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Der Seeuferwart: «Sie sollten sich schämen»

Hondrich • Kurt Nafzger aus Hondrich hält sich seit seiner Pensionierung fast täglich am rechten Thunerseeufer auf: Der Beatenbucht entlang sammelt der Schreiner und ehemalige Arbeitsagoge den Müll ein, den andere liegen liessen – ohne dafür monetär entlöhnt zu werden. Die Litterer hingegen werden gebüsst: Ab sofort gilt ein nationales Littering-Verbot.

Kurt Nafzger hat es sich zur Aufgabe gemacht, die (fast verborgenen) Strände der rechten Thunerseeseite – um die Beatenbucht herum – von Müll zu befreien, den gleichgültige Menschen liegen liessen oder dort entsorgten – ab diesem August werden sogenannte Litterer gebüsst. (Bild: Sonja L. Bauer)

Kurt Nafzger aus Hondrich ist ein Menschenfreund. Er freut sich über jede Begegnung, lernt gern Menschen kennen, plaudert mit ihnen, wünscht sich, dass sie verstehen, warum man den Abfall nicht einfach in der Natur liegen lässt, und klärt Betroffene seelenruhig über die Gründe auf. «Jetzt will ich mal schauen, wie es aussieht», sagt Nafzger und meint den Platz am See in Bea­tushöhlennähe, auf dem eine Gruppe Menschen zuvor gefeiert hat und den man nur per Boot, Kanu oder Paddle erreicht. Und siehe da, der Platz ist vermüllt: von der Pet- und Bierflasche über den halben Cervelat und dessen Plastikverpackung bis zu menschlichen Ausscheidungen. «Nachdem man sich hier inkognito aufhielt, wahrscheinlich etwas trank, fühlt man sich für die Überreste nicht mehr zuständig, lässt bequem alles liegen. Es sieht ja ­niemand.» 

Ungehaltene Versprechen 

Was aber den sportlich-fitten Schreiner und ehemaligen Arbeitsagogen – er ist ein hervorragender Schwimmer, den es selbst vor gut einem Jahr wie Strandgut an den Strand des Sundlauener-Deltas «gespült» hat – besonders ärgert, ist, dass die Badegäste und Touristen, die er mit den Worten anspricht: «Ich bitte Sie, nehmen Sie doch, wenn Sie gehen, auch Ihren Abfall wieder mit», ihren «Ghüder» trotzdem liegen lassen. «Sie versprechen es zwar im Vorfeld stets freundlich und deklarieren es als Selbstverständlichkeit – halten ihr Versprechen aber nicht.» Was der Grund dafür ist, kann er nicht sagen. «Der Alkohol? Gleichgültigkeit oder Bequemlichkeit?! Ich begrüsse, dass das Littering ab August schweizweit gebüsst wird.» Und seit Kurt Nafzger eine Art selbstlose Hauswart-, oder besser Seeuferwart-Rolle übernahm, wird es für Abfall-Hinterlassende schwieriger sein, inkognito zu bleiben … 

Auch natürlicher Ghüder ist Ghüder 

Nafzger betont, dass es lange nicht nur die Jungen seien, die ihren Unrat liegen liessen. «Es sind auch Erwachsene darunter. Schweizer und andere Touristen.» Manche benutzten alte Feuerstellen einfach als «Ghüderchübu». «Auf dass der Nächste sein Grillgut auf dem Müll grilliert …» Auch natürliche Reste, also Nahrungsreste, hätten in den schönen Buchten der rechten Thunerseeseite, «eigentlich überall in der Natur», nichts verloren. «Zwar sind Bananen- oder Melonenschalen auch Natur, aber es ist doch einfach nicht schön, wenn man sein Handtuch auf diesen Hinterlassenschaften ausbreiten muss!» Viele der gekauften Früchte seien nicht einheimisch und deren Schalen verfaulten langsam. «Sie gehören schlichtweg nicht in unseren Wald oder See.» 

Kanu voller Müll 

Vor unserem Treffen war Kurt Nafzger wieder an den Stränden um die Bucht herum unterwegs. Als er zurückkommt, sitzt er buchstäblich mitten im Müll: Da ist ein altes Rohr, Plastik, verschlammtes Zeugs, undefinierbar, vermoderte Seile, Toilettenabfälle. Von dort, wo sich die FKK-Szene trifft, bringt er ein Handtuch, Sandalen, ein «Tschäppi» mit, die liegen geblieben sind. Erst habe er das Tuch noch liegen lassen, für den Fall, dass der Besitzer zurückkomme, doch das sei nie der Fall gewesen. Nun liegt es im Kanu. «Die Menschen sollten sich schämen», so Nafzger. Einmal entsorgte er mit dem schmalen Kanu gar eine alte Heizung, die auf dem sogenannten «Inseli» lag.

Für seinen grossen Dienst an der Natur, zu der vergessenerweise auch der Mensch gehört, erhält Kurt Nafzger keinen monetären Lohn. Er tut es, weil er den Abfall nicht liegen lassen kann. Und weil sein Lohn die Schönheit der Natur ist, behält er dabei gute Laune, Freundlichkeit, Anstand, Humor. Er will den Menschen helfen. Freut sich darüber, dass er die Sommertage – und auch manchen im Winter – am «schönsten Ort der Welt» verbringen darf. Kurt Nafzger bleibt dabei stets zurückhaltend und positiv. Und wenn er etwas Wertvolles findet, so freut er sich enorm darüber. 

Die Flaschenpost

So bringt er in seinem Kanu auch einen «Zauberstein» mit. Einen «Stein», der schwimmt (Gasbeton). Er freut sich, wenn er schönes Schwemmholz findet. «Mich fasziniert Holz mit einem natürlichen Loch», schmunzelt er. Daraus baut der Holzkünstler später irgendwas. Kreativ ist er. Es gibt schon einige seiner Kunstwerke am Ufer zu bestaunen. Gerade fand Kurt Nafzger eine Flaschenpost. Wie lange sie im See lag, weiss er (noch) nicht. Sie ist gut erhalten und stammt von Kindern, die sich, wie sie schreiben, über eine Antwort freuen würden. Wer weiss, vielleicht sind sie ja bereits erwachsen …?! Wird er sich melden? «Aber natürlich werde ich ihnen antworten!» 


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| Adrian Hauser | Gesellschaft

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