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Sind Ausländer krimineller als Schweizer?

 Gastbeitrag • Die Statistik verleitet zu simplen Schlüssen. Nötig sind nicht pauschale Schuldzuweisungen, sondern soziale Massnahmen.
| Daniel Winkler | Gesellschaft

In einem Positionspapier hat die FDP kürzlich ihr Wahlkampfthema für das kommende Jahr festgelegt: Ausländer-kriminalität. Es ist ein Thema, das seit Jahren von der grössten Partei der Schweiz, der SVP, konsequent und erfolgreich bewirtschaftet wird. Als Einflüsterer dient der FDP der forensische Psychiater Frank Urbaniok. Mit seinem Buch «Schattenseiten der Migration» hat er es sich – wie es scheint – zur Lebensaufgabe gemacht, bestimmte Staatsangehörige auf vermeintliche kulturelle Defizite zu reduzieren. Seit Monaten missioniert er mit seinem Buch durch Europa.

Wer Opfer eines schweren Delikts wird, ist oft ein Leben lang geprägt. Aber auch Menschen, die von Kleinkriminalität betroffen sind, erleben ihr Sicherheitsgefühl als nachhaltig gestört. Diese Umstände dürfen niemals bagatellisiert werden.

Nationalität nicht entscheidend

Die Überrepräsentation von Ausländern in der Kriminalstatistik hat der Strafvollzugsexperte Benjamin F. Brägger kürzlich in dieser Zeitung erläutert. Erstens handle es sich bei vielen Delinquenten um Mitglieder organisierter Einbruchs- oder Diebstahlsbanden aus osteuropäischen Ländern. Eine weitere Gruppe bildeten Nordafrikaner, die wegen Armut in die Schweiz kommen.

Frank Urbaniok weist darauf hin, dass im Jahr 2023 die Kriminalitätsrate bei Algeriern 120-mal so hoch gewesen sei wie bei Schweizern, bei Marokkanern 36-mal und bei Rumänen 12-mal. Diese Menschen stammen aus Armutsländern und versuchen, sich am europäischen Wohlstand zu bedienen. Dabei sorgen sie für Aufsehen und beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.

Es lässt sich nicht bestreiten: Ausländer sind in der Kriminalstatistik überproportional vertreten. Zahlreiche Studien zeigen jedoch, dass nicht die Nationalität entscheidend ist, sondern bestimmte Risikofaktoren.

Mehr männliche Tatverdächtige

Vier Kriterien erhöhen die Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden: Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status und Bildungsniveau. Auch wenn Urbaniok diese Faktoren weitgehend ausblendet – sie sind zentral. In der Schweizer Kriminalstatistik stehen den rund drei Vierteln männlicher Tatverdächtiger lediglich ein Viertel Frauen gegenüber.

Erwachsene unter 30 Jahren, die nur einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen, begehen rund die Hälfte aller Straftaten. Eine Sozial-studie von André Kuhn zeigt zudem, dass etwa zwei Drittel der Delikte von einem Drittel der Bevölkerung mit niedrigem Einkommen verübt werden. Rund die Hälfte der Täter weist ein tieferes Bildungsniveau auf und ist für ungefähr zwei Drittel der Straf-taten verantwortlich.

Unterschiede verschwinden

Am häufigsten werden also junge Männer mit geringer Bildung und prekären Lebensverhältnissen straffällig – unabhängig von ihrer Herkunft. Da Ausländer überdurchschnittlich oft zu dieser Risikogruppe gehören, sind sie in der Statistik wenig überraschend überrepräsentiert. Vergleicht man jedoch junge, einkommensschwache und bildungsferne Ausländer mit gleich situierten Schweizern, verschwinden die Unterschiede weitgehend. Diese spezifische Ausländergruppe mit der gesamten einheimischen Bevölkerung zu vergleichen – die eine ausgeglichene Geschlechterstruktur und einen hohen Anteil älterer, deutlich weniger krimineller Menschen aufweist – verzerrt die Statistik. Hier liegt der Ursprung der Mär, dass Ausländer grundsätzlich krimineller als Schweizer seien! 

Um Kriminalitätstourismus wirksam zu bekämpfen, sind eine bessere überkantonale Zusammenarbeit und rasche Verfahren entscheidend. Zur nachhaltigen Senkung der Kriminalität braucht es soziale Massnahmen, verstärkte Bildungsanstrengungen und verbesserte Integrationsangebote. Wo Menschen Freundlichkeit und Offenheit erfahren, wächst Vertrauen – und wird das Gute in ihnen geweckt.

Daniel Winkler ist seit 2005 evangelisch-reformierter Pfarrer in Riggisberg im Kanton Bern und engagiert sich seit 2014 in der Flüchtlingsarbeit, u. a. in der «Aktionsgruppe Not-hilfe – Sackgasse Langzeitnothilfe».


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