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«Politik ist auch ein Handwerk»

Interview • Raphael Lanz (SVP) ist seit 16 Jahren Stadtpräsident von Thun und kandidiert für den Regierungsrat. Doch wer ist der Mensch hinter dem Berufspolitiker? Ein persönliches Gespräch mit Augenzwinkern über Politik, Familie, Lieblingsfarben und überwundene Kindheitsängste.
| Adrian Hauser | Politik
Raphael Lanz in der Wandelhalle des Rathauses Bern. (Bild: Adrian Hauser)

Wer ist der Mensch Raphael Lanz? 

Ich bin sehr vielseitig interessiert. Ich habe gerne Leute und arbeite gerne mit Leuten zusammen. Ich bin ein Familienmensch und möchte Positives bewirken. Ich finde, dass man versuchen soll, aus jeder Situation etwas Gutes oder etwas noch Besseres zu machen. Man muss immer die Chancen und Möglichkeiten sehen.

Wer ist der Familienvater Raphael Lanz?

Wir haben drei erwachsene Töchter und ich bin sehr stolz auf sie, denn sie haben ihren Weg gemacht. Sie sind inzwischen eigenständig, doch wir haben einen engen und regelmässigen Kontakt. Einmal pro Woche kommen sie zu uns zum Abendessen und das ist sehr schön. Manchmal kann ich ihnen mit meiner Lebenserfahrung einen Rat geben, doch es kommt auch vor, dass sie mir aus ihrer Perspektive einen Rat geben können. Grundsätzlich versuchen wir als Eltern, sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Sie wissen selbst am besten, was gut für sie ist, und ich vertraue darauf, dass sie sich richtig entscheiden. 

Wo gibt es da Parallelen zur Politik?

Auch in der Politik vertrete ich ein liberales Menschenbild. Ich glaube nicht daran, dass man alles regeln muss und allen vorzuschreiben hat, wie sie sich verhalten sollen. Es gibt immer Ausreisser, aber grundsätzlich glaube ich daran, dass die Menschen vernünftig sind. Ich kann ein Beispiel nennen. Wir haben einen alten VW-Bus und wir gehen damit gerne campen. Aber ich mag keine Campingplätze, bei denen schon bei der Einfahrt überall steht, was man alles nicht tun darf. Dann fühle ich mich bevormundet. Ich habe gerne Freiheit und mit dieser Grundhaltung betrachte ich auch die Menschen: Wenn die Menschen eine gewisse Freiheit haben, können sie sich entfalten. So haben wir auch unsere Kinder erzogen. 

Wo waren Sie letztes Mal campen?

Wir waren in Graubünden und sind über verschiedene Pässe gefahren. Wir haben einen VW T2 von 1975. Mit einem solchen Auto hat man nie eine Kolonne vor sich.

Sie sind schon lange Stadtpräsident von Thun. Wie hat Sie dieses Amt verändert?

Ich glaube, dass sich mein Wesen durch dieses Amt nicht verändert hat. Es bestand auch nie die Gefahr, dass ich abhebe. Kinder helfen dabei enorm. Als ich gewählt wurde, waren diese noch klein. Wenn man am Abend zu kleinen Kindern nach Hause kommt, befindet man sich sofort in einer anderen Welt. Die Erdung in der Familie hat mir immer sehr geholfen. Ich versuchte immer so zu bleiben, wie ich bin.

Welches ist Ihre Motivation, um für den Regierungsrat zu kandidieren?

Ich konnte in den 16 Jahren als Stadtpräsident sehr viele Erfahrungen sammeln. Ich habe viel Führungserfahrung, konnte in Thun einiges bewegen und verwirklichen. Die Erfahrungen meines bisherigen Berufslebens entsprechen dem Anforderungsprofil, das es für den Regierungsrat braucht. Nach sechzehn Jahren als Stadtpräsident möchte ich zudem noch eine neue Herausforderung annehmen und dazu bin ich top motiviert. Es wäre ideal, wenn ich all das, was ich mir in den vergangenen Jahren aneignen konnte, in ein solches Amt einbringen dürfte. Ich möchte meinen Beitrag für einen starken Kanton Bern leisten.

Wofür würden Sie als Regierungsrat stehen?

Der Kanton Bern hat beste Voraussetzungen, doch ich glaube, wir haben mehr Potenzial, als wir tatsächlich ausschöpfen.

Wo sehen Sie noch nicht ausgeschöpftes Potenzial?

Wir haben manchmal etwas zu -wenig Ambitionen, noch besser zu werden. Dazu ein Beispiel aus dem Sport. Anfang Saison sprach ich mit den Verantwortlichen des FC Thun und sie erzählten mir, dass sie nun auch an ihrer Mentalität gearbeitet hätten. Sie würden nicht nur auf den Platz gehen, um zu spielen, sondern um auch gegen die grossen Mannschaften zu gewinnen. Eine solche Ambition dürften wir auch als Kanton haben. Wir haben beispielsweise zu lange Bewilligungsverfahren im Bauwesen. Also müsste man doch die Ambition haben, diese zu verkürzen, damit tolle Projekte rasch umgesetzt werden können. Wenn wir in Thun über das neue Zentrum des Schweizerischen Fussballverbandes nicht so rasch entschieden hätten, wäre das vielleicht einfach an uns vorbeigezogen. Etwas vom Wichtigsten ist es, Chancen zu erkennen. Und der Kanton Bern hat viele Chancen.

Darf man auf den eigenen Kanton also etwas stolzer sein?

Ja, ich glaube schon. Politik ist manchmal ja etwas defizitorientiert und weist oft darauf hin, was nicht gut läuft. Aber man kann es auch umdrehen und benennen, was alles gut ist. Dabei merkt man rasch, dass sehr vieles schon gut läuft. Aus dieser Haltung heraus möchte ich Politik betreiben: Es läuft schon vieles gut, aber wir können es noch besser. Mit einer positiven Grundhaltung fällt es auch leichter, hart zu arbeiten. In den Verwaltungen müsste man zum Beispiel mehr Freude daran haben, Entscheide zu fällen. Denn Entscheide tragen dazu bei, dass man etwas verwirklichen kann. Dieses Mindset würde ich gerne einbringen nebst dem Handwerk, das es dazu braucht. Politik ist letztendlich auch ein Handwerk. Und dieses beherrscht man nach einer gewissen Zeit. Man lernt, wie man bei Geschäften vorgehen muss, damit man alle im Boot und am Schluss nicht einen Scherbenhaufen vor sich hat. Wenn man lange in der Exekutive ist, lernt man, wie man grosse Geschäfte erfolgreich umsetzen kann. 

Man hat den Eindruck, dass Sie eine sehr integrative Politik betreiben. 

Das Amt als Stadtpräsident setzt das voraus. Ich sagte bereits vor der Wahl, dass ich ein Stadtpräsident für alle bin. Selbstverständlich habe ich meine politischen Überzeugungen, doch das heisst ja nicht, dass alle anderen keine guten Argumente haben. Wenn jemand gute Argument hat, lass ich mich auch überzeugen. 

Sie haben Entscheidungen angesprochen. Was war bisher Ihre schwierigste berufliche Entscheidung?

Führungsentscheide, bei denen es um Menschen geht, sind für mich die schwierigsten. Ich möchte jeden Morgen in den Spiegel schauen können im Wissen, dass ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Für den richtigen Entscheid braucht es manchmal etwas Zeit. Es darf zwischen Kopf- und Bauchentscheid keine Differenz geben. Solange Kopf und Bauch nicht in Einklang sind, entscheide ich nicht. In der Politik hilft zudem das Kollegium, schwierige Entscheide zu fällen. Wenn alle hinter einem Entscheid stehen können, ist er wohl richtig.

Was war privat Ihre bisher beste Entscheidung?

Mit meiner Frau zusammenzukommen. Ich habe sie bereits im Gymnasium kennengelernt und wir sind heute noch zusammen und glücklich verheiratet.

Welche Eigenschaft schätzen Sie an Ihrer Frau am meisten?

Sie hat eine sehr positive Grundeinstellung und mag die Menschen.

Welche Eigenschaft schätzt Ihre Frau an Ihnen am meisten?

Da müssten Sie meine Frau fragen, aber ich denke, dass man sich auf mich verlassen kann. Aber ich kann mich auch auf sie verlassen. Wir können uns gegenseitig aufeinander verlassen.

Wovor hatten Sie als Kind am meisten Angst?

Ich hatte als kleiner Junge Angst vor dem «Fulehung». Meine Eltern hatten ein Geschäft in der Hauptgasse. Immer, wenn er durch die Gasse kam, bin ich ins Geschäft gelaufen, um mich zu verstecken. Einmal kam er jedoch ebenfalls rein und mein Vater wollte, dass ich ihm zeige, wo er zum Aarequai wieder raus kann. Ich habe das getan, obwohl ich Angst vor ihm hatte.

Was ist Ihre Lieblingsfarbe?

Ich habe gerne Blau. Ich mag Blau in allen Nuancen. Vielleicht habe ich so gerne Blau, weil es so viel Blaues in meinem Kleiderschrank hat, oder es hat so viel Blaues in meinem Kleiderschrank, weil ich gerne Blau habe.

Welche ist Ihre Lieblingsfigur der Geschichte?

Ich bin von Winston Churchill fasziniert. Er war ein Staatsmann und eine beeindruckende Figur – ein Multi-talent.

Was ist Ihre Definition von Glück?

Das Wichtigste ist, dass es seinen Liebsten gut geht.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Eine Leistung war sicherlich die Einführung der AHV. Das war ein gros-ser Wurf und dazu brauchte es einiges. Dass es gelungen ist, ein solches Sozialwerk einzuführen, ist bewundernswert.

Welches ist Ihre Vorstellung von Sicherheit?

Alle sollen ohne Angst und ohne dass ihnen etwas passiert, auf die Strasse gehen können. Das ist das eine. Aber es braucht auch eine gewisse materielle Sicherheit. Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, sollen wissen, dass die Gesellschaft und der Staat ein Sicherheitsnetz bieten, das sozial Schwache auffängt. 

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Auf unserer Welt passiert zurzeit so viel Negatives, das wir nicht beeinflussen können. Ich wünsche mir, dass wir die Kraft und den Mut haben, dort etwas zum Positiven zu verändern, wo wir es auch tun können. 


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