«Nichts geht ohne Dialog»
Interview • Katharina Ali-Oesch (SP) kandidiert für das Stadtpräsidium Thun, die Ersatzwahlen finden am kommenden Wochenende statt. Katharina Ali-Oesch ist bereit, ein grosses Erbe zu übernehmen, und erklärt, was ihr dabei wichtig ist.
Frau Ali-Oesch, Sie kandidieren für das Stadtpräsidium von Thun. Welches wären die ersten Projekte, die Sie angehen würden, wenn Sie gewählt werden?
Klar ist, dass ich jene Projekte weiterführen werde, die bereits gestartet sind. Wir haben drei grosse kantonale Entwicklungsschwerpunkte, zu denen der Gemeinderat gerade Beschlüsse gefasst hat. Das sind Thun Nord, Thun West mit dem Sport- und Freizeitcluster und das Stadtquartier Bahnhof. Es geht darum, diese Quartierentwicklungen vorwärtszutreiben und erfolgreich weiterzuführen. Zudem haben wir auch Arealentwicklungen, bei denen es um Wohnraum geht. Wir befinden uns ja im Zustand einer Wohnungsnot mit einer Leerwohnungsziffer von 0,05 Prozent. Auch hier muss man Arealentwicklungen, die bereits in Gang sind, vorwärtstreiben, damit man mehr Wohnraum zur Verfügung stellen kann. Hier haben wir einen politischen Auftrag, preisgünstigen und genossenschaftlichen Wohnraum zu schaffen. Aufgrund einer Initiative wurde im Stadtrat zu diesem Thema ein Gegenvorschlag angenommen. Dieser besagt, dass bis im Jahr 2045 mindestens 1000 zusätzliche Wohnungen gebaut oder planungsrechtlich gesichert sein müssen, die
gemeinnützig und preisgünstig sind.
Dann gibt es ab 2045 also eine Ent-spannung auf dem Wohnungsmarkt?
Es sollte bereits früher eine Entspannung geben. Dieses Jahr beginnt der Rückbau der Wohnbaugenossenschaft Freistatt. Danach beginnen auf diesem Gelände die Bauarbeiten, wir werden daher also schon deutlich früher neuen Wohnraum haben. Dank der inneren Verdichtung werden wir dort 300 statt heute 100 Wohnungen haben. Wir werden also voraussichtlich bereits in den nächsten fünf Jahren eine leichte Entspannung auf dem Wohnungsmarkt feststellen können.
Ist mit einem Bevölkerungszuwachs zu rechnen, wenn es mehr Wohnraum gibt?
Wir gehen von einem Bevölkerungszuwachs aus, wenn wir die entsprechenden Arbeitsplätze schaffen können, wie es vorgesehen ist. Wir werden beispielsweise bald den Schweizerischen Fussballverband in Thun haben, wodurch rund 150 neue Arbeitsplätze hier angesiedelt werden. Im Entwicklungsschwerpunkt Thun Nord werden nicht zuletzt durch den Ausbau der EMPA dereinst sogar 6000 bis 8000 Arbeitsplätze entstehen. Das sind hoch qualifizierte Arbeitsstellen, die, gepaart mit der hohen Lebensqualität in Thun, zu einem Bevölkerungszuwachs führen können. Denn wir gehen davon aus, dass ein Teil dieser Arbeitnehmenden auch hier wohnen wollen.
Wie wird ein Bevölkerungszuwachs die Stadt verändern?
Das wird die Stadt dahingehend verändern, dass wir verschiedene Nebenzentren haben werden. Gerade in Thun Nord wird es durch eine neue S-Bahn-Haltestelle und das innovative Umfeld der Empa ein vielfältiges und lebendiges Quartier geben. Wir werden dort auch für eine hohe Aufenthaltsqualität sorgen mit Gastronomie und Freizeitangeboten. Doch auch andere Quartiere werden sich weiter entwickeln wie beispielsweise das Lerchenfeld. Das Gleiche erwarten wir in Thun West mit dem Sport- und Freizeitcluster. Der Alltag kann so auf kleinem Raum im Quartier stattfinden, ohne dass man für vielfältige Nutzungen weite Wege zurück-legen muss. Eine meiner Visionen ist eine Stadt der kurzen Wege.
Wird Thun zu einer Grossstadt?
Thun wird nie zu einer Grossstadt. Denn wir wollen eine qualitätsvolle Entwicklung. Wir wollen nicht wachsen um des Wachstums willen. Das wäre in keiner Hinsicht sinnvoll, auch nicht volkswirtschaftlich. Wir wollen volkswirtschaftlich zwar einen Mehrwert schaffen, aber gleichzeitig auch Sorge zu unserer einzigartigen Lebensqualität tragen. Wir sind sehr gefordert, stets einen 360-Grad-Blick zu haben und das Ganze im Auge zu behalten. Jede Entwicklung muss ökonomisch, ökologisch und auch sozial nachhaltig sein.
Wie stellen Sie sicher, dass eine Entwicklung nachhaltig ist?
Es ist wichtig, dass man die Bevölkerung mitnimmt und die verschiedenen Interessengruppen einbindet. Nichts geht ohne Dialog, nichts ohne Partizipation. Das mag auf den ersten Blick die Prozesse verlangsamen. Doch es lohnt sich, zusammen mit der Bevölkerung, mit den Ortsansässigen und mit den Quartierleisten diesen Weg zu gehen, um Lösungen zu finden, die für alle funktionieren. Das ist eine wesentliche Aufgabe des Gemeinderates und des Präsidiums, das dieses Gremium führt. Denn wir stehen in der Verantwortung, im öffentlichen Interesse zu handeln.
Sie möchten auch die Menschen in den Fokus rücken. Wie meinen Sie das?
Es ist wichtig, genau hinzuschauen, wie es unserer Bevölkerung eigentlich geht. Man soll nicht nur anhand von Zahlen steuern, sondern auch anhand der Zufriedenheit der Menschen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Bevölkerung Zugang zu Unterstützungsangeboten und zu Informationen hat. Wir müssen als Stadt den Service publique hochhalten. Wir haben ja eine grosse gesellschaftliche Vielfalt mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Wir müssen die gesellschaftliche Entwicklung verfolgen und mit dieser mitgehen.
Wie halten Sie den Kontakt zur Bevölkerung?
Mich interessieren Menschen per se. Das war bereits meine Hauptmotivation, Lehrerin zu werden. Man muss die Menschen gerne haben, wenn man politisieren will. Ich muss empathisch sein und wahrnehmen können, wie es den Menschen geht. Ich bin viel unterwegs und habe oft Kontakt mit der Bevölkerung, was auch viel mit meinem Amt als Vorsteherin der Direktion «Bildung Sport Kultur» zu tun hat. Gerade in der Bildung geht es auch darum, für das Individuum Grundlagen für eine sichere Existenz zu schaffen. Bildung ist zudem die Basis der Demokratie und der Wirtschaft.
Wie wollen Sie die Familien stärken?
Es gibt verschiedene Bereiche, in denen man etwas für die Familien tun kann. Wir konnten beispielsweise dank der Strategie Frühe Kindheit eine Koordinationsstelle als Anlaufstelle für Familien schaffen. Für fremdsprachige Kinder gibt es Sprachspielgruppen, welche bereits früh die sprachliche und gesellschaftliche Integration fördern. Eine möglichst gute Integration hat direkte Auswirkungen auf die Chancen eines Kindes und ist ein Gewinn für alle: für die Gesellschaft, für das Schulsystem, für die Kinder selbst und deren
Familien.
Warum sollte man Sie zur Stadtpräsidentin wählen?
Weil ich ein Interesse an Menschen habe, weil ich eine verlässliche Person bin, weil ich offen und transparent kommuniziere und weil ich gut zuhören kann. Eine meiner Stärken ist zudem, eine verbindende Funktion einnehmen zu können, wenn unterschiedliche Meinungen vorhanden sind. Ich bin bereit, diese Verantwortung zu tragen. Das Interessante an einem solchen Amt ist auch, dass man Generalistin sein muss. Das entspricht mir sehr. Man muss einen breiten Blick haben und das käme meinem Naturell sehr entgegen. Als Stadt muss man die Chancen nutzen, die sich bieten. Dazu muss man auch das Machbare vom Unrealistischen unterscheiden können.




