Für Chancengleichheit und Gleichberechtigung
Erstmals politisiert wurde sie, als sie 1991 am Frauenstreik teilnahm. Es war die Zeit, als die Abschaffung der Armee diskutiert wurde und sich Widerstand gegen die Anschaffung der -F/A-18-Kampfflugzeuge bildete. Mit der Teilnahme am Frauenstreik ist eine Anek-dote verbunden. Um da-ran teilnehmen zu können, musste sie der Schule fernbleiben. Eine Erlaubnis dazu erhielt sie allerdings nicht. Daher wurde sie im Nachgang vor die Schulleitung «zitiert». Dort konnte sie derart geschickt argumentieren, dass die Abwesenheit letztendlich doch als entschuldigt galt. In diesem Moment hat sie gemerkt, dass sie die Fähigkeit hat, andere mit ihren Argumenten zu überzeugen.
Katharina Ali-Oesch sitzt in ihrem Büro im obersten Stock des Thunerhofs. Auf der einen Seite hat man einen weiten Blick auf die Berge, auf der anderen sieht man das majestätische Schloss. Seit 2022 ist sie als Gemeinderätin Vorsteherin der Direktion «Bildung Sport Kultur» und Grossrätin, seit 2023 Vize-stadtpräsidentin. Im Gespräch zeigt sie sich empathisch, besonnen, präzise in der Wortwahl – eine Sympathieträgerin rundum. Als ehemalige Lehrerin liegt ihr die Bildung der nachkommenden Generation am Herzen, sie mag aber auch den Kontakt zu den Menschen, mit denen sie durch verschiedene Vereine, die sie in ihrem Amt regelmässig besucht, oft Kontakt hat. «Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen», sagt sie. Das Amt als Gemeinderätin sei eine sinnstiftende Aufgabe, zudem habe sie hier die Gelegenheit, öffentliche Interessen wahrzunehmen und etwas für die Bevölkerung, für die Allgemeinheit zu tun. Und für die Stadt, in der sie lebt und die sie liebt.
Familiärer Zusammenhalt
Aufgewachsen ist sie in Schwarzenegg in einer Bauernfamilie. Beide Eltern waren politisch aktiv. Der Vater war eine Zeit lang Gemeindepräsident und ihre Mutter Mitglied des Gemeinderats. Beide waren in der SVP. Katharina Ali-Oesch ist die zweitälteste von insgesamt sechs Geschwistern. Der Zusammenhalt in der Familie war gross. «Alle anfallenden Arbeiten im Betrieb und im Haus wurden generationenübergreifend und gemeinschaftlich zwischen meinen Eltern, meiner Grossmutter,
den Lernenden und auch uns Kindern aufgeteilt», erzählt Katharina Ali-Oesch. Die Frauen in der Familie waren stets aktiv und berufstätig, die Männer kümmerten sich auch um die Kinder, da sie ja auch vor Ort waren. In einer Zeit, in der die Geschlechterrollen von der Gesellschaft noch klar zugeteilt wurden, war eine solch gelebte Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit.
Nach der obligatorischen Schulzeit machte sie ein Welschlandjahr mit Berufslehre «Hausangestellte» auf einem Bauernhof. Anschliessend arbeitete sie in einer Bäckerei, bevor sie von 1988 bis 1993 das Staatliche Seminar für Haushaltungslehrerinnen und -lehrer in Bern absolvierte. Mehr als zwanzig Jahre war sie danach als Fachgruppenlehrerin an der Sekundarstufe I tätig. Sie unterrichtete in den Fächern Wirtschaft, Arbeit, Haushalt und textiles Gestalten. Die Zeit als Lehrerin hat der heutigen zweifachen Mutter sehr gut gefallen. Mit ihrer Politik will sie erreichen, dass Thun auch für die nachkommenden Generationen lebenswert bleibt.
Sie will ein würdiges Erbe hinterlassen und sieht ihr politisches Engagement auch als eine Investition in die Zukunft und in die kommende Generation. Und diese habe es heute nicht leicht. Die Resilienz der Jugend zu fördern sei anspruchsvoller denn je. Die virtuelle Welt biete eine Reizüberflutung mit einer Verfügbarkeit rund um die Uhr, und es gebe eine Fülle von Möglichkeiten zur Auswahl, wodurch man rasch Gefahr laufe, die Orientierung zu verlieren.
«Die Welt in Thun»
Seit über 20 Jahren lebt Katharina Ali-Oesch nun in Thun. Ihre Mutter kommt von hier, und sie wohnt zusammen mit ihrer Familie im Haus ihrer Grosseltern. Dies nach einem Abstecher nach Zürich und von dort hinaus in die grosse, weite Welt. Denn sie hat während zweier Jahre bei der Swissair als Flight Attendant gearbeitet. «Ich wollte die Welt sehen und Sprachen lernen», erzählt sie. Besonders beeindruckt auf ihren Reisen hat sie Accra, die Hauptstadt Ghanas. Das sei für sie damals eine komplett andere Welt gewesen. Sie ist sich dort des grossen Nord-Süd-Gefälles auf der Welt bewusst geworden. Gleichzeitig habe Accra ein grosses kulturelles Erbe und mit der Sklaverei eine schwierige Vergangenheit. Heute sagt sie: «Ich habe die Welt hier in Thun.» Es habe hier alles, was man brauche, die Menschen seien sympathisch und engagiert, der Umgang persönlich – ein idealer Wohnort für Familien.
Am 14. Juni kandidiert die Politikerin, die für Chancengleichheit und Gleichberechtigung einsteht, nun fürs Stadtpräsidium. Zur Wahl stehen zudem Eveline Salzmann von der SVP und Andrea de Meuron von den Grünen. Thun wird also erstmals eine Stadtpräsidentin erhalten. Wird sie gewählt, so möchte sie die Dynamik weiterführen, mit der sich Thun zurzeit entwickelt. «Man muss die Chancen wahrnehmen, wenn sie da sind», erklärt sie. Sie denkt dabei unter anderem an den geplanten Empa-Campus. Eben bewilligte der Stadtrat 16 Millionen Franken als zinsloses Darlehen für den Neubau der international renommierten Forschungsinstitution. «Ich möchte, dass es den Menschen hier gut geht», fügt Katharina Ali-Oesch hinzu. «Dazu braucht es eine starke Wirtschaft, ein vielfältiges Bildungs-, Kultur- und Sportangebot sowie ein soziales Netz, das niemanden durch die Maschen fallen lässt.»




