Skip to main content

-


Anzeige


Wachsen und Neuem begegnen

Sommererinnerungen • Der Sommer und ich, wir pflegen seit der Kindheit eine innige Beziehung. Und in den vergangenen Jahren habe ich Orte gefunden, die mir den Zauber dieser Zeit sogar noch bedeutungsvoller erscheinen lassen.

| Dorothée Nagel | Gesellschaft
Ein weiter Blick in die Landschaft und intensive Farben: Rund um Oslo ist man direkt in der Natur. (Bild: Dorothée Nagel)

Als Geburtstagskind des Sommers hegt man eine besondere Verbindung zu dieser Jahreszeit. Es ist eine verheissungsvolle Zeit, vor allem, wenn man von klein auf auf den August wartet und damit das grösste Ereignis erst in der bereits fortgeschrittenen Saison ansteht. Der einsetzende Spätsommer ist daher für mich mit besonders lebhaften Erinnerungen verbunden. Die Farben leuchten anders, intensiver, die Sonne strahlt bereits in einem anderen Licht. Leider wird es damit auch schon wieder früher dunkel, doch dank zahlreicher Geburtstagsfeiern, an denen ich selbstverständlich keine normale Zubettgehzeit einzuhalten hatte, weiss ich genau, wann an diesen Tagen die Dämmerung einsetzt, wie sie riecht, wie sie sich auf der Haut anfühlt. 

Sonnenblumen. Natürlich gehören Sonnenblumen fest zum Bild dieser Tage, auf dem Geburtstagstisch und draussen. Etwas, woran ich bis heute festhalte, als Lieblingsblume und Glücklichmacher. Generell ist das Draussensein etwas, was als euphorisches Gefühl erhalten bleibt – noch heute könnte ich mir kaum vorstellen, diesen Tag ohne frische Luft zu verbringen, auch wenn es mittlerweile auch mal ohne Strassenmalkreide und wilde Bobbycar-Rennen gehen muss. 

Was natürlich ein besonderer Vorteil war, der angenehm im Gedächtnis bleibt: Mein Geburtstag fiel so gut wie immer in die Ferienzeit. Ich glaube, während meiner ganzen Schulzeit verbrachte ich nur einen oder zwei Geburtstage im Klassenzimmer, und das war dadurch auch schon fast etwas Besonderes; so konnte ich auch einmal meine Mitschülerinnen und Mitschüler mit Gebäck erfreuen und wurde von besonders freundlichen Lehrern von der Hausaufgabenpflicht für diesen Tag entbunden. Ansonsten genoss ich Jahr für Jahr die unbeschwerte Sommerferien­zeit ohne Pflichten und mit schönem Wetter – und all das sind Gefühle, die für immer mit dem Geburtstag verbunden bleiben. 

Mehr als die klassische Ferienzeit

Über die Jahre wandelt sich so manches, für mich allerdings nie die Freude am Sommer, der Helligkeit, der freudigen Erwartung des Augusts. Noch immer ist es nicht nur eine reine «Ferienzeit» für mich, sondern die Wochen des intensiven Wahrnehmens, des Wachsens. Eine Zeit, in der ich mich besonders gern an Orten aufhalte, die mich inspirieren, an denen ich Neuem begegne, die zu einem Zuhause werden könnten. In den vergangenen Jahren ist Skandinavien genau das für mich geworden. Schweden im Speziellen, doch wirklich entscheiden mag ich mich nicht, denn auch Norwegen und Dänemark haben ihre eigene Faszination. Gerade dort finde ich die besondere Magie, die die Jahreszeit für mich ausmacht. Nicht laut und aufdringlich mit Hitze an Stränden und vollen Poolanlagen, sondern in der zufriedenen Wertschätzung von Dingen, die das Leben und besonders die Natur einem schenken. 

In Ländern, in denen es in weiten Teilen des Jahres eher dunkler ist, kehrt beinahe automatisch ein anderes Lebensgefühl ein, wenn das Licht plötzlich allgegenwärtig ist – so präsent, dass es nachts teilweise kaum mehr dunkel wird. Dieser nicht endende Schimmer am Nachthimmel, ein Zauber, dem man sich kaum entziehen kann und der sich umgehend überträgt. 

Man kostet die Zeit anders aus, verbringt so viel wie möglich von ihr in der Natur, die reichlich und in atemberaubendem Ausmass vorhanden ist. Ob in Parks, an den Stadträndern oder auf den Schären, die Uhren ticken eine Weile etwas anders. Gut, über die Badetemperatur des jeweils angrenzenden Meeres lässt sich streiten, doch ich habe gelernt, dass das Wärmeempfinden sowieso etwas anders ausgeprägt ist. Während ich beim ersten Schweden-Besuch vor einigen Jahren noch in dünner Jacke durch die Stadt spazierte und mir durchaus ein Halstuch herbeiwünschte, sah ich Frauen im Bikini auf der Wiese liegen, die ein ausgiebiges Sonnenbad genossen. Auch die Abende mögen zunächst etwas frisch erscheinen, doch was macht das schon – auch mit einer Decke lässt es sich bestens draussen sitzen und das meiste aus der Zeit herausholen.

Neue Perspektiven

Auch das gehört zu den Dingen, die mich für Skandinavien einnehmen: Es braucht gar nicht viel, um etwas zu geniessen; man nimmt sich das Beste von dem, was sowieso da ist, und zelebriert es. Es ist eine Lebenshaltung, nicht immer nach dem zu suchen, was fehlt, sondern sich auch banal wirkende Situationen ein wenig schöner zu machen. Das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug wird ernst genommen: Ab Midsommar Ende Juni bis in den August hinein ist die Erwartung an das öffentliche Leben gering. Man ist nicht erreichbar, Geschäfte können vor allem in Städten ein paar Wochen schliessen, ebenso Restaurants. Gerade kleinere Betriebe schrauben ihre Abläufe auf ein Minimum herunter – Pause vor Profit. 

Schon allein der Gedanke, dass das möglich ist, löst etwas in mir aus und lässt mich Dinge wieder aus einer neuen Perspektive betrachten. Inzwischen könnte ich unzählige weitere Aspekte nennen, bei denen mich die nordischen Länder mit einem Lebensgefühl versorgen, auf das ich, offenbar ohne es zu wissen, immer gewartet hatte; und das nicht nur im Sommer.

Mein Geburtstag steht noch bevor, in Schweden war ich bereits vor wenigen Wochen. Doch ein weiterer Lieblingsort wartet bereits auf mich, der ein neues Puzzleteil zu meinen persönlichen Sommererinnerungen beitragen wird.


Ihre Meinung interessiert uns!


Verwandte Artikel


Noma Din, der Abendstern im lauen Mittsommerwind des Abendlandes und die Wasser der Seele

Magischer Realismus • Ich liege am See und blicke hinaus auf die See, sehe diesen Fleck am Horizont, der mehr und mehr zum Bug eines grossen Segelschiffes wird. Von diesem Moment an ist alles anders. 

Unterwegs sein

Niederlande • Ferienzeit heisst Bewegungsfreiheit. Reisen, unterwegs zu sein, bringt uns in eine Art Urzustand. Ein Reisebericht und eine Liebeserklärung an ein Land mit Widersprüchen.

Gemacht, um süchtig zu machen

Handysucht • Susanna Hofmann ist Mutter eines Dreizehnjährigen, der selbst – und durch die Unterstützung der Eltern – erkannt hat, dass er handy- und gamesüchtig ist. Bis es so weit kam, vergingen viele Stunden des Leids für Mutter und Kind.

Unterwegs sein

Niederlande • Ferienzeit heisst Bewegungsfreiheit. Reisen, unterwegs zu sein, bringt uns in eine Art Urzustand. Ein Reisebericht und eine Liebeserklärung an ein Land mit Widersprüchen.
| Adrian Hauser | Gesellschaft

Anzeige