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Die Dienstpläne den Menschen anpassen – nicht umgekehrt!

Pflegefachfrau HF • Annina Bosshard arbeitet als diplomierte Pflegefachfrau HF und ist zudem Co-Präsidentin von «Swiss Nursing Students» (SNS). Im Rahmen des SNS setzt sie sich für gute Arbeitsbedingungen für Pflegende und die Zukunft der Pflegeberufe ein. Bosshard setzt sich vor allem für die jungen Berufspersonen ein. Auf ihrem Instagram-Kanal äussert sich die engagierte 29-Jährige regelmässig zum Thema (annina_bosshard).

| Sonja Laurèle Bauer | Gesellschaft
Annina Bosshard. (Bild: zvg)

Frau Bosshard, sind die Bedingungen in der Pflege heute so, wie sie sein sollten?

Annina Bosshard: Leider nein, die vielen jungen Menschen, die nach ihrer Ausbildung wieder aus dem Beruf aussteigen, zeichnen ein anderes Bild.
Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (obsan; www.obsan.admin.ch/de) stellte in seiner jüngsten Studie zum Nachwuchsbedarf fest, dass die aktuelle Ausbildungstätigkeit in der Schweiz bis 2033 je nach Szenario nur etwa 40 bis 55 Prozent des tatsächlichen Nachwuchsbedarfs beim Pflegefachpersonal decken kann. Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) bezeichnete die Zahlen als alarmierend und betonte, dass sich der Pflegenotstand massiv verschärft. 

Warum?

Weil die Ausbildung allein nicht genügt. Obwohl die im Rahmen der Pflege-initiative gestartete Ausbildungsoffensive greift, reicht sie bei Weitem nicht aus, wenn die Arbeitsbedingungen nicht gleichzeitig verbessert werden. Es gilt, Pflegende im Beruf zu halten. Die Studie zeigt, dass die Burnout- und Erschöpfungsraten nach wie vor besorgniserregend hoch sind.

Sie plädieren also für eine dringende Umsetzung der eidgenössischen -Volksinitiative «Für eine starke Pflege (Pflegeinitiative)», die bereits vor fünf Jahren von Volk und Ständen angenommen wurde? 

Ja, der SBK und natürlich auch wir mit dem SNS fordern die rasche, vollständige und lückenlose Umsetzung der zweiten Etappe der Pflegeinitiative (Etappe 2 zu den Arbeitsbedingungen), die sich aktuell im Parlament befindet. Konkret geht es in diesem Paket um verlässliche Dienstpläne, eine faire Abgeltung von unregelmässigen Diensten sowie eine bedarfsgerechte Personalausstattung. 

Neben dem Gehalt liegt das grösste Problem wohl im Teufelskreis der Dienstplan-Organisation, oder?

Ja, im Zusammenhang mit der Teil-Umsetzung der Pflegeinitiative in der Frühlingssession müssen Arbeitgeber den Mitarbeitenden den Dienstplan mindestens zwei Wochen im Voraus aushändigen. Der Nationalrat hat in der Frühlingssession festgelegt, dass die Dienstpläne «gütiger Weise» neu mindestens vier Wochen im Voraus festgelegt werden müssen. Das ist jedoch noch nicht definitiv. In der Herbstsession wird die Umsetzung der zweiten Etappe der Pflegeinitiative im Ständerat beraten. Danach kann es gut sein, dass das Ganze erneut zwischen Nationalrat und Ständerat hin und her geht. Die Politik hat ja Zeit … – Doch selbst vier Wochen sind immer noch viel zu kurz. Wie soll man so eine Freizeitplanung oder Familienplanung machen können, einen Urlaub buchen oder mit dem Partner die Freizeit gestalten? Wie sollen Pflegefachpersonen Beruf und Familie vereinbaren? Das führt oft zu Unzufriedenheit und so springen viele gut ausgebildete Pflegefachpersonen ab. 

Es ist ein Teufelskreis, oder? Oft arbeiten Pflegefachpersonen mehr als fünf, sechs Tage am Stück, weil das Personal fehlt, und haben dann nicht selten nach sieben, acht Tagen nur einen Tag am Stück frei. Das hält niemand jahrelang durch – und dann fehlt noch mehr Pflegepersonal …?

Auch mir ging es so. Eine Weile arbeitete ich 100 Stellenprozente. Bis ich realisierte, dass ich nicht weiterarbeiten kann, wenn ich selbst krank werde. Ich sah, wie wertvoll meine Gesundheit ist und dass sie mit nichts zu bezahlen ist. So wechselte ich auf 80 Stellenprozente, was in diesem Beruf immer noch viel ist. 

Wie ist es mit dem Einspringen, wenn jemand ausfällt?

Das ist ein Dilemma. Eine aussenstehende Person kann schon sagen: «Sag doch einfach Nein.» Doch so einfach ist es nicht. Denn wenn zum Beispiel jemand krankheitshalber ausfällt und niemand einspringen kann, ist der Dienst für jene, die an diesem Tag arbeiten, noch strenger. Man geht so gesundheitliche Risiken ein, die zu körperlicher und psychischer Erschöpfung führen können. Die Auswirkungen sind noch bis zu zwei Schichten danach spürbar. Also gute 24 Stunden später noch!

Aber nicht allein für die Pflegenden?

Nein, in Folge natürlich auch für die Patienten. Aber eben auch für die Arbeitskolleginnen und -kollegen. Das geht auf deren Gesundheit. Man kann also nicht «einfach Nein sagen», wenn man das bedenkt. Manchmal möchte man aber einfach wirklich frei haben: Haushalten, Familie geniessen, sich erholen, für den Partner Zeit haben. Sagt man dann doch Nein, so begleitet einen den ganzen Tag über ein fades, flaues Gefühl, die Kolleginnen und Kollegen im Stich gelassen zu haben. Heute springe ich nur noch ein, wenn ich nichts Wesentliches verschieben muss. 

Haben Sie dann ein schlechtes Gewissen?

Wenn man es genau nimmt, so wird man zur Täterin, wenn man stets einspringt. Denn dann unterstützt man das System, das einen ausbeutet. Tut man es nicht, leiden die Kolleginnen und Kollegen. Tue ich es, geht es auf meine Gesundheit. Das sind viele Dilemmata, die einen belasten! Denn dann ist frei haben eben doch nicht frei fühlen. Ob ich jetzt einspringe oder nicht. 

Können Sie die Überzeit denn überhaupt kompensieren?

Es gibt Tage, da hat man nicht mal Zeit, auf die Toilette zu gehen – obwohl: Wenn man vorher aus Zeitmangel nicht zum Trinken kam, muss man auch nicht. Man merkt es erst, wenn man Kopfweh hat … 

Sie haben einen Job, in dem man nicht sagen kann, was ich heute nicht schaffe, erledige ich morgen.

Wir arbeiten mit Menschen. Was ist, wenn Patientinnen und Patienten ihre Medikamente nicht erhalten? Wenn eine wichtige Überwachung, zum Beispiel nach einer OP, nicht durchgeführt werden kann, weil Personal fehlt? Ich habe das alles mehrfach erlebt. Aus diesen Gründen habe ich schon Arbeiten erledigt, die ich nicht hätte erledigen müssen. Bettwäsche holen, für andere Zimmer schauen. Man kann die Patienten nicht allein lassen. Diese Zeit fehlt dann überall. 

Und zusätzlich bilden Sie noch Lernende aus?

Ja. Die Lernenden hätten das Recht, dass man Zeit für sie hat. Ich hatte kürzlich eine Lernende bei mir. Doch ich rannte fast die ganze Zeit von einem Zimmer ins andere und hatte keine Möglichkeit, ihr wichtige Dinge zu erklären. Das gibt eine beidseitige Unzufriedenheit, wieder ein Teufelskreis. Ich habe mich danach bei ihr entschuldigt, sie verstand es, sie sah ja, wie es zu und her ging. Klar, in einem Akutspital ist sowieso nichts planbar … Trotzdem kann das nicht sein. 

Welche Möglichkeiten gäbe es, um den Beruf attraktiver zu machen? Respektive die Pflegenden im Beruf zu halten?

Man müsste schauen, dass man das Gesamtpersonal besser aufteilt. Dass alle Stationen voll ausgelastet sind. Dass man junge Menschen gewinnt, die bleiben – eben, weil die Forderungen der Pflegenden berücksichtigt werden. Werden Lernende gut begleitet, bleiben sie. Man muss den Pflegefachpersonen Coaching anbieten, regelmässige Gespräche usw. Die Patientenzahl reduzieren. Wenn man das verspielt, sind die Mitarbeitenden weg. Und: Man muss die Dienstpläne den Menschen anpassen – nicht die Menschen den Dienstplänen! 

Sind die Spitäler und Heime stets unterbesetzt?

Da liegt auch noch ein Problem: In Zeiten, in denen nur wenig Betten besetzt sind, was eher selten vorkommt, braucht es weniger Personal. Es wird gewünscht, dass wir dann spontan frei nehmen und unsere Überzeit abbauen. Nicht dann, wenn wir es wünschen. Es ist auch schwierig, in anderen Abteilungen zu arbeiten, wenn man diese nicht kennt. 

Können Sie das erklären?

Man könnte es so sagen: Sie lassen auch keinen Landschaftsarchitekten den Innenraum dekorieren, oder? Wenn zum Beispiel jemand in der Gynäkologie tätig ist, so weiss sie nicht zwingend Bescheid, wie sie eine Orthopädie-Patientin pflegen muss. Im Laufe der Jahre spezialisiert man sich. Hat Erfahrung, die unbezahlbar ist. Es kann sogar gefährlich sein, das Personal hin- und herzuschieben. Sehen Sie: Wenn jemand zum Beispiel eine grosse Bauchnaht hat, muss er bauchschonend aufsitzen, darf auf der Toilette nicht pressen, damit nichts platzen kann, usw. Kommt jemand von einer anderen Abteilung, denkt er vielleicht im Stress nicht daran. So kann es geschehen, dass es dem Patienten viel mehr Schmerzen verursacht. 

Wie viele Stunden hat Ihre Woche?

Wir haben die Höchstarbeitszeit. Klar, auch viele andere Berufe haben prekäre Rahmenbedingungen. Doch meistens eine Höchstarbeitszeit von 42 Stunden. Wir haben eine 50-Stunden-Woche. So plant man bei der Personalaufteilung. Darauf kommt noch die Überzeit. Deshalb ist die Zahl der aus dem Beruf Aussteigenden so hoch. Und wenn man, um nicht krank zu werden, auf 80 Stellenprozente reduziert, dann hat man mit der Altersvorsorge ein Problem! 

Sie haben also die Wahl, ob … 

Etwas zynisch ausgedrückt: … ob ich gesund bleibe, dafür später in die Altersarmut falle, weil ich weniger Pensionskassenbeiträge usw. einbezahlen kann. Oder gar nicht erst alt werde, weil ich erschöpft bin und krank werde … Wir turnen durch das Schichtsystem. 

Dabei ist jemand mit viel Berufserfahrung fast unverzichtbar, oder?

Berufserfahrung kommt, eben, durch Erfahrung. Die kann man sich nicht aufkleben wie ein Pflaster, auch nicht kaufen. Wir erleben viel Schönes, aber auch weniger Schönes … Benötigen eine gewisse Resilienz. Unser Beruf birgt eine immense Verantwortung. Nun ist eine neue Generation am Start, die nicht mehr alles schlucken will! Trotz des moralischen Drucks erkämpfen wir für uns alle bessere Bedingungen. Denn zurzeit ist die Situation noch bitter und unbefriedigend. Ich frage mich: Wie wird unsere -berufliche -Zukunft werden, wenn Pflegende stets nur am Rennen sind?

 

Swiss Nursing Students (SNS) ist der nationale Verband der Pflegestudierenden der Schweiz. Mit seinen über 3000 Mitgliedern ist er die grösste Organisation innerhalb des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. Er vertritt die Anliegen der Pflegestudierenden und setzt sich für gute Studien- und Arbeitsbedingungen ein. Der SNS bietet eine Austauschplattform mit Pflegestudierenden aus der ganzen Schweiz an.

Instagramm-Kanal: annina_bosshard

www.swissnursingstudents.ch


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