«Das schadet der Demokratie»
So wie Simon Müller geht es zurzeit vielen Menschen: Sie sind nicht allein vom Weltgeschehen ausserhalb unseres Landes verunsichert, sondern auch von den rasend schnellen Veränderungen hierzulande – gerade in Bezug auf die forteilende (im Wortsinn: fort) Digitalisierung. Und dies sind nicht allein ältere Personen, die zurzeit auch in Bezug auf andere Themen massiv unter Druck geraten.
Simon Müller gehört noch nicht zu dieser Volksgruppe. Er ist 49 Jahre alt, Vater und Ehemann. Der ehemalige Archäologiestudent, der seinen Lebens-traum lebt und heute eine Brocki führt –
«das ist auch eine Art ausgraben, nur in der jüngeren Vergangenheit», schmunzelt Müller –, kann sich aber einfühlen, wie es älteren Personen ergehen kann, wenn sie vor einem Automaten stehen und nicht wissen, wie er funktioniert. Oder Kindern und Jugendlichen, die keine Kreditkarte haben. Oder beeinträchtigten Menschen. Und vielen anderen.
Diskriminierte ältere Menschen
Müllers Lebensmotto ist jenes, das auch auf dem Schweizer Fünffrankenstück in Latein steht: DOMINUS PROVIDEBIT. Zu Deutsch: «Der Herr wird vorsorgen», oder «Gott wird versorgen». Diese Devise ist seit 1888 als Randschrift auf dem Fünfliber sowie auf vielen Goldmünzen wie zum Beispiel dem äusserst seltenen «100-Franken-Goldvreneli» eingeprägt. Der Sinnspruch stammt aus der Bibel (1. Mose 22,8) und symbolisiert Vertrauen und göttliche Fürsorge.
Wer noch einen Fünfliber daheim hat, kann das gern überprüfen. Das werden wohl nicht mehr alle sein … Und hier beginnt das Problem. Simon Müller: «Kürzlich wollte ich am Bahnhof in Thun parkieren und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass die Parkuhr verschwunden war und dass die SBB auf Platz nur noch bargeldlose Zahlungen für stundenweises Mieten per App akzeptieren», so Müller. Bargeld werde zwar noch entgegengenommen, allerdings nur in Form einer teuren Park-Tageskarte am Bahnschalter oder am Billettautomaten. Und er ist überzeugt: «Dies diskriminiert vor allem Rentnerinnen und Senioren, die nicht so digital-affin sind: Menschen mit 70 Jahren fahren zwar noch oft Auto, finden sich aber in der digitalen Welt nicht immer gut zurecht. Sie werden gezwungen, zusätzliche Zeit und Energie aufzuwenden, um mit Bargeld ein Parkticket zu erwerben.» Zudem finde klar eine Ungleichbehandlung von Barzahlenden statt, da diese nur noch Ganztageskarten lösen könnten (siehe Bericht des Bundesrates). «Ich habe grosse Mühe damit, dass es sich öffentliche Dienstleister in der sogenannt freiheitlich demokratischen und toleranten Schweiz erlauben, ganze Bevölkerungsgruppen vom täglichen Leben auszuschliessen oder zumindest stark zu behindern.»
Er persönlich habe nichts gegen das Digitalisieren von Bezahlvorgängen, das wolle er betonen, sagt Simon Müller. «Solange dies nicht zu einer Benachteiligung gegenüber dem Bargeld führt.»
Brief an die Bundesbahnen
Im vergangenen Jahr schrieb Simon Müller den SBB. Und erhielt auch eine Art Antwort (siehe Box). Allerdings: «Auf meinen Beschwerdebrief an die SBB in Thun habe ich nur eine Art Infoschreiben erhalten. Kein Eintreten auf mein persönliches Anliegen.» Der öffentliche Dienstleister SBB sei offensichtlich in Richtung Volldigitalisierung unterwegs, mutmasst Müller. «Neu ist auch die zwingende Angabe des KFZ-Kennzeichens beim Mieten eines Parkplatzes. Aus meiner Sicht geschieht hier ein unguter und unnötiger Kontrollmechanismus.» Er könne sich vorstellen, dass viele Menschen, darunter einige Seniorinnen und Senioren, ihr Autokennzeichen nicht auswendig kennten und deshalb den Weg zum Bahnhof hin und zurück – je nach Gesundheitszustand vielleicht mit Krücken oder Rollator – gar zweimal gehen müssten. «Das ist eine Zumutung.»
Simon Müller ist ein differenziert denkender Mann, der, wie er sagt, bewährte christliche Werte hochhält, auf denen die Kultur des Abendlandes gewachsen ist. «Ich glaube an den Gott der Bibel und das Gebot der Nächstenliebe. Umso mehr kümmert mich das Schicksal von Randgruppen.» Es gehe nicht an, alte Menschen einfach zu ignorieren, weil sie für die Gesellschaft «nicht mehr rentierten». «Das ist eine schlechte Entwicklung», sinniert Müller.
Keine Annahmepflicht für Bargeld
Für Simon Müller ist der Gegenvorschlag des Bundesrates zur Bargeld-initiative irreführend. «Ich finde die Kombination der beiden Forderungen – erstens des Frankens als Schweizer Währung und zweitens, dass die (machtlose) Nationalbank die Bargeldversorgung gewährleisten soll – verhängnisvoll. Der Regierung werden so sämtliche Steine aus dem Weg geräumt, um beispielsweise die CBDCs (digitales Zentralbankgeld), wofür derzeit in über 100 Ländern weltweit Vorbereitungen laufen, über unsere Köpfe hinweg einzuführen.» Den Schweizer Franken werde es weiterhin geben, nur eben dann auch digital. «Und vielleicht in absehbarer Zeit nur (!) noch digital.» Immerhin bestehe die Bargeld-Initiative auf Noten und Münzen, allerdings verlange sie keine Annahmepflicht für Bargeld. «Schade!»
Ähnlich empfindet Müller es in Bezug auf die e-ID, die die Schweiz via Abstimmung mit hauchdünner Mehrheit angenommen hat. «Es geht nicht allein um einen möglichen Stromausfall, es geht auch um die mögliche Kontrolle, respektive Überwachung durch den Staat.» Eine Kombination aus e-ID und digitalem Zentralbankgeld in Zusammenhang mit stark eingeschränkten Bargeldmöglichkeiten befähige die Regierung immer mehr, jede Bürgerin und jeden Bürger auf Schritt und Tritt zu überwachen und nötigenfalls unter Druck zu setzen. «Einen kleinen Vorgeschmack davon bekamen die knapp 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die das Gesetz zu den Coronamassnahmen während der Pandemie zweimal abgelehnt hatten. Ich vermute, dass eine konsequente Digitalisierung erneut zur Spaltung des Volkes führen und der Demokratie schaden würde. Manche Menschen sind sich nicht bewusst, wie fragil so ein System ist …»
Bares ist Wahres
Kürzlich strahlte SRF eine Sendung aus, in der gezeigt wurde, was es bedeutet, wenn der Strom fehlt. Die Menschen vor Ort (Schweden) konnten ihre Lebensmittel nicht bezahlen, da der Laden nur bargeldlose Bezahlung akzeptierte. Simon Müller zum Thema Sicherheit: «Man hört und liest immer wieder, dass digitale Bezahlmöglichkeiten sehr sicher seien und der Datenschutz des Einzelnen im Internet unbedingt gewährleistet sei. Interessanterweise sind die Zeitungen trotzdem voller Berichterstattungen, die zeigen, dass andauernd empfindliche Daten verloren gehen oder gestohlen werden und neuerdings Beträge in Millionenhöhe digital ergaunert werden.» Darüber gräme er sich: «Wollen wir das wirklich? Da lobe ich mir mein gutes altes Portemonnaie mit Banknoten und Münzen.» Wenn es gestohlen werde, seien halt mal vielleicht 200 Franken weg. «Gschäsch nüt Bösers …» Er sinniert: «Doch halt: Ich habe auch diverse Debit- und Kreditkarten darin verstaut …» Müller ist überzeugt: «Wie sicher und ruhig war doch die analoge Welt. Bares ist eben doch Wahres.»