«Mit der Bioschule verliert man mehr als nur Unterrichtsstunden»
Münsingen/Bio Schwand • Heinz Iseli, langjähriger Mitinitiator und Begleiter des Bio Schwands, blickt auf Aufbau, finanzielle Schwierigkeiten, Konkurs und Versteigerung zurück. Im Zentrum steht für ihn heute weniger die Schuldfrage als die Zukunft der Bioausbildung im Kanton Bern.

Heinz Iseli, wo beginnt für Sie die Geschichte des Bio Schwands?
Heinz Iseli: Eigentlich lange vor dem Bio Schwand selbst. In Münsingen hatte ich bereits bei einem landwirtschaftlichen Projekt im Umfeld der Psychiatrie erlebt, wie schwierig es sein kann, neue biologische Ansätze umzusetzen. Später entstand die Idee, den Schwand nicht einfach als Immobilienprojekt weiterzuführen, sondern Landwirtschaft, Verarbeitung, Bildung, Forschung und Öffentlichkeit zusammenzubringen. Diese gesamtheitliche Idee war für mich von Anfang an zentral.
Wer trieb das Projekt voran?
Es bildete sich ein Kreis aus der Bio-bewegung. Ich war eine der zentralen Figuren; dazu kamen unter anderem Kathy Hänni, Matthias Wiesmann und Alfred Schädeli. Ich selber war nicht der klassische Projektmanager. Ich bin Bauer und Fotograf. Aber die Bildungsfrage und die Zukunft des Schwands waren mir wichtig, deshalb engagierte ich mich stark.
Warum war gerade die Bioschule so wichtig?
Weil dort Bio nicht einfach ein Zusatz zu einer konventionellen Ausbildung war. Die Schülerinnen und Schüler kamen bewusst für den Biolandbau. Das schafft eine andere Dynamik. Der schweizerische Pilotlehrgang hatte zuvor verschiedene Standorte und fand auf dem Schwand einen Ort, an dem Unterricht, Unterkunft, Landwirtschaft und Bioverpflegung zusammenkamen. Später entstanden rund um die Schule weitere Projekte zu solidarischer Landwirtschaft, Biodiversität, Permakultur oder zum Bioackerbau. Vieles davon war
seiner Zeit voraus.
Trotzdem blieb der Bio Schwand finanziell fragil. Können Sie sagen, woran dies genau lag?
Ja. Aus meiner Sicht war das Projekt zu knapp kapitalisiert. Wir hatten viel ideelle Unterstützung, aber ein grosses Areal verursacht enorme Fixkosten. Dazu kamen Unterhalt, Sanierungen, Heizung, Baurecht und weitere Verpflichtungen. Gleichzeitig waren die Erträge aus Schulräumen, Beherbergung und Veranstaltungen begrenzt. Wir haben Leistungen rund um die Bioschule teilweise quersubventioniert, weil wir überzeugt waren, dass das Gesamtpaket wichtig ist. Betriebswirtschaftlich war das auf Dauer problematisch.
Wie beurteilen Sie die Rolle des Kantons?
Ambivalent. Der Kanton anerkannte die eigentliche Berufsbildung und trug sie mit. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass er das umfassende Bioprojekt zwar nutzen, aber nicht wirklich mittragen wollte. Das ist meine persönliche Wahrnehmung. Es gab im Kanton und im Inforama immer wieder sehr engagierte Personen, aber auch Phasen, in denen Bio an Gewicht verlor.
Sie haben teilweise sehr scharf von politischem Widerstand gesprochen. Was meinen Sie damit?
Das muss man differenzieren: Ich will weder eine ganze Partei noch eine ganze Verwaltung pauschal verurteilen. Aber ich habe erlebt, dass Bio und besonders die biodynamische Landwirtschaft bei einzelnen Leuten starke weltanschauliche Reaktionen auslösten. Für mich sollte die Diskussion fachlich geführt werden: Was bewirken die verschiedenen Systeme für Boden, Biodiversität, Tiere, Lebensmittel und Wirtschaftlichkeit? Und wenn eine Institution Biolandbau meint, soll sie das Wort Bio auch verwenden und nicht hinter allgemeineren Begriffen verstecken.
Wann wurde aus den finanziellen Schwierigkeiten eine existenzielle Krise?
Die Probleme bestanden schon vor Corona. Die Pandemie hat sie verschärft. Wenn ein Areal hohe Fixkosten hat und Belegungen oder Veranstaltungen wegbrechen, fehlt sehr schnell Liquidität. Der Konkurs 2022 kam deshalb nicht aus dem Nichts. Für mich war er trotzdem ein harter Einschnitt, weil damit nicht nur eine Firma, sondern ein ganzes Netzwerk gefährdet war.
Warum beschäftigt Sie die Versteigerung bis heute?
Weil der Ablauf Fragen offenliess. Der Grosse Rat hatte kurz vor der Versteigerung mit einer ausserordentlich deutlichen Mehrheit einen Rückerwerb durch den Kanton unterstützt. Vor der Auktion wurde erklärt, die Strategie des Kantons könne nicht offengelegt werden, weil dies den Preis beeinflussen würde. Ich ging deshalb davon aus, dass der Kanton ernsthaft mitbieten würde. Am Ende tat er es nicht. Die WBS AG erhielt den Zuschlag für fünf Millionen Franken.
Sie sagen, Sie hätten möglicherweise einen anderen Käufer mobilisieren können.
Ich kannte jemanden, der nach meiner Erinnerung bereit gewesen wäre, einen höheren Betrag einzusetzen. Weil ich aber davon ausging, dass der Kanton selbst zurückkaufen würde, habe ich diese Option nicht konsequent weiterverfolgt. Ob daraus tatsächlich ein verbindliches Gebot geworden wäre, kann ich im Nachhinein nicht beweisen. Genau deshalb ärgert mich der Ablauf bis heute.
Sie haben im Gespräch auch Vermutungen über persönliche Verbindungen hinter einzelnen Entscheiden geäussert. Wie belastbar sind diese?
Das sind Vermutungen, keine Beweise. Für eine seriöse Aufarbeitung genügt das nicht. Entscheidend sind die dokumentierbaren Fragen: Welche wirtschaftlichen Berechnungen führten zum Verzicht des Kantons? Welche Absprachen und vertraglichen Beziehungen bestanden zwischen den Beteiligten? Welche Mietverträge und künftigen Nutzungen waren bekannt? Und wie wurden die Entscheide protokolliert? Das sollte man mit Akten klären und nicht mit Gerüchten.
Der Kanton begründete den Verzicht unter anderem damit, dass kein langfristiger zwingender Eigenbedarf nachgewiesen sei und die finanzielle Lage angespannt gewesen sei. Reicht Ihnen diese Begründung?
Sie müsste mit der weiteren Entwicklung und mit einer nachvollziehbaren Gesamtrechnung verglichen werden. Der Kanton blieb Grundeigentümer, Baurechtsgeber und Mieter. Deshalb interessiert mich: Was kostet die Mietlösung langfristig? Was hätte ein Rückkauf gekostet? Wie hoch waren die offenen Darlehen? Welche Sanierungen wären nötig gewesen? Ich behaupte nicht, dass ein Kauf zwingend günstiger gewesen wäre. Ich möchte aber sehen, dass die Varianten transparent und nachvollziehbar verglichen wurden.
Was ist Ihnen heute wichtiger: die Auf-arbeitung der Vergangenheit oder die -Zukunft?
Die Zukunft. Die Vergangenheit sollte man aufarbeiten, weil öffentliche Entscheide nachvollziehbar sein müssen. Aber viel wichtiger ist die Frage, was der Kanton Bern mit der Bioausbildung macht. Eine eigenständige Bioschule ist nicht einfach ein Stundenplan. Sie ist ein Netzwerk von Lehrpersonen, Praxisbetrieben, ehemaligen Schülerinnen und Schülern und Fachwissen. Wenn dieses Netzwerk auseinanderfällt, lässt es sich nicht auf Knopfdruck wieder aufbauen.
Was wäre Ihre Forderung an die neue Inforama-Strategie?
Bio muss sichtbar und substanziell verankert sein, nicht bloss in ein paar Zusatzlektionen. Der Kanton Bern ist ein grosser Landwirtschaftskanton. Er sollte bei Biolandbau, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und nachhaltigen Produktionssystemen eine führende Rolle spielen. Dafür braucht es spezialisierte Bildung, Beratung und geeignete Praxisbetriebe.
Muss eine starke Bioausbildung wieder auf den Schwand zurück?
Der Schwand wäre für mich ein idealer Ort, aber ich würde die Zukunft nicht allein daran festmachen. Zuerst braucht es den politischen Entscheid: Wollen wir im Kanton Bern eine starke, eigenständige Bioausbildung? Wenn ja, findet man auch eine organisatorische Lösung. Wenn nein, wird das Wissen anderswo aufgebaut – und Bern verliert neben einem historischen Ort auch fachliche Kompetenz.
Welche zwei Fragen würden Sie einem Regierungsrat heute stellen?
Erstens: Wie erklärt die Regierung, dass sie nach dem sehr deutlichen Signal des Grossen Rates auf den Rückerwerb verzichtete, und welche wirtschaftlichen Grundlagen lagen diesem Entscheid zugrunde? Zweitens: Wie stellt der Kanton sicher, dass die Bioausbildung künftig nicht ausgedünnt, sondern fachlich gestärkt wird? Wenn diese beiden Fragen sauber beantwortet werden, wäre schon sehr viel gewonnen.






