Auf zur zweiten Runde
Wahlen Thun • Bei den Ergänzungs- und Ersatzwahlen für den Thuner Gemeinderat und das Stadtpräsidium hat niemand der Kandidierenden das absolute Mehr erreicht. Mit Spannung darf der zweite Wahlgang vom 5. Juli erwartet werden.
Thun hat gewählt – und irgendwie auch nicht. Bei den Ergänzungs- und Ersatzwahlen für den Thuner Gemeinderat und das Stadtpräsidium hat niemand der Kandidierenden das absolute Mehr erreicht. Bei der Wahl ums Stadtpräsidium schloss Eveline Salzmann (SVP) mit 7446 Stimmen am besten ab. Für das absolute Mehr fehlten ihr rund 700 Stimmen. Das war also äusserst knapp. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen war es auch zwischen der zweit- und drittplatzierten Andrea de Meuron (Grüne) und Katharina Ali-Oesch (SP). Andrea de Meuron erhielt 4507 Stimmen, Katharina Ali-Oesch 4359 Stimmen. Differenz: 148 Stimmen. Als Drittplatzierte zog sich Katharina Ali-Oesch (SP) bereits am Montag nach dem Wahlwochenende aus dem Rennen zurück und unterstützt gemäss einer gemeinsamen Mitteilung der Grünen und der SP An-drea de Meuron. Am 5. Juli wird daher als Stichwahl ein zweiter Wahlgang stattfinden, bei dem sich weisen wird, aus welchem politischen Lager Thuns erste Stadtpräsidentin stammen wird.
Von den Medien etwas weniger beachtet wurde die Ergänzungswahl für den Thuner Gemeinderat. Denn nach dem Abgang von Raphael Lanz (SVP) wurde nicht nur das Stadtpräsidium, sondern auch ein Sitz im Gemeinderat vakant. Es kandidierten Valentin Borter (SVP), Claudius Domeyer (SP) und Simone Rosser (Grüne). Auch hier erreichte niemand das absolute Mehr. Am besten schnitt auch hier die SVP ab mit 6374 Stimmen, gefolgt von der SP mit 5997 Stimmen und den Grünen mit 3245 Stimmen. Auch hier verzichtete die Drittplatzierte Simone Rosser auf eine weitere Kandidatur im zweiten Wahlgang zugunsten der Kandidatur von der SP. Die Thuner Stimmbevölkerung wird im zweiten Wahlgang also zwischen Claudius Domeyer und Valentin Borter entscheiden müssen.
Breite Abstützung
«Das gute Resultat widerspiegelt meine breite Abstützung», sagt Eveline Salzmann auf Anfrage. Tatsächlich profitiert sie von einem breit abgestützten bürgerlichen Netzwerk. Ihre Kandidatur wird unterstützt von der SVP, der FDP, der Mitte, der EDU sowie den Thuner KMU, dem Wirtschaftsverband Thun Oberland und dem HEV Region Thun. Eveline Salzmann ist in Thun geboren, Anwältin und hat viele Jahre als Gerichtspräsidentin gearbeitet. Ihr beruflicher Hintergrund ist also ganz ähnlich wie jener von Raphael Lanz. Seit 2023 ist sie Gemeinderätin und als solche Vorsteherin der Direktion «Sicherheit und Soziales», seit diesem Jahr sitzt sie zudem auch im Grossrat. Für die Stadt Thun will sie jeweils die beste Lösung zugunsten der Bevölkerung erreichen, wobei ihr auch das Soziale sehr wichtig ist, mit dem sie in ihrem aktuellen Amt viel zu tun hat. «Ich setze gerne um, und wenn ich Chancen sehe, ergreife ich diese auch», erklärt Eveline Salzmann ihr politisches Wirken. Dabei gehe sie unideologisch und sach-politisch vor. Als Stadtpräsidentin würde sie zunächst mal jene Projekte weiter vorantreiben, die bereits angestossen wurden. Es handelt sich um wichtige Geschäfte wie verschiedene Arealentwicklungen und den gemeinnützigen Wohnungsbau. «Diese Projekte sind aufgegleist, und ich würde nun gerne in die Detailarbeit hineingehen, wobei mir sicher auch die Erfahrungen aus meinem vorherigen Beruf als Gerichtspräsidentin zugutekommen», erklärt Eveline Salzmann. Denn auch als Gerichts-präsidentin müsse man mit verschiedenen Parteien verhandeln können, gemeinsam nach Lösungen suchen und am Schluss Entscheidungen treffen, die Bestand haben. Ihre Chancen im zweiten Wahlgang schätzt sie nach wie vor als intakt ein, auch wenn sie nicht damit rechnet, dass alle SP-Stimmen nun zu ihr wandern würden. Doch gewisse SP-Leisten hätten ihre Unterstützung bereits zugesagt. Als besonders wichtig in Hinblick auf den zweiten Wahlgang schätzt sie die Mobilisierung ein, da sie grundsätzlich mit einer tiefen Wahlbeteiligung rechnet. Diese lag beim ersten Wahlgang fürs Stadtpräsidium vor gut zwei Wochen bei 53,8 Prozent. Ansonsten liegt sie bei den Wahlen gemäss Evelin Salzmann bei rund 30 Prozent. Eveline Salzmann betonte im Wahlkampf zudem, dass sie auch die nötige zeitliche Verfügbarkeit für dieses Amt hat.
Belastungsgrenze oder Mehrwert?
Ein Wink darauf, dass die Gegenkandidatin Andrea de Meuron nach einer Wahl zur Stadtpräsidentin zeitlich an ihre Belastungsgrenze kommen könnte. Andrea de Meuron steht zurzeit als Gemeinderätin der Direktion Finanzen, Ressourcen und Umwelt vor und rutschte kürzlich in den Nationalrat nach. Bis Ende Mai war sie noch Mitglied der Grossen Rates. Wird sie gewählt, wäre sie also als Gemeinderätin Stadtpräsidentin und gleichzeitig Nationalrätin «Es handelt sich dabei um zwei Mandate und eine Funktion», sagt Andrea de Meuron. Das politische Mandat auf kommunaler Ebene sei das Gemeinderatsamt. «Das Stadtpräsidium ist eine zusätzliche Funktion innerhalb des Gemeindrats – vergleichbar mit Präsidien auf Kantons- oder Bundesebene, die ebenfalls von Mitgliedern eines bestehenden Gremiums ausgeübt werden», führt Andrea de Meuron weiter aus. Sie verweist darauf, dass frühere Stadtpräsidenten von Thun ebenfalls ein nationales Mandat ausübten. Andrea de Meuron sieht darin einen Mehrwert für die Stadt. Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass eine direkte Vertretung der Thuner Anliegen in Bundesbern wertvoll sein könne, da dort die Gesetze und politischen Rahmenbedingungen beschlossen würden, die auch die Thuner Bevölkerung betreffen. Diese Verankerung auf verschiedenen Staatsebenen stärke die Interessenvertretung von Thun und ermögliche es, Anliegen der Stadt einzubringen. Die Thuner Reglemente würden dieser politischen Praxis mit klar geregelten Pensums- und Lohnreduktionen Rechnung tragen. Beim zweiten Wahlgang erhofft sich Andrea de Meuron Stimmen aus unterschiedlichen politischen Lagen. «Mit der SP haben wir eine Zusammen-arbeit für den zweiten Wahlgang vereinbart, die ich ernst nehme und aktiv lebe», fügt sie hinzu. «Für mich steht jedoch eine konstruktive Zusammenarbeit im Interesse der Stadt über Parteigrenzen hinweg im Vordergrund.» Viele Wählende würden sich heute zudem weniger entlang von Partei-grenzen entscheiden, sondern vielmehr aufgrund von Persönlichkeit, Erfahrung und Führungsstil. Auch Andrea de Meuron ist in Thun aufgewachsen. «Ich habe hier ein Unternehmen mitaufgebaut, Arbeitsplätze geschaffen und meine Kinder grossgezogen», sagt Andrea de Meuron. Sie motiviert die Chance, Verantwortung zu übernehmen, Menschen zusammenzubringen und «ihre» Stadt nach innen und aussen zu vertreten. «Das Stadtpräsidium bietet die Möglichkeit, Brücken zu bauen, unterschiedliche Interessen an einen Tisch zu bringen und gemeinsam Lösungen zu finden, die unserer Stadt langfristig dienen», ist Andrea de Meuron überzeugt.




