Livemusik als musikalische Bildung und regionale Kulturarbeit
Oberhofen/Thun • Georgios Balatsinos aus Athen und Korfu ist ein weltweit bekannter Violinist und Dirigent. Einmal mehr hält er sich im Ausland auf, um an internationalen Konzerthäusern zu dirigieren. So zum Beispiel als Chefdirigent der Sinfonica Abruzzese, Italien. Ist der Familienvater daheim in Oberhofen, arbeitet er in der Musikschule Region Thun als Geigenlehrer. In «seinem» Jugend-Sinfonieorchester «Arabesque» spielen Jugendliche aus der Region.

Dass sie ihn schätzen, vielleicht sogar verehren, ist offensichtlich: Bevor die jungen Musikerinnen und Musiker – alle zwischen 15 und 23 Jahren jung – des Jugend-Sinfonieorchesters Arabesque der Musikschule Region Thun zur Probe auf die Bühne kommen, gehen sie kurz an seinem Dirigentenpult vorbei, lachen ihm zu oder grüssen ihn von Weitem schon. Georgios Balatsinos lacht viel, nimmt sie ernst – während ein leichter Schalk zwischen seinen Gesichtszügen mit dem Augenblick Verstecken spielt. Sie mögen ihn, er mag sie. So einfach.
Contenance und Authentizität
Der charismatische Musiker, Dirigent und Familienvater aus Griechenland und Oberhofen scheint aus der eher ernsten Kollegschaft der klassischen Musikszene herauszuleuchten, ohne jemals die Contenance zu verlieren. «Mein Manager sagt mir manchmal, ich solle ernster sein. Doch dann wäre ich nicht authentisch.» Sein Können beweisen muss der international bekannte Künstler längst nicht mehr, der seit vergangenem Jahr auch Chefdirigent der Sinfonica Abruzzese ist.
Der Dirigent und sein Orchester
Im Juni spielten die Jugendlichen des Sinfonieorchesters Arabesque gemeinsam mit einer Big Band aus Spiez und Umgebung im Kultur- und Kongresszentrum Thun (KKT), im Lötschbergsaal in Spiez und im Kirchgemeindehaus in Matten. Das starke Projekt «The Good Life – Tribute to Frank Sinatra» war bis anhin einzigartig in der Region, die orchestrale Klangfülle enorm. Ein grosses und breites Publikum erlebte drei fantastische Konzerte: einerseits mit der, im Wortsinn, eingespielten «Groove Connection Big Band» und andererseits mit den Jugendlichen von «Arabesque». Die Musik der Streicherinnen und Streicher, bestehend aus den begabtesten Violinistinnen und Violinisten, Cellisten und Bratschistinnen der Musikschule Region Thun, kontrastierte mit den lauten Klängen der eingespielten Band, deren Töne vor allem durch Blechbläser «wie ein Güterzug» – so nannte es der für das Projekt engagierte Heimberger Sänger Daniel Spychiger, dessen warme und samtene Stimme betörte – von der Bühne hinab durch den Raum fegten, während die Melodien des Sinfonieorchesters den feinen, wenn auch kontinuierlich starken Wind eines lauen Sommerabends, der diesen Schienen entlang weht, zu symbolisieren schienen.
Orchestraler Glanz
Das Zusammenspiel der beiden Musikrichtungen liess Bilder entstehen: schimmernde Streicher, eine swingende Big Band, eine Stimme mit Charisma. Die grossen Sinatra-Produktionen der 1950er-Jahre gehören bis heute zu den elegantesten Momenten der Unterhaltungsmusik. «Wenn satte Bläsersätze auf warme Streicherflächen treffen und der Groove der Rhythmusgruppe den Saal trägt, entsteht jener orchestrale Glanz, der Songs wie ‹Come Fly With Me›, ‹Night and Day›, ‹New York, New York› oder ‹My Way› unsterblich gemacht hat», so Sandro Häsler, der mit Balatsinos die Leitung für das generationenübergreifende Projekt innehatte, das musikalische Präzision mit spürbarer Spielfreude verband: «Es wird nicht das letzte Projekt dieser Art sein», so Balatsinos, der mit seiner Frau, einer ehemaligen Primaballerina, in Oberhofen lebt.
Warum Livemusik unersetzbar ist
Georgios Balatsinos ist ein musikalischer Brückenbauer. Denn welcher klassische Dirigent lässt sich darauf ein, ein Projekt mit einer Big Band zu starten? Doch Balatsinos ist kein «gewöhnlicher» Dirigent. Die Reaktion des Publikums bestätigt sein ehrliches Charisma, das, gemischt mit Können und dem Zusammenführen verschiedener musikalischer Traditionen, Türen öffnet und die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer erobert und bestimmt auch emotional-intellektuelle Horizonte erweitert.
Da sind so viele spannende Aspekte in seiner Arbeit. Wie eben das Spielen von Livemusik als vielleicht eines der letzten analogen Erlebnisse in einer Zeit, in der Musik überall digital verfügbar ist. «The Good Life» bewies, was nur live entstehen kann: Trotz des Risikos des Neuen entstand eine starke gemeinsame Energie durch diese engagierte gemeinsame Präsenz und Spielfreude, durch die Interaktion der Musikerinnen und Musiker untereinander und mit dem Publikum.
«Das kann keine KI!»
Doch Georgios Balatsinos ist nicht allein Dirigent, er ist auch mit Leib und Seele Geigenlehrer. «Die Arbeit an einer Musikschule ist nicht nur Unterricht, sondern kann Nährboden für zukünftige musikalische Biografien sein. Sehr oft befeuern solche Erlebnisse Musikerbiografien.» Sie brächten Ensembles hervor, Netzwerke würden geschaffen. Und eben auch Kulturprojekte wie jenes von «The Good Life». «Was im Einzelunterricht beginnt, wird in solchen Konzerten als gemeinsames kulturelles Erlebnis sichtbar.»
Balatsinos’ Philosophie ist einfach, aber eindeutig: «Wenn eine Möglichkeit für eine Zusammenarbeit besteht, so muss man sie nutzen. Durch gemeinsame (musikalische) Erlebnisse und Projekte lernt man, andere zu erspüren, sie zu verstehen. So wird Verbindung geschaffen.» Gerade trotz des technologischen Fortschritts sei das Zusammenkommen von Menschen unersetzbar. «Sie können lernen, welche Wege und Schritte es braucht, um gemeinsam zu harmonieren. Das ist unersetzbar. Das kann keine KI schaffen. Ohne die gemeinsamen Erlebnisse und das gemeinsame Wachstum wird es auf der Welt nicht gehen.»
Jeder Mensch ist musikalisch
Georgios Balatsinos wurde in Athen geboren. Als er fünf Jahre alt war, ging die Familie nach Korfu. «Die Korfioten haben eine grosse Musiktradition», so der bekannte Musiker. Denn Balatsinos ist weit über Griechenland und die Schweiz hinaus berühmt und wird mehr und mehr von grossen Konzerthäusern engagiert. Schon ab sechs Jahren spielte er Saxofon, Klarinette, Corno und Schlagzeug. Später entschied es sich für die Violine. Sein Vater habe Gitarre gespielt, doch nicht beruflich; «doch das heisst nichts, jeder Mensch ist musikalisch!» Wer die Möglichkeit habe, sich mit Musik zu beschäftigen, könne Musikalität entwickeln. Das Argument «ich bin nicht musikalisch» könne man nicht gelten lassen. «Jedes Kind ist doch interessiert an Musik.» So seine langjährige Erfahrung.
Er lerne auch von den beiden eigenen Kindern. «Kinder kommen rein auf die Welt. Das Meiste, das geschieht, haben die Eltern in der Hand. Die Kinder machen es nach. Wir tragen eine grosse Verantwortung.»
Es liegt an der Führung
Wie aber kommts, dass Balatsinos «seine» Jugendlichen musikalisch so weit bringt? Die Antwort kommt überzeugt: «Das liegt daran, wie man führt. Man muss nicht immer nur aktiv sein oder dominieren. Man muss neutral führen, neutral dirigieren, sehen, wie die verschiedenen Menschen arbeiten; für die gemeinsame Idee stehen, die uns alle verbindet.» Das sei viel wichtiger als das perfekte Spielenkönnen. «Auch die musikalisch Schwächeren gehören ins Team. Sie gleichen eine Situation aus. Es braucht alle.» Wichtig seien Herzblut, Power, Engagement. Dies habe er nicht immer so gehalten. «Ich durfte dies von meinen Schülern lernen. Ich war auf Perfektionismus fokussiert. Jede Partitur musste perfekt gespielt sein … Denn das Wichtigste ist, dass man jeden Organismus individuell annimmt.» Seit nunmehr 18 Jahren arbeitet er mit den talentierten angehenden Musikerinnen und Musikern des Sinfonieorchesters Arabesque zusammen.
Die Perle der Region – preisgekrönt
«Das Orchester ist die musikalische Perle der musikalischen Jugend des Berner Oberlands», so Balatsinos. «Ich bin stolz darauf, was wir alle zusammen erreicht haben. Denn es ist das Resultat von uns allen durch jede und jeden Einzelnen.» Vor zwei Jahren erhielt «Arabesque» den Kulturpreis der Stadt Thun.
In der Welt daheim
Gleich nach dem Gespräch reiste Georgios Balatsinos nach Italien, danach wird er in Tschechien, in Prag, dirigieren. Im August folgt zum zweiten Mal eine Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra: «Ein Konzert für Violine, eine amerikanische Sinfonie.» Im September wird er «Don Giovanni» an der grossen Oper Slaska in Polen dirigieren. Es folgen erneut Auftritte im Heimatland der Oper, in Italien, in Bari. Danach in Armenien, in Jerewan, der Hauptstadt. «Eine spannende Kultur findet man in Armenien.» Er wird in Athen arbeiten, daheim.
Seit 24 Jahren lebt Georgios Balatsinos in der Schweiz. Wo aber fühlt er sich zu Hause? Wo ist seine Heimat? «Meine Heimat ist stets dort, wo ich gerade bin. Alles ändert sich. Ständig. Ich bin meine Heimat.» (lacht).
www.georgios-balatsinos.com
www.jso-arabesque.ch






