Die Armut nimmt zu
Statistik • Die Armut in der Schweiz nimmt stetig zu. Die unteren und mittleren verfügbaren Einkommen sind zwischen 2016 und 2025 leicht gesunken und durch diverse Fixkosten immer mehr belastet. Gleichzeitig verdienen Topverdienende immer mehr. Die Lohnschere klafft immer weiter auf.

«Die Einkommens- und Abgabepolitik der Schweiz begünstigt seit zehn Jahren wieder zunehmend Gutsituierte.» Dies schreibt der Schweizerische Gewerkschaftsbund in seinem «Verteilungsbericht 2026». Diese Entwicklung zeige sich an der weiter aufgehenden Lohnschere. Das Resultat sei folgendes: Während Menschen mit tiefem oder mittlerem Einkommen heute mit weniger verfügbarem Monatsbudget über die Runden kommen müssen als noch 2016, seien die Löhne und Einkommen von Topverdienenden über denselben Zeitraum enorm gestiegen. Dabei hätten Frauen nach wie vor ein tieferes Einkommen als Männer. Die Hälfte aller Frauen verdient gemäss SGB weniger als 5000 Franken, jene der Männer weniger als 7000 Franken.
Ausbildungsniveau spielt eine Rolle
Ende 2024 waren gemäss den aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) 8,4 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Dies entspricht rund 743 000 Personen. Die Armutsgefährdungsgrenze lag 2024 bei 2645 Franken pro Monat für einen Einpersonenhaushalt. Zu den am stärksten betroffenen Gruppen zählten gemäss BFS Personen, die alleine oder in Einelternhaushalten mit minderjährigen Kindern lebten, Personen ohne nachobligatorische Ausbildung, ausländische Personen aus ost- oder aussereuropäischen Staaten und Personen in Haushalten ohne Arbeitsmarktteilnahme. Personen ab 65 Jahren seien häufiger einkommensarm als die Bevölkerung im Erwerbsalter. Bei den Erwerbstätigen sind gemäss BFS 4,3 Prozent von Armut betroffen. Dies entspricht rund 175 000 Personen. Die Einkommenssituation der Erwerbstätigen werde dabei wesentlich durch Arbeitsform und -bedingungen bestimmt. Besonders häufig von Armut betroffen sind demnach Teilzeiterwerbstätige, Selbstständige und Personen, die in kleinen Betrieben arbeiten. Die Armutsgefährdung ist stark von der familiären Situation und vom Ausbildungsniveau abhängig. Alleinlebende Personen unter 65 Jahren sind gemäss BFS dreimal mehr von Armutsgefährdung betroffen als Paare unter 65 Jahren ohne Kinder. Ausserdem sind Personen mit einer tertiären Ausbildung 3,3-mal weniger armutsgefährdet als jene, die ihre Ausbildung mit der obligatorischen Schule abgeschlossen haben. Personen ab 65 Jahren stellen gemäss Bundesamt einen besonderen Fall dar: Sie sind der Armutsgefährdung sehr stark ausgesetzt – vor allem, wenn sie alleine leben. Sie verbrauchen jedoch signifikant mehr von ihrem Vermögen, um ihre laufenden Ausgaben zu finanzieren. Der Rückgriff auf das Vermögen wird im verfügbaren Äquivalenzeinkommen statistisch jedoch nicht berücksichtigt und folglich auch nicht bei der Schätzung der Armutsgefährdung.
Lohnschere klafft auf
Der SGB zeigt in seinem Verteilbericht zudem auf, dass die Lohnentwicklung von Gering- und Normalverdienenden früher anders gewesen sei als heute: Von 2006 bis 2016 stiegen diese Löhne im Mittel um real 0,9 Prozent pro Jahr. Dies trotz der Finanzkrise von 2008 und trotz der starken Aufwertung des Franken. Gleichzeitig nehmen die Abgaben zu, sodass Ende Monat immer weniger Geld übrigbleibt. Eine alleinstehende Person mit dem Medianeinkommen von 7100 Franken zahlt gemäss SGB 2025 rund 13 Prozent ihres Einkommens für Sozialversicherungsbeiträge, rund 13 Prozent für direkte Steuern, 8 Prozent für Krankenkassenprämien (nach Verbilligung für Einkommensschwache) und etwas mehr als 3 Prozent für indirekte Steuern. Gesamthaft beträgt die Abgabenlast also knapp 38 Prozent. Hinzu kommen stetig steigende Kosten für Mieten und Energie. Kurz: Der Lohn ist immer weniger wert beziehungsweise durch steigende Fixkosten immer mehr belastet. Gleichzeitig geht es den gut Verdienenden immer besser, die Lohnschere klafft weit auf. Dies etwa durch «wiederkehrende Steuergeschenke für die Oberschicht». So zahlte im Jahr 2025 gemäss SGB eine alleinstehende Person mit einem mittleren Lohn etwas mehr als 13 Prozent ihres Einkommens, also 11 237 Franken Steuern. Dies sind knapp 400 Franken weniger als noch 2016. Die Steuern der Topeinkommen sind im gleichen Zeitraum hingegen um mehr als 8000 Franken gesunken.
Krankenkassenprämien senken
Um die Situation zu verbessern, schlägt der SGB verschiedene Massnahmen vor. So müsse der automatische Teuerungsausgleich wieder selbstverständlich werden. Wer eine abgeschlossene Lehre hat, muss bei einem Vollzeitpensum gemäss SGB mindestens 5000 Franken pro Monat verdienen. Generell soll es in der Schweiz künftig keine Vollzeitlöhne unter 4500 Franken mehr geben, ginge es nach den Gewerkschaften. Auch in der Steuer- und Abgabepolitik brauche es eine Wende. Statt die Steuern weiter zu senken, sollen die Kantone die Krankenkassenprämien spürbar verbilligen – wie es das Volk mit dem 2026 in Kraft getretenen Gegenvorschlag zur Prämienentlastungsinitiative beschlossen habe.






