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«Lesen ist meine Lebenszeit»

Buchhandel • Hanni Meinen ist seit 40 Jahren Buchhändlerin, vor zehn Jahren übernahm sie das Spiezer Bücherperron als Inhaberin. Das Geschäft führt sie mit Herzblut und Engagement, doch die Beschäftigung mit Literatur ist für sie weit mehr als ein Beruf. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Leidenschaft und was ihr in ihrer Buchhandlung wichtig ist.

| Dorothée Nagel | Kultur
Hanni Meinen und die Lernende Melanie Brunner sind immer für ihre Kundschaft im Einsatz. (Bild: Dorothée Nagel)

Ein heisser Hochsommernachmittag, die Temperatur auf dem Weg durch das Zentrum von Spiez ist drückend und unangenehm. Der schattige Zufluchtsort ist jedoch schnell erreicht, das Bücherperron empfängt den Gast mit einer einladenden Atmosphäre. «Ich kann Ihnen gerne erst einmal alles zeigen», begrüsst mich Melanie Brunner, die bald ihr drittes Lehrjahr als Buchhändlerin beginnt. Gerne nehme ich das Angebot an, ein Blick direkt hinter die Kulissen macht schliesslich immer neugierig. Die Buchhandlung deckt eine breite Palette ab, für jeden Geschmack ist etwas dabei. 

Vom Krimi über Belletristik bis zu Ratgebern und Kinderbüchern, auch ein ausgewähltes Papeterieangebot ist erhältlich. Die persönliche Note ist direkt spürbar, sorgfältig kuratierte Büchertische weisen auf Neuerscheinungen, saisonale Lektüre oder auch Empfehlungen der Mitarbeitenden hin. «Krimis laufen meistens sehr gut, aber die Kundenwünsche sind allgemein sehr unterschiedlich. Die meisten haben gemeinsam, dass sie auf der Suche nach Unterhaltung sind», stellt Melanie Brunner fest. Inhaberin Hanni Meinen kommt dazu, und in der Sitzecke mit dem roten Sofa, einem Herzstück des Geschäfts, sind wir schnell im Gespräch. 

«Vorhin sass mir hier noch ein Vertreter eines grossen Verlags gegenüber», erzählt sie. Das seien stets spannende Termine, man lerne so viele neue Bücher kennen und man werde immer wieder motiviert, sich neuer Literatur zu widmen. «Wenn mir jemand, mit dem ich seit Jahren zusammenarbeite, sagt, das Buch habe ihm gefallen, dann vertraue ich auf dieses Urteil», so Meinen. Immer auf dem Laufenden zu sein, ist ihr extrem wichtig. Der Nachschub versiegt nie, und wenn man wie sie ungefähr ein Buch pro Woche «schaffen» möchte, dann ist man allzeit gut beschäftigt. Lebhaft erzählt sie von den vielen ungelesenen Werken, die sich zu Hause immer stapeln; am liebsten würde sie alle auf einmal zur Kenntnis nehmen. «Ja, natürlich gibt es manchmal auch Frust, dass man das gar nicht alles bewältigen kann», sagt Meinen lachend. Bücher nicht nur zu lesen, sondern sie auch physisch um sich zu haben, ­bedeutet ihr viel. «Manche sind mir so wichtig, dass ich sie zu Hause haben muss.»

Übernahme des vertrauten Geschäfts

Vor zehn Jahren, im Mai 2016, übernahm Hanni Meinen das Bücherperron, doch das Geschäft kannte sie vorher schon bestens; es war zu dieser Zeit längst eine Art Zuhause. Die gebürtige Spiezerin lernte vor Ort bei der Traditionspapeterie G. Maurer AG zunächst den Beruf der Papeteristin, doch ihre eigentliche Zielrichtung war längst klar: «Ich wollte immer Buchhändlerin werden. Dass ich später einmal selbst ein Geschäft führen würde, hat sich dann einfach ergeben, doch einen anderen Berufswunsch hatte ich schon als Kind nicht.» 

Nach zwei Jahren bekam die junge Hanni Meinen dann auch direkt die Gelegenheit, die Ausbildung zur Buchhändlerin anzuschliessen, und sie war mit 24 Jahren bereits für die Auswahl des Sortiments verantwortlich. Eine Tätigkeit, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen ist und die sie liebt. Auch bei ihren Mitarbeitenden ist es ihr wichtig, diese einzubeziehen und auch ihnen die Möglichkeit zu geben, auf das Sortiment Einfluss zu nehmen. Im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur verlasse sie sich gern auf die Lernende, doch auch in anderen Genres finden sich zahlreiche Empfehlungen des siebenköpfigen Teams wieder. Das Geschäft als Inhaberin zu übernehmen, sei keine grosse Umstellung gewesen, erinnert sich Meinen. «Es hat mir auch vieles erleichtert, die finanzielle Verantwortung zu übernehmen; so lässt es sich besser planen.» Sie habe die Entwicklung des Ladens so lange verfolgt und mitgeprägt, kannte noch den alten Standort und begleitete den Umzug an die Oberlandstrasse, da sei die Entscheidung nicht mehr schwergefallen. Weil Hanni Meinen am liebsten hinter dem Ladentisch steht und Bücher verkauft, gönnt sie sich einen Treuhänder, der ihr von Zahlungen über die Mehrwertsteuerabrechnung bis hin zum Jahresabschluss alles erledigt.

Wir werden kurz in unserem Gespräch unterbrochen; der Laden ist voll. Melanie Brunner ist bereits im Gespräch mit einer Käuferin, und Hanni Meinen kümmert sich um weitere Anliegen der Kundschaft. Ob noch Kalender für das laufende Jahr erhältlich seien? Im Bücherperron definitiv, die passionierte Buchhändlerin hat noch etwas im Lager. Man kenne sich, erzählt sie mir, als es wieder ruhiger im Geschäft wird; es komme viel Stammkundschaft zu ihnen. Oft wisse man dann im Laufe der Zeit, was jemandem gefallen könnte, das erleichtere die Beratung. «Ich verbringe so viele Stunden hier, man arbeitet automatisch über 100 Prozent. Dann ist es schön, dass ich hier eigentlich auch direkt meine sozialen Kontakte pflege.»

Buchhandlungen als Sehnsuchtsorte

Hanni Meinen lebt für Bücher und das Bücherperron, der Lektüre widmet sie jede Minute, in der sie dazu kommt. Zwischen beruflich und privat unterscheidet sie nicht, Freizeit und Arbeit gehen bei ihr Hand in Hand, denn wie sie selbst sagt: «Lesen ist meine Lebenszeit». 

Eigene Lieblingsautorinnen oder -autoren oder auch Lieblingsbücher sind ihr schwer zu entlocken, natürlich gebe es aber immer wieder Neuerscheinungen, auf die sie sich besonders freue, aktuell sind das Dörte Hansen und Juli Zeh. Um etwas, was ihr besonders gefallen habe, doppelt zu lesen, fehle ihr allerdings die Zeit, denn wenn man den Überblick behalten wolle, müsse man sich ausschliesslich den Neuigkeiten widmen. Gibt es Klassiker, die sie besonders beeindrucken? «Natürlich, die sind dann wieder etwas für später», sagt die 62-Jährige lachend, «wenn ich den Laden einmal nicht mehr habe. Jetzt kann ich es mir nicht leisten.» 

Wenn sie unterwegs sei, besuche sie natürlich auch andere Buchhandlungen, das sei für sie extrem interessant. Teilweise einfach zum Stöbern, teils im professionellen Rahmen als Mitglied einer Gruppe zum Erfahrungsaustausch im Buchhandel. In dieser unterstütze man sich gegenseitig und könne vom Wissen anderer profitieren. Die Buchbranche kämpft wie der gesamte Detailhandel mit strukturellen und wirtschaftlichen Problemen, immer wieder wird von einer akuten Krise gesprochen, und die Zukunftsaussichten des stationären Buchhandels tendieren ins Ungewisse. Nach 40 Jahren in der Branche bereiten diese Entwicklungen Hanni Meinen Sorge. «Es macht mich natürlich traurig, wenn der Markt nicht gut aussieht.» Dennoch sei sie überzeugt, dass viele Menschen eine enge Verbindung zur Literatur verspürten und daher auch heutzutage gerne Buchhandlungen aufsuchten. 

«Für viele sind das immer noch Sehnsuchtsorte.» Berufseinsteigerinnen und -einsteiger auszubilden, liegt ihr sehr am Herzen, um ihr Wissen und ihre Leidenschaft weiterzugeben. Es sei auch eine Verantwortung, literaturbegeisterte Menschen darauf vorzubereiten, die Branche in Zukunft mitzuprägen und dafür zu sorgen, das gedruckte Werk
lebendig zu halten. 

Gerade als unabhängige und eher kleine Buchhandlung sei das Weiterleben jedoch nicht einfach, und Meinens grosser Wunsch ist, dass sie in den kommenden Jahren eine Nachfolgelösung findet und das Bücherperron weiter bestehen bleibt. «Noch denke ich nicht ans Aufhören, ich mache gerne noch ein paar Jahre, denn ich habe hier alles, was ich brauche. Aber man muss auch realistisch in die Zukunft sehen.» 

«Ich nehme mir Zeit für das, was mir wichtig ist»

Um das Bücherperron möglichst breit aufzustellen und immer wieder neue Zielgruppen zu erschliessen, bemüht man sich um ein abwechslungsreiches Programm und bietet regelmässige Veranstaltungen an (siehe Infobox). Ob beim Format «Ybschliesse & Gniesse», der Teilnahme am Spiezer Use­stuehle oder etwa den «Strandkorb­lesungen» – das Team findet immer wieder Möglichkeiten, das Geschäft und die Literatur zu positionieren. Dabei schätzt Meinen sowohl den Kontakt zu den Leserinnen und Lesern als auch die Begegnungen mit verschiedenen Autorinnen und Autoren, mit denen sie für diese Anlässe zusammenarbeitet. 

«Joachim B. Schmidt, der in Island lebt, war zum Beispiel eine solche Begegnung; er beeindruckt mich, und es hat mich sehr gefreut, ihn kennenzulernen.» Unvergesslich bleibe auch die «Schneesturmlesung» mit Franz Hohler Anfang Mai 2021 auf dem Niesen.

Fehlt durch die intensive Beschäftigung mit dem Lesen Zeit für anderes im Leben von Hanni Meinen? «Nein», antwortet sie, «ich nehme mir Zeit für das, was mir wichtig ist. Und solange ich Gelegenheit zum Lesen habe, bin ich zufrieden.» Den «Literaturclub» würde sie immer schauen, ansonsten blieben Fernsehen und Radio bei ihr ausgeschaltet, denn «das kostet mich ja alles nur Lesezeit». 

Ab und an mit ihrem Ehemann ins Theater und an Ausstellungen, solche Dinge mache sie schon gerne, aber es müsse auch nicht mehrmals pro Woche sein. Zwischendurch brauche sie einfach immer mal wieder ein wenig Bewegung. Dafür gehe sie sich gerne im Thunersee abkühlen und eine Runde schwimmen, oder auch regelmässiges Winterschwimmen tue ihr gut; eine Wanderung darf es hin und wieder auch mal sein. 

Was ihr sonst Freude bereitet? Feines Essen und Ferien, zum Beispiel Reisen in ihr Herzensland Dänemark, das Mutterland ihres Ehemannes. Auch gemeinsame Zeit mit ihrer Tochter Kerstin bedeutet ihr viel. «Dann kann ich auch wirklich abschalten und habe keine Probleme, das Geschäft eine Weile in den Händen meiner Mitarbeitenden zu lassen.


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