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Unterwegs sein

Niederlande • Ferienzeit heisst Bewegungsfreiheit. Reisen, unterwegs zu sein, bringt uns in eine Art Urzustand. Ein Reisebericht und eine Liebeserklärung an ein Land mit Widersprüchen.

| Adrian Hauser | Gesellschaft
Die Dünen im niederländischen Hellevoetsluis. (Bild: Adrian Hauser)

Die Ferien beginnen mit dem Unterwegssein. Sobald ich im vollbepackten Auto sitze und meine Wohnung, meinen Wohnort und meinen Kanton hinter mir lasse, kommt Ferienstimmung auf. Unterwegs zu sein, ist für mich eines der schönsten Gefühle. Es bringt mich zum Reflektieren. In Gedanken durchlebe ich vergangene Situationen nochmals, manchmal kommen Selbstzweifel auf, aber auch Freude über Erfolge und Stolz über gemeisterte schwierige Situationen. Unterwegssein hat etwas Metaphorisches, ja Philosophisches. Ist es nicht der Dauerzustand des Menschseins? Kaum wird man in diese Welt ­hineingeworfen, ist man unterwegs, und man bleibt unterwegs. Leider haben wir das Bewusstsein und die Freude am Unterwegssein weitgehend verloren. Denn viele wollen nicht unterwegs sein, sondern ankommen, etwas erreichen und sich über das Erreichte freuen. Dabei müssten wir uns freuen, ständig in Bewegung sein zu dürfen, von Erlebnis zu Erlebnis zu hüpfen.

So hänge ich stundenlang meinen Gedanken nach. Freue mich über meine temporäre Freiheit, ausserhalb der Zwänge, Anforderungen und Erwartungen des Alltags. Und währenddessen die Zeit so rasch vorbeifliegt wie meine flüchtigen Gedanken, merke ich, wie sich die Landschaft verändert. Das Land wird weiter, der Boden flacher, der Blick wandert in die Ferne. Je nachdem, welche Route ich wähle, fahre ich durch drei europäische Länder: Frankreich, Luxemburg, Belgien. Oder ich wähle die schnellere Route durch Deutschland, bis ich mein Ziel erreiche. Ein Ziel, das allerdings nur der Startpunkt für weiteres Unterwegssein bilden wird: die Niederlande.

Widersprüche

Ich liebe die Sprache, die Menschen, das Land. Viele kennen Amsterdam und meinen, die Metropole mit der liberalen Cannabispolitik und dem offenen Umgang mit Prostitution stehe für das ganze Land. Doch eines sei hier verraten: Auch in den Niederlanden wächst das Gras nicht auf den Bäumen. Wagt man sich fernab von den ausgetretenen Touristenpfaden, eröffnet sich die wahre Schönheit dieses Landes, das kulturell, architektonisch, landschaftlich und geschichtlich viel zu bieten hat. Am liebsten bewege ich mich in den Küstenregionen, auf dem weitläufigen und spärlich besiedelten Land. Blickt man über die Korn- oder Tulpenfelder, kann man in der Ferne den Horizont sehen. Kein Berg, keine Erhebung blockiert den fliehenden Blick. Die wenigen Erhebungen, die man sieht, sind meistens alte Mühlen. Einige davon sind stillgelegt, wurden in Restaurants, Museen oder Herbergen umfunktioniert. 

Die Niederländer pflegen ihre Geschichte. Sie sind stolz darauf, auch wenn es Widersprüche darin gibt. Der Ort, der diesmal meine Basis für die kommenden drei Wochen sein wird, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nazis besetzt. Der Ort Hellevoetsluis wurde damals zu einem wichtigen Stützpunkt für die Fliegerabwehr. Die Durchfahrt zwischen Hellevoetsluis und der einstigen Insel Goeree war jahrhundertelang eines der vier wichtigsten Seegatte der Niederlande, das heisst der Zufahrten vom Meer zu den Haupthäfen und in die binnenländischen Gewässer. Um den Kriegs- und Handelshafen zu verstärken, wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts für die Admiralität des nahe gelegenen Rotterdam eine Wehranlage errichtet. Die kleine Stadt mit heute rund 40 000 Einwohnern war zur damaligen Zeit der grösste Kriegshafen der Niederlande und behielt eine wichtige Position als Hafenstadt bis ins 19. Jahrhundert. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt Teil des Atlantikwalls. Die Nazis nutzten die Festung und bauten viele Bunker auf den alten Wällen. Diese sind heute immer noch zu sehen. Im Verlaufe des Kriegs wurden grosse Teile der Stadt zerstört, doch rasch wieder aufgebaut. Die Menschen vor Ort scheinen sich mit ihrer Geschichte irgendwie versöhnt zu haben. Freiwillige im Seniorenalter pflegen dieses Erbe in einem kleinen Ortsmuseum. In dessen Umgebung sind noch letzte Ruinen aus der deutschen Besatzungszeit zu sehen. Vielleicht ein Widerspruch, doch Widersprüche prägen hier Land und Leute. 

Wind und Wetter

Gerne spaziere ich auch durch die weitläufigen Dünen. Hier scheint sich das Meer mit dem Land zu vermischen, oder philosophischer: Land und Wasser verheiraten sich zu einem gegensätzlichen Pärchen. Ungefähr die Hälfte des gesamten Landes liegt weniger als einen Meter über dem Meer. Gar ein Viertel des Landes befindet sich unter dem Meeresspiegel. Durch Deiche wurden grosse Teile des Landes dem Meer abgerungen. Eine Meisterleistung des Ingenieurwesens. Auch architektonisch hat das Land viel zu bieten. Der Umgang mit der Architektur hier ist wesentlich spielerischer und mutiger, als wir uns das aus der Schweiz gewohnt sind. Erinnert sei an die knallig gelben Kubus-Häuser des Architekten Piet Blom beim alten Hafen in Rotterdam, die auf einer Ecke zu stehen scheinen. Gewohnte Perspektiven werden hier aufgelöst und auf den Kopf gestellt, das Sehen muss neu erprobt werden. Im «oude haven» von Rotterdam trifft futuristische Baukunst auf die traditionellen Grachtenhäuser. 

Es gäbe noch viel zu berichten. Etwa wie ich den Alltag im Zelt geniesse, die Bodenhaftung, den nahen Kontakt zur Natur, zum Wind, zum wechselhaften und rauen Wetter, das täglich oder gar stündlich umschlagen kann. Wehmütig werde ich, wenn ich alles wieder einpacken muss – von der Campingausrüstung bis zu meinen neu gewonnenen Erinnerungen. Doch die nehme ich mit. Auch dann, wenn ich wieder zu Hause unterwegs bin.


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