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Pflanzliche Nahrung gehört nicht in den Trog, sondern auf den Teller!

Initiative • «Die Debatten im Parlament zeigen, wohin die Agrarpolitik führt, die wir mit 3,6 Milliarden Franken jährlich subventionieren», sagt Franziska
Herren, Initiantin der «Initiative für eine sichere Ernährung»: zu weniger Gewässerschutz, mehr giftigen Pestiziden, einer Überproduktion von Milch und Fleisch. Weg von einer sicheren Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser. Der «Berner Landbote» war an der Medienkonferenz. 

| Sonja Laurèle Bauer | Politik
An der Medienkonferenz in Bern sprachen David Jacobsen, Landwirt EFZ; Sabine Heselhaus, Ärztin; Klaus Lanz, Chemiker; Franziska Herren, Initiantin; Regula Züger, Agrarwissenschaftlerin; Roman Wiget, CO-Präsident AWBR (Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke); Gertrud Häseli, Biobäuerin (von links). (Bild: Sonja L. Bauer)

«57 Prozent wollen die Ernährungs-Ini­tiative annehmen, obwohl alle Parteien dagegen sind», schreibt der Tages-Anzeiger. Gemäss einer Umfrage des Bauernverbands unterstützen 57 Prozent der Bevölkerung die Initiative – trotz der Ablehnung durch die Parteien. Warum? Die Forderungen der Initiative «Für eine sichere Ernährung», einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent anzustreben, die Produktion und den Konsum von pflanzlichen Lebensmitteln zu fördern, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und sauberes Trinkwasser sicherzustellen und dafür auch die Höchstwerte für Dünger einzuhalten, sind für die nationale Sicherheit und den Wohlstand unseres Landes von zentraler Bedeutung. 

Franziska Herren: «Sollten globale Krisen zu Importausfällen und Mangellagen führen, ist die Schweiz durch die Initiative erstmals darauf vorbereitet und unsere Wasserversorgung durch eine nationale Planung und den Vollzug des Gewässerschutzes abgesichert. Die Förderung der Bodenfruchtbarkeit und der Biodiversität sichert und steigert die Erträge und ersetzt Pestizide mit einem natürlichen Pflanzenschutz. Das sorgt auch für sauberes Trinkwasser. Subventionen, Bildung, Forschung und Grenzschutz müssen dementsprechend neu ausgerichtet werden und dürfen der Ernährungssicherheit nicht weiter zu­widerlaufen.» 

Keine abgesicherte Wasserversorgung

Die Schweiz erlebe einen weiteren Hitze­sommer mit Rekordtemperaturen, ex­tremer Trockenheit und Wassermangel. «Es fehlt eine nationale Strategie, um die Wasserversorgung im Klimawandel abzusichern», sagte Wasserexperte Klaus Lanz an der Medienkonferenz in Bern zum Kampagnenstart. «Und die Schlies­sung von Trinkwasserfassungen wegen umwelt- und gesundheitsschädlichen Nitrat- und Pestizidrückständen gefährdet die Trinkwasserversorgung zusätzlich.»

Die Initiative «Für eine sichere Ernährung» macht die Trinkwasserversorgung zum Bestandteil der Ernährungssicherheit. «Sie gibt damit dem Bund den Auftrag, für eine national koordinierte Planung unserer Wasserversorgung zu sorgen», so die Initiantin. «So werden die für die Trinkwasserversorgung erforderlichen Grundwasser­ressourcen gegen weitere Verschmutzung, konkurrenzierende Nutzungen und klimatische Herausforderungen abgesichert.»

Politik ignoriert den Auftrag der Landesversorgung

Auch die Landwirtschaft sei nicht angemessen auf den Klimawandel vorbereitet, obwohl dies der Bevölkerung mit der Annahme der Ernährungssicherheits­initiative des Bauernverbandes vor neun Jahren versprochen worden sei. «Ernteausfälle gefährden dadurch unsere Ernährungssicherheit und die Einkommen der Landwirtinnen und Landwirte. Zudem hat der Bund unsere Landwirtschaft bis heute nicht darauf ausgerichtet, dass sie die Ernährung der Bevölkerung in Krisen und Mangellagen innert einem Jahr zu 100 Prozent aus eigenem Boden gewährleisten kann.» Dies aber verlangt der Verfassungs­artikel 102 BV (Landesversorgung). Dafür sind im Sachplan Fruchtfolgeflächen (FFF) genügend Ackerflächen per Gesetz ­gesichert. 

«In den öffentlichen Debatten zur Initiative wird ersichtlich, dass dieser Verfassungsauftrag bewusst ignoriert wird», so Herren. Das zeige sich darin, dass der Bundesrat und der Nationalrat das Anstreben einer Selbstversorgung von 70 Prozent, wie es die Initiative fordert, als «unrealistisch» oder sogar «utopisch» bezeichne. Dies selbst mit
einer Umsetzungsfrist von zehn Jahren.

Irreführende Kommunikation

Das Anstreben einer Selbstversorgung von 70 Prozent müsse jederzeit möglich sein, damit in Krisen innerhalb eines Jahres die geforderten 100 Prozent sichergestellt werden könnten. «Bis heute wurde die Kommunikation von der Politik nicht dementsprechend angepasst. Wir sind deshalb am Vorbereiten einer Abstimmungsbeschwerde.»

Jeden zweiten Tag nichts zu essen 

Wir lebten in einer angespannten Weltsituation; Kriege, Handelskonflikte und klimabedingte Extremwetterereignisse könnten plötzlich und unerwartet zu Importausfällen und Mangellagen führen. Zur Vorlage des Initiativkomitees habe Bundesrat Guy Parmelin an der Medienkonferenz zur Agrarpolitik 30+ gesagt: «In der Schweiz vergisst man, dass wir bei einem Problem an den Grenzen jeden zweiten Tag nichts zu essen haben, weil wir importieren.»

Heutiger Fleischimport: über 50 Prozent – durch Futter

«Dass unsere Lebensmittelversorgung zu mehr als der Hälfte vom Ausland abhängig ist, wird hauptsächlich durch den Anbau von Futter für Nutztiere, statt pflanzlicher Lebensmittel für die Menschen, auf 60 Prozent unserer Ackerflächen verursacht. Unser ­Essen gehört in unsere Teller, nicht in den Trog!»

Die Tierproduktion verursacht doppelt so viele stickstoffhaltige Luftschadstoffe wie Verkehr und Industrie zusammen

Der Einsatz von Pestiziden und die Gülleüberschüsse und Ammoniakemissionen aus einer mit 1,3 Millionen Tonnen Importfutter erhöhten «Tierproduktion» führten zum Verlust der Bodenfruchtbarkeit, der Biodiversität und von sauberem Trinkwasser. «Dadurch wird die Lebensmittelproduktion gefährdet.» Die seit 2008 in den Umweltzielen der Landwirtschaft festgelegten Höchstwerte für Dünger (Stickstoffverbindungen und Phosphor) würden durch die heutige Tierproduktion massiv überschritten – bei den giftigen Ammoniakemissionen um fast 70 Prozent. «Die Nutztierhaltung verursacht heute in der Schweiz durch Ammoniakemissionen fast doppelt so viel stickstoffhaltige Luftschadstoffe wie Verkehr, Industrie und Haushalte zusammen.» Das verstärke die Klima­krise und führe zu Ernteeinbussen, zeigt das Bundesamt für Umwelt auf.

Die Schweiz kann sich selbst versorgen

Die kürzlich in der Agrarforschung Schweiz publizierte Studie «Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung» zeigt, dass die Schweiz sich zu mehr als 100 Prozent selbst versorgen kann. «Dafür muss das Grasland für die Milch- und Fleischproduktion genutzt und die Ackerflächen für den Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln für die Menschen priorisiert werden – statt wie heute für den Anbau von Futter für ­Nutztiere.» Auch die Reduktion von Food Waste erhöhe die Selbstversorgung.

Grasland für Wiederkäuer, Ackerland für pflanzliche Ernährung

«Grasland für Wiederkäuer, Ackerland für pflanzliche Nahrungsmittel – dies ist ökonomisch vernünftig, ökologisch besser und für eine wirkliche Selbstversorgung der Schweiz ein Muss – und übrigens mit tieferen Kosten für die gesamte Gesellschaft», bekräftigte Regula Züger, Dipl. Ing.-Agr. ETH, an der Pressekonferenz. Genau diesen Weg geht die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung». Dabei verbessert sich die Umwelt und der Wasserverbrauch wird gesenkt.

Neue Marktchancen für Landwirtinnen und Landwirte und mehr Arbeitsplätze

Mit der Förderung von pflanzlichen Lebensmitteln eröffnet die Initiative den Landwirtinnen und Landwirten neue Marktchancen und Einnahmequellen, stärkt die Wirtschaft und schafft Arbeitsplätze. Zugleich erhalten die Landwirtinnen und Landwirte mit dem Anstreben von 70 Prozent Selbstversorgung Produktionssicherheit.

75 Prozent (!) der Agrarsubventionen flies­sen in die tierische Produktion 

Heute fördern 75 Prozent der 3,6 Milliarden Franken Agrarsubventionen die tierische Produktion. «Der Bund beeinflusst und bevorteilt die Produktion und den Konsum von tierischen Lebensmitteln gegenüber pflanzlichen Lebensmitteln massiv. Nur ein Drittel der pflanzlichen Lebensmittel produzieren wir selbst, den Rest importieren wir. Währenddessen werden Tausende Ferkel zur Notschlachtung exportiert, um die massive Überproduktion von Fleisch abzubauen» (siehe Box).

31,8 Milliarden Franken Folgekosten

«Das heutige Schweizer Agrar- und Ernährungssystem verursacht in den Bereichen Umwelt, Klima und Gesundheit Kosten von 31,8 Milliarden jährlich. Diese werden durch die Initiative abgebaut», schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft. Um unsere Ernährungssicherheit und Trinkwassersicherheit und die Zukunft unserer Landwirtinnen und Landwirte zu sichern, brauche es eine Neuausrichtung der Agrarpolitik. Und dafür ein JA zur Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung».


30 000 Tiere geschlachtet

Produktionsüberschuss im Schweinestall: Die Schweiz liess (im Ausland) 30 000 junge Schweine schlachten, deren Fleisch entsorgt werden soll. Nach Angaben des Schweizerischen Schweinezuchtverbandes kommen jede Woche mehr Schweine auf den Markt, als der heimische Markt aufnehmen kann. Jede Woche sind dies zwischen 48 000 und 53 000 Tiere, die in die Schlachthöfe gefahren werden – viele davon im Ausland, da die Kapazitäten der Schlachthöfe hierzulande überschritten wären –, während die Marktnach-frage bei rund 44 000 Schweinchen pro Woche liegt. Das bedeutet, dass es einen enormen wöchentlichen «Überschuss» an Tieren gibt. So wurden und werden insgesamt rund 30 000 Ferkel früher geschlachtet. Dies, um zu verhindern, dass sie auf dem Fleischmarkt landen. So soll das Überangebot reduziert werden.

50 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr

Schweinefleisch ist hierzulande nach wie vor das beliebteste Fleisch. Der durchschnittliche Konsum liegt pro Kopf bei rund 20 kg pro Jahr. Ein Mastschweinchen wird mit ungefähr sechs Monaten geschlachtet. Es hat dann ein Gewicht von um die 110 Kilogramm. Weltweit nimmt ein erwachsener Mensch, der Fleisch isst, durchschnittlich 56,6 Kilogramm Fleisch pro Jahr zu sich. Hierzulande sind es rund 50 Kilogramm pro Kopf.

Die Überangebotssituation schlägt sich auch in den Preisen nieder. Der Durchschnittspreis für Schlachtschweine ist von 5.10 Franken pro Kilogramm auf 3.75 Franken gesunken, was einem Rückgang von rund 27 Prozent entspricht.

220 Millionen Franken Verlust

Fachpersonen schätzen, dass sich die potenziellen wirtschaftlichen Verluste auf rund 220 Millionen Franken pro Jahr belaufen könnten, wenn die Produktionsmengen nicht dringend reduziert würden.

Die Massnahmen zur Marktstabilisierung sollen von der Branche selbst finanziert werden. Hierfür sind befristete Beiträge vorgesehen: 0.75 Franken pro Kilogramm Lebendgewicht für Ferkel und 0.25 Franken pro Kilogramm Schlacht-gewicht für Schlachtschweine.

Neben diesen Massnahmen werden Lösungen zur Verringerung der Produktion geprüft. Wie zum Beispiel die Streichung der Plätze von ungefähr 2000 weiblichen Zuchtschweinen. Dazu kommt die Reduktion der Ferkelproduktionskapazitäten.


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