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Noma Din, der Abendstern im lauen Mittsommerwind des Abendlandes und die Wasser der Seele

Magischer Realismus • Ich liege am See und blicke hinaus auf die See, sehe diesen Fleck am Horizont, der mehr und mehr zum Bug eines grossen Segelschiffes wird. Von diesem Moment an ist alles anders. 

| Adrian Hauser | Gesellschaft
Die Zeit ist ein Feuer, das frisst, während es wärmt. (Bild: Sonja L. Bauer)

Ich habe mir als kleines Mädchen oft vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich immer mit allen, die ich liebe, zusammen sein könnte. Ich dachte damals allerdings nicht daran, mit meinen Eltern oder den älteren Geschwistern zur Arbeit zu gehen, nein. Ich wollte in Freiheit mit ihnen zusammen sein. So wie die Familien und Völker miteinander lebten, lange vor der Zivilisation. Ich wollte mit ihnen tagsüber vor dem Haus sitzen, spielen, reden, singen, lachen – nötigenfalls auch weinen. Wir würden alles gemeinsam tun, so stellte ich mir das vor. Die wenigen Dinge, die es braucht, um (über-)leben zu können, würden von den Erwachsenen erledigt, und gäbe es nichts mehr zu essen, so zögen wir weiter, wie die Nomaden, die wir alle in der Seele sind. Auf jeden Fall: alle zusammen! Kinder, Eltern, Geschwister. Es gäbe keine Trennung, keinen Schmerz, wir wären stark. Das pure Leben. Kein Wunder, fühlte ich mich früh zur indigenen Lebensform hingezogen, zu den Nomaden, den Fahrenden, so, wie ich sie mir als Kind vorstellte. Den Wind in den Haaren.  Unterwegssein, unentwegt. Kinder sehnen sich viel weniger nach den Annehmlichkeiten der Zivilisation, als dies (gezwungenermassen) ältere Menschen tun. Ich dachte nicht daran, dass die Lebenserwartung kürzer wäre, ohne Spitäler, ohne ausgewogene Ernährung etc. Mein Verlangen galt dem Reisen, der Freiheit, dem Frieden, der Freude und vor allem: dem Zusammensein. Dem Zusammenhalten, ohne Trennung, ohne Tränen, ohne Schmerz. Wahrscheinlich war dies die Sehnsucht nach der ewigen Kindheit, die mich bis heute nie ganz verliess. 

Das gleiche selbstverständliche Sehnen kann ich auch im Verhalten und den Worten meiner kleinen Enkelin erspüren: diesen Urinstinkt nach einer alle einschliessenden Familie, ob blutsverwandt oder nicht – keine Trennung, keine Tränen, kein Schmerz und vor allem: Frieden. 

Die Zeit ist ein Feuer, das frisst, während es wärmt 

In meinen zweiwöchigen Sommer­ferien lag ich an meinem Sehnsuchtsort am See. Dort, wo mich niemand aufzuspüren vermag, wo ich daheim und ganz bei mir bin, ersehnt allein, dem Kindheitsgefühl zum Trotz, an meinem Plätzchen, irgendwo auf der Welt, nahe von hier, nahe von mir – und doch in der Ferne. Ich lag unter den hohen Föhren, der Wind strich leise über meine Haut, und nach und nach liess die Dunkelheit zu, dass die ersten Sterne durch die Äste blitzten. Als es dunkel wurde – ich schlief im Wald –, begab ich mich noch ein letztes Mal an diesem Mittsommertag ins seelengleiche Wasser. Es umfing mich, Hautstreifen um Hautstreifen, streichelte mich und nahm meinen Körper so selbstverständlich in sich auf, wie die Mutter das Kind, das in ihr wächst. Und es war alles so klar und logisch. Ich legte mich rücklings darauf, sah in den Himmel, dessen Lichtverschmutzung an diesem Ort gering ist, und pries die Freiheit, den Frieden, das Satt- und momentane Gesundsein, das immer vorübergehend ist. Ich dachte an oben erwähnte Kindheitsgedanken und daran, dass die Zeit ein Feuer ist, das frisst, während es wärmt. Und ich dachte, während ich unbeweglich auf dem Rücken auf den Milliarden schlummernden Tropfen lag, die zu Wasser ineinandergeflossen waren, wie gut es war, allein zu sein, wenn man nicht einsam ist. Ich fragte mich, ob das Knabbern, das ich an meinem rechten Arm spürte, wohl ein Fisch oder eine Schlange sei und ob das Meer deshalb so salzig sei, weil so viele weinten? Ich wunderte mich darüber, dass so viele Menschen denken, dass Tiere keine Tränen haben und schon gar keinen Humor. Und trotz all dieser schweren Fragen, die mich langsam in die Tiefe zogen, verspürte ich so was wie Glück. 

Fast wäre ich hinabgesunken, wie ein träges, leckes Boot, hätte mich nicht das Geräusch eines nahen Tieres daran erinnert, dass ich im Wasser lag. Das Licht des Abendsterns hatte ihm den Weg zum See gezeigt, und als ich aus dem Wasser stieg, schaute mir eine Wölfin eine lange Weile direkt ins nackte Gesicht – und verschwand. Und wäre mir dieser Ort nicht so vertraut gewesen, so hätte ich Angst bekommen. Nicht vor dem Wolf, nein, sondern vor dem möglichen Erscheinen eines Menschen, dem gefährlichsten Tier der Welt, das nicht der Herde meiner Familie entsprang. 

Die Nacht am See war viel zu heiss, der Spinnen, die sich vom Baum auf meinen Kopf abseilten, waren es viele, die Träume kalt und klamm. Dafür waren die grossen, schwarzen Ameisen, mit denen Naturvölker ihre Wunden klammern, sehr anständig, rannten weg, wenn ich sie nur ansah, und kamen näher, sobald ich mit ihnen sprach. 

Ein Schiff wird kommen

Später am neuen Tag, die Sonne ruhte noch hinter dem Berg, schaute ich, noch geschlagen von schweren Träumen, zum Horizont, oder jedenfalls dorthin, wo dem Blick das Weiterschauen durch die Berge verwehrt ist. Und dann sah ich ihn: den Bug eines riesengrossen Schiffes. Mit geblähten Segeln fuhr es von der weit entfernten gegenüberliegenden Seeseite direkt auf mich zu. Das Wasser wollte vor ihm fliehen, doch wurde es viel zu rasch vom Bug zerschnitten. Mit zischend-schreiendem Entsetzen flogen die gequälten Tropfen ein Stück in den Himmel, bevor sie matt und müde zurück ins grosse Ganze fielen. Das Schiff kam näher und näher, als sähe es das nahe Ufer nicht, blähten sich seine Segel zu Ausrufezeichen einer unwiderruflichen, nahenden Veränderung, derer ich nicht gewachsen war. Und ich wusste: Nun ist alles anders. Mit der Ankunft der Fremden, die mir Krankheit und Verzweiflung bringen würden, auf meinen Kontinent, meinem Stück Erde, meinem Universum. Nun also wird alles anders sein. 

Da half kein Morgenstern, keine Vernunft, kein Wagemut, kein Hurrikan. Da half keine Familie, kein Alleinsein. Kein Denken, kein Fühlen, kein Spüren, kein Wissen, keine Wehr, keine Angst, keine Verzweiflung, kein Hoffen. Nicht einmal Zuversicht oder Freude. «Ein Schiff wird kommen», dachte ich noch, und summte die alte Melodie, bevor meine Welt erobert wurde, Friede und Freiheit in der Zukunft versanken und mit ihnen der Schlag meines Herzens. 

Das Segel vor dem Mond

Ich war sehr froh, als mich endlich irgendetwas im Wasser so stark am Arm anknabberte, dass ich entsetzt aufschrecken konnte, dabei Wasser schluckte, prustete, hustete, fluchte, lachte und floh. Am Ufer war plötzlich alles wieder wunderbar real, und Mutter Fantasie und ihre Töchter Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen flehten mich an, sich für heute endlich zur Ruhe legen zu dürfen. Die einsame Nacht war ähnlich wie die vielen am See zuvor: Die Spinnen seilten sich von der Föhren Ästen ab, der Abendstern winkte durch sie hindurch. Ich freute mich des Lebens, rieb mir den juckenden Arm, konnte lange nicht einschlafen und wünschte mir, Tiere beim Trinken des Mondlichts beobachten zu können. Der Mond war fast voll, glitt laut plappernd von links nach rechts über den See, dem Morgenberghorn entlang und frass unterwegs den letzten Flecken Schnee. Fast schlummerte ich weg, als es plötzlich stockdunkel wurde. Kein Donner, kein Grollen. Kein ersehnter Regen. Ich richtete mich in meiner Hängematte auf – und sah, dass da etwas war, das dem Mond das Licht stahl, der sich dabei fast verschluckte und es ihm nicht mehr gelang, weiterzuwandern: Es war das Tuch eines enormen Segels. Gebläht wie eine alte Plastiktüte im nassen Winterwind. Und da war dieses bekannte Urgeräusch von schreiendem Wasser, zerteilt durch einen messerscharfen Bug. 

Und dann sah ich es, das Schiff am Horizont. Es kam geradewegs auf mich zu. Und ich wusste: Nun wird alles anders sein. Noma Din alias Sonja L. Bauer

Haben Sie herausgefunden, wofür der Name Noma Din steht? Falls nicht, setzen Sie Vor- und Nach­namen einfach zusammen.


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