten.» Zudem sei es von der Geschäftsleitung der Gewerkschaft untersagt, eigene Berechnungen vorzunehmen oder Empfehlungen in finanziellen Angelegenheiten abzugeben. «Hilfe zur Selbsthilfe ist unser Motto.»

Wie erreicht man die Jungen?

Es gibt da noch eine andere Herausforderung: Junge Menschen sind heute kaum noch bereit, 80 oder 100 Stellenprozente innezuhaben, also Vollzeit zu arbeiten. Die Teilzeitarbeit, der «Work Life Balance» geschuldet, ist ein wichtiges Thema bei der Jugend. Wer sollte es ihr verübeln – könnte man meinen. «Dass dies aber auch bedeutet, dass so zu wenige Beiträge in die erste und zweite Säule fliessen – und in die Pensionskassen selbst –, ist vielen nicht oder zu spät bewusst und bildet eine kaum mehr aufholbare Hypothek im Hinblick auf das Alter», so der Vorsorgeberater. 

So gebe es junge Menschen, die bereits nach der Ausbildung oder dem Studium wünschten, nur noch 60 oder 80 Stellenprozente zu arbeiten, aber die vollen Leistungen erwarteten. «Daran sieht man, wie wenig vielen bewusst ist, wie unser Vorsorgesystem überhaupt funktioniert.» 

Zudem veränderten sich die Anforderungen in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Auch Väter wollen heute mehr Zeit für ihre Kinder und mit ihnen haben. Frauen sind gut gebildet und wollen/dürfen, von der Vorsorge aus gedacht, auch nicht gänzlich auf ein Berufsleben verzichten.» Eggenberger ist der Meinung, dass man nicht die Gesellschaft dem System anpassen sollte, sondern das System der sich verändernden Gesellschaft. «Es ist komplex, doch es gäbe Lösungen.» 

Dieselbe Sprache sprechen

Etwas, was ihn beschäftigt, ist, wie man junge Menschen, die sich im Leben ganz woanders befinden, für die Vorsorge im Alter erreichen kann. Er ist überzeugt: «Man muss ihre Sprache sprechen.» Dies sei schwierig, wenn der Berater viel älter sei. «Sie sehen einen vielleicht gar als alten Spiesser», schmunzelt er. «Unsere Sozialversicherungen sind leider nicht auf die Lebensentwürfe junger Menschen ausgerichtet. Heute sind viele Paare nicht mehr verheiratet, auch wenn sie Kinder haben, und leben in ganz anderen Lebensformen als früher. Das System müsste sensibler werden.» 

Phase tiefgreifender Umwälzungen

Zweifellos stehen wir vor einer Phase tiefgreifender Umwälzungen, die alle Lebensbereiche erfassen wird. Sie wird unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Lebensweise grundlegend verändern. Denken wir nur an die künstliche Intelligenz KI und die Robotik, die sich auf Berufe und den Arbeitsmarkt auswirken werden. Die Vorboten sind längst eingetroffen: Die Zeiten sind härter geworden, der Wohlstand bröckelt, die Unzufriedenheit wächst. Ein wirklicher Trend ist nicht in Sicht. Eggenberger: «Um das komplexe System der sozialen Sicherheit (AHV, IV, BVG) zukunftssicher zu machen, braucht es innovative und radikale Denkansätze. Vorwiegend Lohnabzüge werden für die Finanzierung der Schweizer Sozialwerke nicht mehr ausreichen. Es braucht zwingend neue Ansätze.»

Auch revolutionäre Ideen erforderlich

Es gelte, die Einnahmen unserer Sozial­werke zu diversifizieren. Gute Ideen gebe es genug: Eine Wertschöpfungsabgabe, Staatsfonds / Sovereign Wealth Fund nach dem norwegischen Modell, Finanztransaktionssteuer und KI- und Robotiksteuer (Automatisierungsdividende) usw.

Auch die sogenannte ­Heiratsstrafe, also dass Ehepaare zu zweit weniger Rente erhalten als Einzelpersonen, stelle ein Problem dar. «Man will die 150-Prozent-Plafonierung irgendwie sprengen. Das würde bedeuten, dass 50 Prozent der Ehepaare zusätzlich dazu kämen. Die Kosten stiegen um 3,8 Milliarden Franken.» Dies sei heute politisch schwierig, ja illusorisch. «Doch es gilt doch, Wege zu suchen, wie man das Problem lösen könnte.» «Man könnte aber auch die Minimalrenten der AHV signifikant erhöhen! Bei der zweiten Säule könnte der BVG-Koordinationsabzug reduziert oder gänzlich abgeschafft werden, damit jeder verdiente Franken in der Pensionskasse versichert ist. Was bedeuten würde, dass auch Menschen mit niederen Einkommen später mehr Geld zum Leben zur Verfügung hätten.» Es sei nichts als fair, die Minimalrente zu heben. «Irgendwann käme das System dadurch wieder in die Balance. Über diesen Weg könnte man einer schlanken Erhöhung entgegenwirken.» 

Wir wollen keine Almosen-Mentalität

Die Würde des Menschen sei das oberste Prinzip. Der Wunsch nach einem Staat, in dem die Bürgerinnen und Bürger auf Augenhöhe und nicht in Demut oder Unterwerfung agieren oder leben müssten. «In modernen Systemen stehen Eigenverantwortung, faire Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt im Vordergrund, um Würde und Teilhabe ohne Almosen-Mentalität zu gewährleisten.» 

Lücken ausgleichen 

Heute gebe es die Möglichkeit, Beitragslücken in der AHV, die entstanden seien, auszugleichen, indem man rückwirkend die Beiträge von fünf Jahren in die erste Säule nachzahlen könne. «Klar, das muss man sich aber auch leisten können. Trotzdem … » 

Die Fallen für Frauen

Durch eine Scheidung oder Trennung kann eine Frau später im Alter in die Armut abrutschen. «Der Klassiker», nennt es Jean-Marc Eggenberger. «Meistens ist es der Mann, der Vollzeit arbeitet und den grössten Teil in die AHV/PK einzahlt. Dann kommt die Scheidung, die PK wird geteilt. Der Mann arbeitet dann Vollzeit weiter und die Frau/Mutter muss sich meist aufgrund der Kinder Teilzeit organisieren: Ihre Beiträge in die erste und zweite Säule bleiben klein.» Er höre oft, so Eggenberger, mit einem 50/60-Stellenprozent-Lohn könne man nicht auch noch in die dritte Säule einzahlen. «Ich sage: Versuche es trotzdem! Zahle jeden Monat nur 50 Franken ein, dann hast Du schon 600 Franken im Jahr. Und dies hochgerechnet auf alle Jahre, die noch folgen. Das gibt schon einen guten Betrag – und dies noch mit Zins!» 

Vorsorgenetze systematisch ver­knüpfen, gemeinsam «Beute» machen

Unser Vorsorgenetz sei idealerweise am Ende ein Wertenetz für alle Beteiligten. Jede und jeder trage dazu bei, es zu stabilisieren bzw. zu tragen, um gemeinsam möglichst viel «Beute» zu machen. «Das ideale Vorsorgenetz ist also nicht wild gesponnen, sondern gut eingefädelt. Wie beim Spinnennetz gilt es an den richtigen Fäden zu ziehen. Je nach Faden reagieren sowohl die Spinne als auch das Wertenetz sehr unterschiedlich.»


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