«Armut kann uns alle treffen»
Interview • Armut ist entgegen dem gesellschaftlichen Stigma nie selbstverschuldet. Caritas Bern unterstützt Menschen, die von Armut betroffen sind, mit einem breitgefächerten Angebot. Co-Geschäftsleiterin Silja Wenk erklärt, welche Gesichter Armut haben und was man dagegen tun kann.

Frau Wenk, wie hat sich die finanzielle Situation von Haushalten mit tiefen und mittleren Einkommen in den vergangenen Jahren entwickelt?
In der Schweiz sind 8,4 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen. Fast genauso viele Menschen leben knapp über der Armutsgrenze. Die Zahl der armutsgefährdeten Menschen, also jenen, die betroffen sind plus jenen, die knapp über der Armutsgrenze leben, hat seit 2014 zugenommen, heute sind es 16,4 Prozent der Bevölkerung.
Was hat zu dieser Zunahme von Menschen, die von Armut betroffen sind, geführt?
Es gibt vielfältige Ursachen für Armut. Zum einen sind individuelle Risiken wie ein fehlender Bildungsabschluss oder Gesundheitsprobleme ausschlaggebend. Zum anderen spielen strukturelle Herausforderungen eine Rolle, also etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder fehlender bezahlbarer Wohnraum. Die steigenden Preise erschweren die Situation für armutsgefährdete oder von Armut betroffene Menschen. Persönliche Schicksalsschläge wie eine Krankheit oder Scheidung können ebenfalls zu Armut führen. Armut kann also uns alle treffen.
Wann gilt eine Person oder ein Haushalt überhaupt als arm?
Die Armutsgrenze wird von den Richtlinien der Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) abgeleitet. Eine Einzel-person gilt als arm, wenn sie nicht mehr als 2388 Franken im Monat zur Verfügung hat, eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern, wenn sie maximal 4159 Franken hat, um den Monats-unterhalt zu bestreiten. Von diesem Geld müssen auch der tägliche Bedarf wie etwa Hygieneartikel, öV-Tickets sowie die Wohnkosten bezahlt werden.
Welche unterschiedlichen Formen von Armut gibt es?
In unserer täglichen Arbeit begegnen wir verschiedenen Schicksalen und somit Formen von Armut. Kinder, die in Armut aufwachsen. Familien mit einer Fluchtgeschichte. Menschen, die im Alter zu wenig zum Leben haben. Oder sogenannte «Working Poor», also Personen, die zwar erwerbstätig sind, für die der Lohn aber trotzdem nicht zum Leben reicht. Dazu gehören zum Beispiel oft alleinerziehende Mütter.
Welche Folgen hat Armut für betroffene Menschen?
Armut schliesst aus. Man hat zum Beispiel zu wenig Geld, um mit Freunden einen Kaffee trinken zu gehen. Dies kann zu Einsamkeit führen, was sich wiederum auf die psychische Gesundheit auswirkt. In unserem jüngsten Magazin «Caritas regional» haben wir uns dem Thema gewidmet. Wir setzen uns bei Caritas Bern stark für soziale Teilhabe ein, um beispielsweise Einsamkeit zu lindern.
Wie wirkt sich Armut von Eltern auf die Zukunftsaussichten ihrer Kinder aus?
Kinder aus armutsbetroffenen Familien haben andere Voraussetzungen. Frühkindliche Förderung, die wichtig ist, liegt nicht drin. Die Bildungschancen sind geringer und somit auch die Aussichten auf eine eigene erfolgreiche Berufsbiografie und später ein höheres Einkommen. Armutsbetroffene Kinder können keinen teuren Hobbys nachgehen, auch wenn diese vielleicht ihren Fähigkeiten entsprechen würden.
Was können betroffene Personen gegen Armut tun? Gibt es Wege daraus?
Die Frage ist, was der Staat und die Zivilgesellschaft tun können. Wie zuvor erläutert, resultiert Armut nicht selten aus schlechteren Voraussetzungen im Leben oder Schicksalsschlägen. Es braucht strukturelle Anpassungen, wie etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder bezahlbaren Wohnraum. Armut lässt sich nicht allein überwinden, und wir sind der Überzeugung, dieser Herausforderung sollte sich niemand allein stellen müssen. Deshalb engagiert sich Caritas Bern mit unterstützenden Angeboten, welche die Menschen befähigen, ihre individuellen Ressourcen voll auszuschöpfen. Als nicht betroffene Person kann man ebenfalls einen Beitrag leisten, etwa indem man sich freiwillig engagiert.
Welchen gesellschaftlichen Stigmata sind von Armut betroffene Menschen ausgesetzt?
Dass Armut selbstverschuldet sei, ist ein gängiges Vorurteil. Dabei ist es für viele Betroffene extrem schwierig, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Denn Armut ist auch mit Scham behaftet.
Wie unterstützt Caritas Bern von Armut betroffene Menschen?
Wir haben viele unterschiedliche Angebote. In unseren drei Caritas-Märkten in Bern, Thun und Biel bieten wir Armutsbetroffenen nicht nur Artikel des täglichen Bedarfs und gesunde Lebensmittel zu tieferen Preisen, die Märkte sind mit ihren Kaffee-ecken auch wichtige Begegnungsorte. Wer in unserem Secondhand «carla by Caritas» einkauft, weil das Budget schmal ist, fühlt sich nicht ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil: Die diverse Kundschaft – Touristinnen und Touristen, umweltbewusste sowie armutsbetroffene Menschen finden den Weg in den Laden – zeichnet «carla» aus und ermöglicht soziale Teilhabe. Mit der KulturLegi bieten wir zudem Familien und Personen mit wenig Geld günstigeren Zugang zu Kultur, Sport, Bildung und Gesundheit. Beim Projekt «mit mir» verbringen freiwillige Patinnen und Paten ein- bis zweimal im Monat Zeit mit Kindern aus Familien mit kleinem Budget und entlasten so die Eltern. Ein weiteres niederschwelliges Angebot ist «Wandern & Deutsch». Dieses ermöglicht den Austausch zwischen der lokalen und zugezogenen Bevölkerung. Monatliche Halbtages-Wanderungen ermutigen Teilnehmende zu eigenen Aktivitäten und helfen, Neues zu entdecken, Freundschaften zu schliessen und Deutschkenntnisse zu verbessern. «youngCaritas» wiederum hat verschiedene Projekte, in denen sich junge Freiwillige engagieren. So verbringen sie etwa Zeit mit Menschen, die von Demenz betroffen sind, oder kochen, wie beim neusten Projekt, gemeinsam mit Asylsuchenden. In unseren «DigiTreffs» lernen Teilnehmende den sicheren Umgang mit digitalen Geräten und Anwendungen für Alltag und Beruf. Der «SchreibTreff» unterstützt beim Lesen und Schreiben von Texten, Bewerbungen, Formularen, Briefen oder Telefongesprächen. Beide Angebote fördern Selbstständigkeit und Chancengleichheit. Mit unserem Dolmetschdienst «Comprendi» unterstützen wir Personen in der interkulturellen Kommunikation – etwa bei Eltern-gesprächen in der Schule. Zudem begleitet Caritas Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, und entschädigt diese finanziell.
Was müsste sich bei der Armutspolitik verändern, um die Situation zu verbessern?
Wie bereits erwähnt, müsste die Politik zuerst anerkennen, dass Armut stark von systemischen Faktoren abhängt und nicht einfach selbstverschuldet und allein bewältigbar ist. Darüber hinaus gibt es Lücken bei Sozialversicherungen und der Sozialhilfe, die geschlossen werden müssten. In mehreren Kantonen wurden Ergänzungsleistungen für Familien eingeführt, die sich sehr bewähren.
Welche Defizite gibt es in Ihren Augen bei der Sozialhilfe?
Der Grundbedarf der Sozialhilfe im Kanton Bern gehört zu den tiefsten der Schweiz. Er gleicht die Teuerung nicht aus und ist im Vergleich zu den Empfehlungen der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) sowie anderen Kantonen deutlich zu tief bemessen.
Warum gibt es Armut in einem reichen Land wie der Schweiz überhaupt? Was läuft falsch?
In der Schweiz sind die Kosten deutlich höher als im vergleichbaren Ausland. Gerade Wohn- und Krankenkassenkosten sind in den letzten Jahren überproportional gestiegen; dies betrifft ein kleines Einkommen mit wenig Spielraum deutlich stärker. Die reiche Schweiz sollte sich auch ein gut ausgebautes Sozialsystem leisten können, das niemanden durch die Maschen fallen lässt.
Was ist betreffend Armut speziell am Kanton und der Region Bern?
Die Armut zeigt sich auch hier in allen Schichten und Milieus, in jedem Alter, sie kann alle treffen. Armut ist oft auch unsichtbar. Statistisch gesehen sitzen in jeder Schulklasse vier bis fünf Kinder, die von Armut betroffen oder bedroht sind.
Was versteht man unter mehrdimensionalen Armutskonzepten?
Menschen, die von Armut betroffen sind, verfügen nicht nur über zu wenig finanzielle Mittel, sondern sind auch in anderen Lebensbereichen eingeschränkt. Um diese unterschiedlichen Einschränkungen sichtbar zu machen, werden in der Forschung mehrdimensionale Konzepte von Armut herangezogen. Der «Capability Approach» (deutsch: Befähigungsansatz oder Verwirklichungschancenansatz) ist weltweit eines der am meisten verwendeten Armutskonzepte. Dabei geht es darum, dass sich die Verwirklichungschancen eines Menschen aus dem Zusammenspiel von individuellen Potenzialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ergeben.
Was muss geschehen, um Risikofaktoren für Armut zu vermindern?
Armut ist mehrdimensional, ebenso die Gründe dafür. Die Rahmenbedingungen müssen sich in Bezug auf alle Risikofaktoren verbessern: frühe Förderung, Bildungschancen, Ausbildung, prekäre Erwerbssituationen, allein-erziehende Familien, Sprachförderung, Integration, Altersvorsorge, Sensibilisierung für Finanzthemen zur Schuldenprävention. Gerade Übergänge in der Biografie sind oft risikobehaftet, wie beispielsweise der Übertritt von der Schule ins Berufsleben oder der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Hier könnte überall deutlich mehr gemacht werden.






