«Dankbar und demütig»
Interview • In einem spannenden Wahlkrimi um das Stadtpräsidium entschied Eveline Salzmann (SVP) im zweiten Wahlgang das Rennen für sich. Sie erhielt rund 800 Stimmen mehr als ihre Gegenkandidatin Andrea de Meuron (Grüne). Im Gespräch erklärt sie, was ihr als erste Stadtpräsidentin wichtig ist.

Sie sind die erste Stadtpräsidentin von Thun. Was für ein Gefühl vermittelt Ihnen das?
Die Wahl als Stadtpräsidentin macht mich dankbar und demütig. Es freut mich sehr, dass ich überzeugen konnte und Stimmen aus allen Lagern erhalten habe.
Wie erklären Sie sich, dass Sie auch Stimmen aus dem linken Lager für sich gewinnen konnten?
Mir sind qualitative Arbeit, Glaubwürdigkeit und Sachpolitik mit Fokus auf die Umsetzung wichtig. Zudem bin ich authentisch und kann gut mit Menschen umgehen. Ich kann mir vorstellen, dass unter anderem diese Faktoren zu einer breiten Unterstützung für meine Kandidatur geführt haben.
Wofür stehen Sie politisch?
Ich vertrete bürgerliche Werte, bin aber in allererster Linie eine Realpolitikerin, die sachlich und nicht nach Ideologie entscheidet.
Was wollen Sie als Stadtpräsidentin erreichen?
Wir haben viele Projekte aufgegleist, die Thun nachhaltig weiterbringen, wie die Umsetzung der Wohnareale für dringend benötigten Wohnraum, die Weiterentwicklung des Bahnhofs oder den Neubau für die Empa mit der dortigen Arealentwicklung. Diese Projekte möchte ich weiterentwickeln. Zudem möchte ich weiterhin Chancen ergreifen, die sich für Thun bieten. Und ich will meine persönlichen und beruflichen Werte leben.
Als Präsidentin nehmen Sie auch Einfluss auf die Zusammenarbeit im Gemeinderat. Was ist Ihnen für die Zusammenarbeit in diesem Gremium wichtig?
Ich möchte die gute Zusammenarbeit, die wir bis anhin hatten, weiterführen. Eine gute, wertschätzende Diskussionskultur und manchmal etwas Humor helfen dabei.
Welches sind die ersten, dringendsten Geschäfte, die Sie angehen werden?
Dazu gehört die Weiterentwicklung der geplanten Wohnareale, um den dringend benötigten Wohnraum zu schaffen – ein grosser Teil davon als kostengünstige Wohnungen, etwa bei Bostudenzelg. Zudem strebt die Stadt die Einführung eines Monitorings für Airbnb-Wohnungen an.
Was für ein Thun wollen Sie dereinst Ihren Nachkommen hinterlassen?
Thun soll für Familien, für jüngere und ältere Menschen Heimat sein, und sie sollen sich hier sicher und wohlfühlen. Das bedeutet, dass es genügend Wohnungen, Erholungsräume und Freizeitangebote gibt. Es bedeutet auch gesunde Finanzen, sodass wir unsere Infrastruktur erhalten und denjenigen Menschen, die es nötig haben, Unterstützung bieten können. Zudem soll Thun den Firmen gute Bedingungen bieten und so attraktiv sein, dass sie genügend qualifizierte Arbeitskräfte finden. Vieles davon haben wir bereits umgesetzt oder arbeiten weiter daran. Ich wünsche mir, dass Thun weiterhin anpassungsfähig bleibt, die Zeichen der Zeit erkennt und Chancen packt.
Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit im Irak verbracht. Was für eine Erinnerung haben Sie an diese Zeit?
Da ich nur die Zeit zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr dort verbracht habe, habe ich kaum Erinnerungen daran.
Welches sind Ihre ersten Erinnerungen, als Sie in die Schweiz kamen?
Ich kann mich daran erinnern, dass wir in der ersten Klasse «es Buurebüebli mag i nid» gesungen haben und ich nicht so viel vom Text verstanden habe.
Was hat Sie politisiert? Wann und warum stiegen Sie in die Politik ein?
Ich bin in die Politik hineingerutscht, als ich angefragt wurde, ob ich für den Stadtrat kandidieren wolle. Damals wurde ich zwar nicht gewählt, rutschte aber zwei Jahre später nach.
Warum wurden Sie Mitglied bei der SVP?
In Zusammenhang mit den Richterwahlen habe ich mir überlegt, in welche Partei ich gehen möchte. Ich vertrete bürgerliche Werte, darunter auch die Bereitschaft zur Integration in eine Gesellschaft. Unter anderem deshalb habe ich mich für die SVP entschieden.
Nach den Wahlen ist bekanntlich vor den Wahlen. Bereits Ende November finden Gesamterneuerungswahlen statt, Sie werden sich also nochmals stellen müssen. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ich arbeite mich ein, damit ich gut und kompetent das Amt als Stadtpräsidentin ausfüllen kann. Das wird, gepaart mit meinen persönlichen Werten wie Glaubwürdigkeit und Nahbarkeit, mein Leistungsausweis und meine Bewerbung für die kommenden Gesamterneuerungswahlen sein.
Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie mal aufatmen können? Wie erholen Sie sich am Ende eines strengen Tages?
Indem ich Zeit mit meiner Familie verbringe – ich bin verheiratet und habe drei erwachsene Kinder. Oder indem ich mir Zeit für mich nehme, beispielsweise bei einem Spaziergang. Dort kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen.






